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MONOGRAFIEN Goethes kleiner Bruder

aus DER SPIEGEL 37/2006

Glück oder nicht? Für einen, der in Hameln geboren wurde, vor 250 Jahren, als armer und zudem verrückter Leute Kind, hat er es weit gebracht: in Rom gewesen, die Kunst mit neuen Augen geschaut (und gleich eine Theorie daraus gemacht), ein Liebling des gelehrten Publikums geworden und ordentlicher Professor in Berlin, der sich in der Kutsche fahren ließ für ein Heidengeld, aus reiner Lust am promenierenden Luxus. Doch zugleich hat kaum einer vor und nach ihm so eindringlich zu beschreiben gewusst, wie wenig das Äußere wert sein kann, wenn die Seele zeitlebens hinkt: Karl Philipp Moritz (1756 bis 1793), heute noch zu Recht berühmt als Verfasser des »Anton Reiser«, seines Lebensromans, hat sich an Leib und Gemüt nie mehr erholt von den Schäden, die er erlitten hat als ungeliebter Sohn eines bis zum Fanatismus frömmelnden Soldaten, als leibeigener Lehrbub eines sadistischen Hutmachers, als hungernder Schüler an den Freitischen der wohlgenährten Bürger. Er profitierte vom Bildungsenthusiasmus der deutschen Aufklärung in jener kurzen Spanne, da Denken und Erfahrung noch nicht akademisch gefasst sein mussten und Frauen und Männer gemeinsam an Teetischen diskutierten. Sein Geist, nie systematisch gebildet, war erfinderisch und zu allen Abenteuern bereit, die frühe Erfahrung des Hungers in jeder Form trieb ihn allerdings zu Prahlerei und Karrierismus. Er gründete eine Zeitung, die er gleich selbst vollschrieb, er gab ein »Magazin für Erfahrungsseelenkunde« heraus, eine Abc-Fibel für Kinder, eine Ästhetik für Weimar, zahllose Gedichte, Aufsätze und ein Theaterstück. Für Goethe war er »wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin«. Für viele Schriftsteller seither ist er der arme Verwandte geblieben, dem sie den Mut verdanken, auch dann von sich selbst zu sprechen, wenn das Ich entmutigt ist und sich seiner schämt. Die Lebensgeschichte von Karl Philipp Moritz wird jetzt anschaulich und klug erzählt in einer neuen Monografie.

Willi Winkler: »Karl Philipp Moritz«. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg; 160 Seiten; 8,50 Euro.

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