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US-FERNSEHEN Goldene Worte

Mit 2,5 Millionen Mark Jahresgehalt wurde die Amerikanerin Barbara Walters zur höchstbezahlten Journalistin der Welt. Kritiker meinen: Der amerikanische Fernseh-Journalismus kommt zur bloßen Show herunter.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Hyäne in Sirup« nannte sie, nach einem Interview, der Sowjet-Poet Jewgenij Jewtuschenko. »Time« verlieh ihr den Titel »Diva der Morgendämmerung": Zwölf Jahre lang moderierte Barbara Walters, 44, das Morgen-Magazin »Today«, das täglich von sieben bis neun von der NBC, der zweitgrößten US-Fernsehgesellschaft, ausgestrahlt wird.

218 US-Fernsehstationen übernehmen regelmäßig die »Today«-Show. Durchschnittlich acht Millionen Amerikaner fühlen sich täglich angezogen von der »Mischung aus weiblichem Super-Köpcke und Prominentenplaudertasche à la Dünser«, wie westdeutsche Besucher die »Today«-Moderatorin einschätzen.

Inzwischen freilich geriet die Star-Kommunikatorin«, wie amerikanische Zeitungsleute ihre TV-Kollegin eher abschätzig nennen, selber in die Schlagzeilen: Für die -- im Journalismus beispiellose -- Jahresgage von einer Million Dollar, garantiert für fünf Jahre, verpflichtete die American Broadcasting Companies (ABC), drittgrößter TV-Konzern der USA, Barbara Walters für die abendliche ABC-Nachrichtenschau.

Der Millionen-Coup, der die Journalistin in die Nähe von Show- und Filmstars wie Liza Minnelli und Elizabeth Taylor nickte, löste in den USA heftige Diskussionen über Informationswert und Glaubwürdigkeit des Mediums Fernsehen aus.,, Das ist nicht Journalismus«, giftete Richard Salant, Nachrichtenchef der Konkurrenz CBS, »das ist Tingeltangel.« Da könne ABC doch gleich die Nabelschönheit Cher verpflichten.

Gegen Star-Allüren und eitle Selbstdarstellung sind auch westdeutsche Fernseh-Journalisten. etwa wenn sie »Aus Bonn berichten«, nicht gefeit. Aber die Garnierung der Fernsehnachrichten mit Werbespots hält sich in Grenzen. Am weitesten geht noch das ZDF, das seine »Heute«-Sendung um 19 Uhr zwischen zwei Werbeblöcke stellt.

Den Amerikanern hingegen präsentiert sich das Weltgeschehen jeden Abend als flimmernder Flickenteppich aus blutigen Wirren, atemlosen Korrespondenten-Statements, Whiskas-frohen Katzen und Mitmenschen, die ihr Magengrimmen mit Alka Seltzer fortsprudeln. Als John F. Kennedy starb, folgte auf die erste Meldung vom Attentat aus Dallas ein Spot für »Kleenex«-Tücher. Auf jede 30-Minuten-Sendung entfallen durchschnittlich acht Minuten Werbung und Stationsansagen.

Die drei großen Gesellschaften Columbia Broadcasting System (CBS). National Broadcasting Company (NBC) und die ABC -- teilen sich in das 2,5-Milliarden-Business. Die »News-Shows« sind dabei die Visitenkarten des jeweiligen Fernsehnetzes. Und ihre Stars sind die Chef-Nachrichtensprecher, die zugleich als Moderatoren ("anchormen") durch die Sendung führen: Walter Cronkite, 59, bei CBS, John Chancellor, 48, bei NBC und Harry Reasoner, 54, bei ABC.

Der »anchorman« ist Produzent, Chefredakteur, Regisseur und Sprecher in einer Person. Er bestimmt Auswahl, Länge und Mischung der Beiträge. Er erteilt Aufträge an Korrespondenten und hält tagsüber stündlich Konferenz mit dem Mitarbeiterstab. Während der Sendung liest er die Texte nicht vom Papier, sondern von einem elektronischen Souffleur, dem »Teleprompter«.

Die Chefsprecher -- Salär: 400 000 Dollar jährlich -- sind bekannter und populärer als je ein Hollywood-Star der alten Zeit. Ihre persönliche Anziehungskraft gibt den Ausschlag für die Einschaltquoten der konkurrierenden Tagesschauen -- und mithin für den wirtschaftlichen Erfolg der TV-Konzerne. Je nach Einschaltquote reichen die Minutenpreise für Werbeeinblendungen von 35 000 bis 80 000 Dollar.

Begonnen hatte der amerikanische Fernseh-Journalismus in seinen frühen Jahren auf hohem Qualitätsniveau. Tagesschauen und Dokumentationsberichte galten bis Mitte der fünfziger Jahre den TV-Gesellschaften als Prestige-Beiträge, in die bei der Unterhaltung verdientes Geld gesteckt wurde, um öffentliche Verantwortung zu demonstrieren.

Aber schon 1958 würgte etwa CBS die brillante wöchentliche Dokumentarreihe »See it Now« von Ed Murrow ab, weil sie nur Ärger mit Politikern und kein Geld einbrachte. Murrow, berühmter Rundfunkreporter im Zweiten Weltkrieg, wurde dazu verdonnert, in der Prominenten-Talkshow »Person to Person« Prinzessin Margaret und Marilyn Monroe zu interviewen -- schließlich quittierte er angewidert seinen Dienst.

Inzwischen sind zahlreiche News-Shows von frühmorgens bis spätabends darauf aus, das US-Fernsehpublikum zu unterhalten statt zu informieren -- mit »geradezu einer Parodie auf wirkliche Berichterstattung«, wie es der Journalisten-Senior Thomas Griffith im Nachrichtenmagazin »Time« jüngst formulierte.

»Charmante« Studioredakteure (meist mehrere an einem Tisch) und »selbstbewußte« Reporterinnen benutzen die Neuigkeiten nur als Vorwand, einander Witzeleien und Kalauer zuzuspielen. Damit aber, meint Griffith, würden »die Ereignisse trivialisiert und die gefilmten Toten in den Straßen von Beirut bagatellisiert -- Nachrichten als Zuschauersport«.

Immer härter wurde in den letzten Jahren der Konkurrenzkampf der drei Großen in den USA. So konnte ABC etwa im ersten Quartal 1976 mit seiner abendlichen News-Show durchschnittlich nur 19 Prozent der US-Fernsehteilnehmer ködern; NBC hingegen schaffte 25, CBS mit Walter Cronkite sogar 27 Prozent Seherbeteiligung.

Dabei erzielte etwa 1974 die CBS mit 650 Millionen Dollar Umsatz stolze 110 Millionen Gewinn, während ABC (Umsatz: 550 Millionen Dollar) sich mit knapp 50 Millionen Dollar begnügen mußte.

Schon eine Zunahme der Seherbeteiligung um nur zwei bis drei Prozent würde den Jahresgewinn von ABC um sechs Millionen Dollar erhöhen -- kein Wunder, daß der Drittgrößte den zusätzlichen Einsatz von einer Million Dollar Honorar in diesem Ringen um Zuschauerprozente nicht scheute.

»Ein guter Journalist«, meinte denn auch CBS-Nachrichtenchef Salant, »ist mehr wert als ein Baseballspieler oder ein Rock-'n'-Roll-Star.« Aber er fand auch: »Wenn Barbara Walters eine Fünf-Millionen-Dollar-Frau ist, dann ist Walter Cronkite ein 16-Millionen-Dollar-Mann.«

Die 44jährige Brünette mit der strengen Oberlippe und der schrillen Stimme reüssierte in einer Branche, in der man nach den Erfahrungen eines altgedienten Autors »Augen im Rücken und ein eigenes scharfes Messer braucht«. Als plaudernde Partnerin politischer und anderer Prominenz wurde sie erfolgreich -- als erste »anchorwoman wird die Tochter eines Bostoner Nachtclub-Impresarios nun über Nacht zur Top-Frau im US-Fernsehen und somit zu einer der politisch einflußreichsten Frauen Amerikas.

Sie kam 1961 als Autorin zur Frühaufsteher-Show »Today«. Drei Jahre später -- und seitdem ununterbrochen -- stand sie selbst als »Today«-Moderatorin vor der Kamera, in einem Job mit bis dahin bemerkenswert hoher Sterblichkeitsziffer: Insgesamt 33 Reporterinnen hatten sich innerhalb von zwölf Jahren dort verschlissen.

In einer Sprechschule ließ Barbara ihren Bostoner Akzent und ihr Lispeln wegtrainieren. Fast stets redet sie bei ihren Interviews mehr als ihre Partner. Ihre panische Angst, es könne auch nur mal für einen Wimpernschlag eine Pause eintreten, läßt die aggressive. ehrgeizige Barbara drauflosplappern. bis es auch aus dem verschlossensten Gegenüber schließlich hervorbricht -~ und sei es nur, um den Redefluß der Walters zu unterbrechen.

Sie schleppte die Präsidenten Johnson und Nixon, Prinz Philip und Fürstin Gracia Patricia, Golda Meir und Mamie Eisenhower, Anwar el-Sadat und Fidel Castro, Onassis und den Schah von Persien vor die Kameras. Als Interviewerin, so räumen auch Kollegen ein, habe sie ein Gespür für Fragen, die die Zuschauer selber gern stellen würden.

Aber die Walters gilt auch als Betriebsnudel mit Star-Allüren. »Sie selbst mag ja keine Magengeschwüre haben. lästerten Techniker der »Today«-Show, »aber bestimmt überträgt sie welche.« Und die NBC-Bosse fanden, daß Barbaras Forderungen -- sie verlangte und erhielt einen Dienstwagen. einen Leibfriseur und einen eigenen Presseagenten -- durchaus denen »einer Filmkönigin vergleichbar« waren. Ihre Verhandlungen mit ABC gestalteten sich, so Insider, »so schwierig wie die Salt-Abrüstungsgespräche«.

Dabei wird ihr hochgeschätztes Interview-Talent womöglich gar nicht zum Zuge kommen. Der Plan, die bisher auf 30 Minuten beschränkte ABC-Tagesschau um eine Viertelstunde Sendezeit zu verlängern, droht am Widerstand der ABC-Tochtergesellschaften zu scheitern.

Die verbleibende halbe Stunde muß Barbara Walters ohnehin mit dem angestammten ABC-Moderator Harry Reasoner teilen. Den normalen Anteil an Korrespondentenberichten, Filmeinspielungen und Werbespots abgerechnet, bliebe den beiden gerade noch Zeit, die Tagesmeldungen vom Teleprompter abzulesen.

ABC-News, so errechnete ein Kritiker, seien mithin künftig »fast in Gold aufzuwiegen": Jedes Wort der Barbara Walters kostet runde 25 Mark. ·

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