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LYRIKBOOM Goldener Heiligenschein

aus DER SPIEGEL 29/2001

Vor neun Jahren wagte er die Ausfahrt aus dem relativ sicheren Hafen der Jurisprudenz: Der Münchner Anton G. Leitner hatte gerade sein Referendariat bei dem Richter und Schriftsteller Herbert Rosendorfer abgeschlossen, als ihm klar wurde, dass »das Leben zu schön ist, um Jurist zu sein«. So gründete er verwegen eine neue Literaturzeitschrift - und nicht nur das: Er nannte sie »Das Gedicht« und meinte den Titel auch noch ernst. Verse und nichts als Verse (und die eine oder andere essayistische Lesehilfe) füllen die Seiten. Das Wunder geschah: Die Lyrikpostille fand Käufer. Klar, dass ein Themenheft mit erotischen Gedichten besonders erfolgreich war: Rund 10 000 Exemplare mit dem Titel »Vom Minnesang zum Cybersex« wurden verkauft, eine traumhafte Zahl für literarische Gazetten - aber auch vom soeben publizierten Heft »Göttlicher Schein. Heilige Gedichte« hofft Leitner eine Menge abzusetzen. Ein bedruckter goldener Heiligenschein aus Pappe liegt bei, Papst Karol Wojtyla kommt lyrisch ebenso zu Wort wie Alfred Brendel oder Friederike Mayröcker. Gute Zeiten für Gedichte: Leitners Verlag kann sich mittlerweile sogar drei Mitarbeiter leisten.

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