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Am Rande Gott und Quote

aus DER SPIEGEL 50/1998

Die Sendung »Das Wort zum Sonntag« gehört zu den Ritualen, die als unabänderlich vor allem im Kopf existieren. Wer sie nie sieht, denkt an steife Geistliche, die mit strengem Sermon den Bilderfluß stören. Solche Vorstellungen sind so veraltet wie die Meinung, der Samstag sei der Tatort wöchentlicher Sexualität oder Vaters Warmbadetermin.

Dabei kämpft die Fernsehverkündigung seit Jahren um Quote. Da wurden von den TV-Priestern vor laufender Kamera die Kerzen eines Adventskranzes ausgeblasen (Botschaft: Schluß mit dem Weihnachtsstreß), Umzugskisten ins Bild gerückt (Aufbruch tut not) oder Guildo Horns Grand-Prix-Anstrengungen kommentiert (Piep, piep, piep, Liebe ist lieb). Die Bekehrungsstunde hat sich entwickelt, kaum einer hat's gemerkt.

Aber vielleicht jetzt: Ein neuer Modernisierungsschub steht an. Es kommen die gloriareichen Sieben, die nacheinander auftreten - fünf Frauen und zwei Männer im jungfeschen, gemischt-konfessionellen Verkünder-Pack. Dazu ein neuer Vorspann mit Scarlatti-Musik, die nach Sergio Leones »Spiel mir das Lied vom Tod« klingt. Schließlich wollen die neuen Gottesarbeiter tagesaktuell von dieser Welt über den Höchsten reden.

Theologisch bleibt ein Problem: Liebt Gott die Quote? Hätte Jesus lieber auf Arte die Bergpredigt gehalten oder in der ARD? Sind es nicht gerade die wenigen, die durch das Nadelöhr gehen?

Diese Fragen sind wahrscheinlich älter als alles Fernsehen. Wie gut, daß die Rituale im Kopf wohl ewig währen werden.

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