Zur Ausgabe
Artikel 59 / 84

Grachten-Look am Landwehrkanal

Einst Berlins elegantester Villenvorort, später Diplomatenviertel, schließlich Ruinenlandschaft und seit 30 Jahren Stadtbrache, soll der geschichtsbeladene Südrand des Tiergartens nun zur vorbildlichen Wohnstadt ausgebaut werden: aufwendiges Ausstellungsstuck für die geplante »Internationale Bauausstellung Berlin 1981«.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Am Kanalufer stehen Lastwagen und Wohnanhänger zum Verkauf. Brückenpfeiler sind mit roter Farbe beschmiert: »Boykottiert die SEW!« Zwischen Halbruinen und kniehohem Unkraut bauen Schausteller Schießbuden und Bockwurststände auf.

Stadtstreicher decken sich mit der »Bild«-Zeitung zu, Gastarbeiter kippen Bier und tanzen Folklore, Rocker bocken ihre Motorräder auf, und Dirnen lauern auf dem Autostrich -- am ausgefransten Saum einer citynahen Stadtlandschaft, zwischen Büschen und Kanal: Berlin-Tiergarten, 1976.

Feine Gegend war's, vor 150 Jahren und auch noch vor 50, die teuerste und vornehmste der ganzen Stadt; ein exklusives Viertel, geprägt von Tradition und Kapital -- für Künstler und Gelehrte, Hochfinanz und Aristokratie: Berlins erster Villenvorort.

Auch auf den Promenaden im Park ging es gehoben zu; sie glichen, nach zeitgenössischen Berichten, »einem vornehmen Salon, einem Jourfix -- das reiche Berlin zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde«. Später, als Berlin schnell ·Links: Kahnfahren auf dem Neuen See. Rechts: Landwehrkanal im Neubaugebiet.

und weit in den Westen hinausgewachsen und der ehemalige Vorort ins Zentrum gerückt war, wurden Militärdienststellen und Reichsbehörden eingesiedelt, das Areal zum Diplomatenviertel ausgebaut. Am südlichen Tiergartenrand, zwischen Stadtmitte und Kurfürstendamm, residierten Nuntien und Paschas.

Die Pracht ist perdu. Der alte Berliner Westen verbrannte in einer Bombennacht, über die Hans-Georg von Studnitz notierte: »Einer sechsarmigen Fackel gleich schwebt der Empirekronleuchter in unserem Salon ... und stürzt dann einer Sternschnuppe gleich in den Keller«

Für mehr als 30 Jahre war das einstmals elitäre Areal Stadtbrache. Es war aus der Berliner Stadtplanung ausgeklammert, solange zu Wiedervereinigung und Hauptstadt auch ein neues Diplomatenviertel gehört hätte.

Doch nun, da das Viermächteabkommen den Status der geteilten Stadt festgeschrieben hat, bietet sich den Berliner Stadtplanern die Chance, das attraktive citynahe Gebiet zukunftsweisend zu bebauen: Das Tiergartenviertel soll Kernstück einer ausgedehnten Stadterneuerung sein, die sich vom Türkenquartier in Kreuzberg bis zum Schloß Charlottenburg erstreckt und in den nächsten zehn Jahren etwa fünf Milliarden Mark kosten wird.

Die Arbeiten im Planungsgebiet »Landwehrkanal/Tiergartenviertel«

laut Bausenator Harry Ristock (SPD) »Berlins Filetstück« -- sollen Ende der siebziger Jahre beginnen, die Bauten sind als Renommierstücke der »Internationalen Bauausstellung Berlin 1981« (Interbau) gedacht.

Schon 1973 schlossen sich die vier Preisträgergruppen eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs zu einer zwölfköpfigen »Planungsgruppe Landwehrkanal« zusammen. In Planspielen entwickelten die überwiegend jungen Architekten Bebauungsstrukturen und nun ein erstes Grobkonzept (siehe Graphik). Auf einer Gesamtfläche von 188 Hektar sollen vorhandene Aliquartiere wiederbelebt und neu geordnet, dazu mehrere tausend Wohnungen neu gebaut werden.

Der städtebauliche Kraftakt. so hoffen die Planer, wird eine »Wohnlandschaft eigener Prägung« ergeben. Planungsziel: »Dichte großstädtischen Lebens«.

Neben Büros, Hotels und Läden sollen unterschiedliche großstädtische Wohnformen, vom sozialen Wohnungsbau über Wohnungseigentum bis zu besonderen Einrichtungen wie Altenwohnungen, Jugendheimen und Servicehäusern, kombiniert werden.

Dabei möchte Senatsbaudirektor Hans Müller das Kanalufer vom (jetzt noch beiderseits hochflutenden) Durchgangsverkehr befreien, ausgedehnte Fußgängerbereiche anlegen, vor allem aber die Parklandschaft mit der künftigen Randbebauung »eng verflechten«. Denn, so Müller: »Wo gibt's noch mal einen Tiergarten?«

Der Tiergarten, mit einer Ausdehnung von über 200 Hektar das größte zusammenhängende Erholungsgebiet inmitten der Stadt, ehemals (seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) kurfürstliches Jagdrevier, um 1850 zum englischen Landschaftspark gestaltet, diente seither, als »grüne Lunge«, dem Nutzen der Berliner und als Parkkulisse deutscher Geschichte.

Über die »allernobelste Noblesse« der ausreitenden Hohenzollern frozzelte einst Heinrich Heine, und E.TA. Hoffmann notierte, wie in den Cafés »der Mohrrübenkaffee dampft«.

Die Nymphen der Madame Schuwitz, der berühmtesten Kuppelmutter des 18. Jahrhunderts, schäkerten schon am Morgen bei einer Tasse Schokolade, in leichtesten Negligés fuhren sie in offenen Berolinen umher -- eben dort, wo nun die Strichbienen auf motorisierte Freier warten.

Und auf dem Neuen See, wo einst Gardeoffiziere ihre Liebehen ruderten und die Mädchen des Geheimratsviertels holländerten, sind die Berliner auch heute noch mit Kahn und Schlittschuh unterwegs.

Um 1800 begannen bestallte und betuchte Berliner mit dem Bau von Land- und Gartenhäusern hier: so Professor Schönlein, Leibarzt Friedrich Wilhelms III., Theaterdirektor August Wilhelm Iffland, Generalstabsarzt Karl Ferdinand von Graefe, der preußische Minister August Freiherr von der Heydt.

Kaiserliche Huld widerfuhr sodann dem Grüngürtel: Wilhelm I. legte Grundsteine, beispielsweise zum Reichstagsgebäude, Wilhelm II. fügte 32 Marmorstandbilder zur Ruhmesallee für das Haus Hohenzollern -- unweit der Stelle, an der sich nach dem Ersten Weltkrieg Freikorps und Spartakisten schlugen; am 15. Januar 1919 wurden hier Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen in den Landwehrkanal geworfen.

700 Eisenkandelaber zierten dann die Paradestraße des Dritten Reiches, die von Hitlers Baumeister Albert Speer gestaltete Ost-West-Achse, vormals Charlottenburger Chaussee. Am Tiergartenrand entstand das Diplomatenviertel. Das Oberkommando der Wehrmacht zog in den Bendler-Block. wo am Abend des 20. Juli 1944 Oberst Graf von Stauffenberg und Mitverschwörer standrechtlich erschossen wurden.

Und bevor schließlich Sowjetpanzer vor das Brandenburger Tor rollten, diente die Ost-West-Achse (heute: Straße des 17. Juni) auch noch als letzte Flugpiste im umkämpften Berlin.

Als Artilleriekommandeur Wöhlermann am 1. Mai 1945 durch den Tiergarten robbte, sah er sich jäh an Verdun erinnert: aufgerissene Straßen, Baumstümpfe und abgeschlagene Hohenzollernköpfe im aufgewühlten Gelände. Die Berliner verheizten dann, in der Nachkriegszeit, auch noch die letzten Stümpfe und pflanzten Kartoffeln und Kohl.

Inzwischen ist der Park wieder begrünt; an seinem Rand bilden berühmte Neubauten ein Kulturzentrum: Philharmonie und Staatsbibliothek von Hans Scharoun, die Nationalgalerie von Mies van der Rohe.

Schon Mitte der fünfziger Jahre bauten 53 Architekten aus 20 Ländern im großen Spreebogen im Nordwesten das Tiergartens das neue Hansaviertel -- vorgestellt als moderne Musterwohnstadt für die Unterbau 1956, als Beispiel für durchsonnten und durchgrünten Wiederaufbau eines einstmals kompakten Viertels.

Nun, für die in fünf Jahren fällige nächste Interbau, ist das Konzept ein anderes. West-Berlins Baudirektor Müller:,, Es geht nicht mehr um den nur technischen Begriff der Wohnung, sondern um seinen städtebaulichen Wert, seinen Bezug zum städtischen Leben.« Oder, im Jargon der Planer: Man müsse »den alten Hinterhof überwinden, ohne statt dessen eine unerwünschte Keimfreiheit einziehen« zu lassen.

Mit dieser Zielsetzung fahndeten die West-Berliner Städtebauer der »Planungsgruppe Landwehrkanal« zunächst in Planspielen nach Möglichkeiten der Blockbebauung. Ende letzten Jahres wurde eine Kollektion alternati-

* Oben: bei einer Ausfahrt um 1880: Mitte: bei einer Totenfeier für die Opfer der Straßenschlachten am 21. Dezember 1918; unten: bei einer Panzerparade am 20. April 1936.

ver Bebauungskonzepte mit ausländischen Architekten diskutiert. Fazit: Das ganze Kanalgebiet soll städtischen Charakter haben; der Tiergarten soll nach Süden erweitert werden; die Bebauung soll flächig sein, mit niedriger Geschoßflächenzahl (also keine Hochhäuser); die »solitären Restkörper der Diplomatie« seien »nicht erhaltenswürdig«.

Im Verlauf dieses Jahres schälte sich dann aus der Fülle der Planspiele endlich das Bild des neuen Tiergartenviertels: Haus- und Wohnformen in großer Vielfalt, jeweils kurze verschiedenartige Fassadenabschnitte -- kein Neubau höher als fünf Geschosse. Das Blockinnere der Altbauten wird neu strukturiert.

Die Neubauten rücken eng an den Landwehrkanal (etwa nach dem Muster holländischer Grachten) und öffnen sich zum Tiergarten hin. Die Wohnungen sind zu gleichen Teilen zum Kanal wie zum Park hin orientiert. Der Landwehrkanal dient als »milieubildende und vielseitig nutzbare Quartiersachse«.

Ein Fußgängerbereich soll die Zoo-City über die neuen Wohngebiete mit dem Kulturzentrum verbinden. Im zentralen Abschnitt des so entstandenen Wohnviertels werden Kneipen, Galerien und Ateliers eingerichtet. Die Autos verschwinden vom Kanal. Die hundertjährigen Kastanien an der Böschung bleiben erhalten.

Daß die Planer weiterhin für Anregungen offen sind, bewiesen sie letzte Woche. In Kooperation mit dem Bausenator veranstaltete das Design-Zentrum einen internationalen Architekten-Workshop mit so namhaften Baukünstlern wie Gottfried Böhm, Vittorio Gregotti, Peter Smithson, Oswald Ungers und Alvaro Vieira.

Aufgabe: »Konzepte zur Integration moderner Architektur in Altbaustrukturen«. Objekt: ein großer Block im Planungsgebiet am Landwehrkanal.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.