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NACHRUF GRAHAM GREENE

aus DER SPIEGEL 15/1991

Mit einem Geistlichen, dem die wahre Gnade versagt bleibt, hat er sich im hohen Alter einmal verglichen: »Aus dem Priester, sosehr er danach streben mag, wird nie ein Heiliger werden und aus mir nie ein zweiter Charles Dickens.«

Doch obwohl ihm auch die hohen literarischen Weihen des Nobelpreises nie zuteil wurden - der herausragende und berühmteste englischsprachige Erzähler seiner Zeit war er gewiß, und einzigartig in ihrer Kraft und Herrlichkeit ist Graham Greenes melodramatische Welt, dieses düstere »Greeneland«, durchirrt von Außenseitern, Versagern, Abgewrackten, Verdammten, gescheiterten Existenzen im »Zwiespalt der Seele«, am »Abgrund des Lebens«, im »Zentrum des Schreckens«, im Hader mit Gott und dem irdischen Elend.

Arme Narren in Christo sind sie wie jener verkommene »Whisky-Priester«, der im Mexiko der revolutionären Pfaffenfresser die Beladenen tröstet mit Sakrament und Absolution und dafür an die Wand gestellt wird; ausgebrannte Fälle wie der Architekt Querry, der seiner Verzweiflung zu entfliehen versucht und tief im Kongo unter Lepra-Krüppeln endet; von Gewissensbissen zernagte Geschöpfe wie Major Scobie auf Posten in Sierra Leone, den die Sünde des Ehebruchs in den Selbstmord treibt; auch klägliche Schlitzohren wie »Unser Mann in Havanna«, dem der britische Secret Service auf den Leim geht.

Durch 29 Romane, hervorgebracht in sechs Jahrzehnten, zieht sich die Prozession der desolaten Gestalten, die von der lebenslänglichen Melancholie ihres Schöpfers künden. Schwermut, Weltschmerz, Daseinsüberdruß: Dieses Romantikersyndrom, so bekannte der Autobiograph Greene, habe ihn gepeinigt von Kindheit an, seit den »endlosen Jahren« im Elternhaus in Berkhamsted und der von »Furzgestank« durchwehten Schulzeit im Internat, dem sein Vater vorstand.

Schon 16jährig lag er auf der Couch des Psychoanalytikers. Als Student in Oxford ließ er sich, um wenigstens für Augenblicke der »drückenden Langeweile« zu entkommen, im Ätherrausch einen gesunden Zahn ziehen. Mit 19, aus »heftigem Verlangen nach der Adrenalinspritze«, spielte er mit dem Revolver seines älteren Bruders russisches Roulett.

Und »eine Art russisches Roulett«, erzählte Graham Greene in seinen Memoiren, habe er auch später noch oft gespielt, »als ich zum Beispiel, ohne Afrika zu kennen, auf einem absurden Weg leichtsinnig Liberia durchquerte; es war die Angst vor der Langeweile, die mich in der Zeit der religiösen Verfolgung nach Tabasco trieb, in eine Leproserie im Kongo, ins Kikuyu-Reservat während des Mau-Mau-Aufstandes, in den Bürgerkrieg nach Malaya und schließlich in den Indochina-Krieg«.

Die trouble spots unseres fürchterlichen Jahrhunderts, die von Menschen gemachte Misere unter Palmen und Wellblechdächern - dies vorzugsweise war der Stoff, aus dem er effektvoll sein Erzählgarn spann. Doch vor welcher Kulisse auch immer, ob in Afrika oder Asien, im Paraguay der Guerrilleros oder im Haiti des Papa Doc Duvalier, stets ging es Graham Greene, der in jungen Jahren zum Katholizismus konvertierte, um den menschlichen Faktor, die Gewissensnöte und Seelenqualen seiner tristen Helden, die ihre Hölle schon auf Erden finden. Und stets ergriff er dabei Partei für die Underdogs gegen die Mächtigen dieser Welt.

Er war eine Berühmtheit von gedämpftem Wesen und unaufwendigdiskretem Lebensstil. Mit den Vorschüssen für das Drehbuch zum legendären Carol-Reed-Film »Der dritte Mann« hatte er sich einst ein Häuschen auf Capri gekauft, oben in den Bergen, in magischer Stille, in der sich so gut arbeiten ließ. Auch besaß er ein kleines Apartment in Paris.

Die letzten zweieinhalb Jahrzehnte aber verbrachte er, wenn er nicht gerade wieder auf Achse war, zumeist an der Cote d'Azur, im vertrauten Umgang mit der »sehr guten Freundin Y.«; und dort, in seiner engen Zweizimmerwohnung mit Blick auf den Jachthafen, schrieb er jeden Tag seine 300 Wörter, aus reinem Selbsterhaltungstrieb, wie er versicherte, um sein Gewissen zu beruhigen, die Depressionen zu bannen.

In seinem Altersroman »Monsignore Quijote« hat er sich selber ironisch ein Denkmal gesetzt: Ein leibhaftiger Nachfahr des edlen Junkers ist seine Titelfigur, Gemeindepfarrer in der »tragikomischen« Gegend von La Mancha. In seinem klapprigen Gebrauchtwagen »Rosinante«, vollgepackt mit Mancha-Wein, fährt er mit dem kommunistischen Genossen Sancho Pansa über Land, hinein in wundersame Abenteuer, um den Hilfsbedürftigen beizustehen, bis ihm im Kampfgetümmel ein Weihrauchfaß den Schädel einschlägt und er, auf der Flucht vor seinen Häschern, im Sanctuarium eines galicischen Trappistenklosters das Zeitliche segnet.

Einem grotesken Selbstbildnis des Autors scheint der Monsignore zu ähneln, einem Greene, der in der Abenddämmerung des Daseins die Torheit lobt und noch einmal wehmütig all seiner Eskapaden gedenkt, bevor er aufbricht ins große Unbekannte.

Nein, Angst vor dem Tod habe er nicht, so sagte der »agnostische Katholik« am Ende seines bewegten, abenteuerlichen, erfüllten Lebens. »Angst wovor? Entweder es kommt etwas danach, oder es kommt nichts. Wenn nichts kommt, dann ist das in Ordnung. Allerdings, wenn etwas kommt, dann wird das bestimmt sehr unangenehm.«

Am vergangenen Mittwoch, im Krankenhaus »La Providence« in Vevey am Genfer See, ging Graham Greene, 86 Jahre alt, auf seine letzte Reise.

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