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Gralssuche auf der Kriechspur

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Regisseur Rene Kollo *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 13/1986

Auf den Flügeln des Gesanges hat er es weit gebracht: in Karajans Studio und Kundrys Schoß, auf den Grünen Hügel und in die grüne Heide, zu Decca, Philips, Ariola, auf UHF, VHF und, vor allem, an den tönenden Nerv der deutschen Seele.

Offenen Blicks aus blauen Augen, mit einem schelmischen Lachen unter dem schütter gewordenen Blondhaar, schicklich ausgewogen zwischen blendendem Heldentenor, lockerem Entertainer und seetüchtigem Abenteurer, sieht er genauso aus, wie das klingt, was er singt: Froh zu sein, bedarf es wenig.

Wann immer sich die bunten Seiten der Regenbogenpresse für ihn auftun, blickt er frohgemut aus dem Raster eines sonnigen Zeitgenossen, sei es vor der 60 Pfund schweren Hochzeitstorte mit kandiertem Lohengrin und Schwan oder mit dem Baby Florence Marguerite, das für »Quick« ein »Nickerchen« auf seiner Brust macht, oder als stoppelbärtiger Eigner seiner 1,3 Millionen Mark teuren Yacht »Kareol II«. So scheint er der Typ, der mit einem lustigen Lied auf den Lippen sogar Professor Brinkmann wieder auf die Beine bringen könnte.

Rene Kollo, 48, ist der Kammersänger, der auch den Volksmund aufmacht, der für »Ave Maria« gut und sich für »Tiritomba« nicht zu schade ist: ein umjubelter Lohengrin mit den Hermann-Löns-Medaillen in Silber. Gold und Platin, der Gralsritter aus einer »bügelfreien Welt« ("Abendzeitung").

Ohne Kollos Tannhäuser und Tristan läge, keine Frage, der heutige Wagner-Gesang noch mehr darnieder. Ohne ihn hätten die Opernhäuser in Berlin. San Francisco, London, München und Wien, derzeit oder demnächst, für ihre Nibelungen-Tetralogie kaum einen Siegfried, der diesen Namen halbwegs verdiente.

Aber dieser Herr der Ringe hat auch im schönsten Wiesengrunde und in anderen Tälern weit, o Höhen seine segensreichen Latifundien. Wie Anneliese Rothenberger, die Königingroßmutter des Charmes, liftet er seichteste Unterhaltung zur angeblich gehobenen und findet wie die Sopranistin, daß es nur gute und schlechte Musik gibt. Motto: Was Kollo singt ist immer gute Software.

Als Karajan mit ihm die »Meistersinger von Nürnberg« aufnahm, geriet der Maestro ins Schwärmen: »Auf den Stolzing habe ich 40 Jahre gewartet«, und im Sommer 1981 meldete »Die Welt«, leicht übergeschwappt, aus dem Bayreuther Festspielhaus: »Dieser Tristan von Kollo ist ein Jahrhundertereignis.«

Für Kollo mußte bei alldem also zutreffen, was er nach alter Väter Weise den Deutschen stereophon vorlügt: Kein schöner Land in dieser Zeit, solange er noch spielend das hohe B schafft.

Irrtum. Für ihn ist längst »alles Scheiße, alles kaputt«, ist »die ganze Welt bescheuert«, sind »alle Menschen total _(In der »Anneliese-Rothenberger-Show«. )

schizophren«. Was tut sich denn noch in dem »alten, verkackten Operntheater« mit seiner »Coca-Cola-Kunstgesellschaft«? Wir haben doch »keine Kultur mehr, sondern nur noch Kulturbetrieb und -betriebsamkeit«.

Er weiß, wovon er spricht: Mit jährlich 40 Opernauftritten »bei Spitzengagen«, 15 Liederabenden, 10 Konzertverpflichtungen, hier mal einer Platte da mal einer Gala und diversen Lustbarkeiten bei ARD und ZDF tummelt er sich kregel in den Goldgruben der Branche und liegt wohl nicht mehr weit unter einer Million Inkasso pro Jahr. O-Ton Kollo: »Alles ist Geschäft geworden.«

Das »Zeitalter der Verblödung« sei angebrochen, empört sich dieser singende Oswald Spengler. »vielleicht das phantasieloseste Zeitalter der Menschheitsgeschichte«, und auch da kann er mitreden: Seiner Schnulze »Hello, Mary Lou« sicherte der deutschsprachige Teil der Menschheit immerhin einen Absatz von 125000 Platten, und danach produzierte sich der Enkel von Walter Kollo ("Das war in Schöneberg, im Monat Mai") sogar selbst als Komponist: »Heimat, deine Lieder«, wie auch anders.

Ist es da ein Wunder, daß der Schöngeist Rene Kollo richtig in Rage gerät, wenn es um das Theater mit »diesem ganzen Subventionszeug« und der »idiotischen, unkünstlerischen Situation« geht: »In den letzten 20 Jahren sozialistisch abgewirtschaftet, weil man glaubte, es gäbe keine Stars, sondern nur Arschlöcher, die alle gleich sind.«

Die Intendanten lassen »zum Teil jede Professionalität vermissen«, die Dirigenten, von den Altgedienten abgesehen, sind »reine Technokraten ohne mystisches Verhältnis zur Kunst« und am frivolsten treiben es die Regisseure mit dem »totalen Blödsinn« ihrer, »großen Optik-Mache« und dem »absurden Übergewicht«, das ihnen heute »in den Medien« zuteil wird.

Da nun hat der Belkantist Kollo die Schnauze gestrichen voll »von all der Scheiße, die ich gesehen habe und durchzustehen hatte«, da »fass'' ich mich wirklich an den Kopf": »Da muß einfach nur der Vorhang aufgehen, es muß irgend etwas rumstehen, zweieinhalb Stunden lang, und ein paar Leute laufen durch die Gegend und singen.«

Als am vergangenen Samstag im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt für Wagners »Parsifal« der Vorhang aufging, stand da, über zwei Stunden des ersten Aufzugs lang, ein riesiger Baum herum. Doch niemand lief durch Wagners »Gegend im Charakter der nördlichen Gebirge des gotischen Spaniens«. Der Regie-Debütant Rene Kollo hatte alle Gralssucher auf die Kriechspur gelenkt, stop and go durch eine optisch ermüdende Grauzone am Monsalvat.

Dort schritten die Leute dahin, daher und fürbaß. Sie weilten auch schon mal. Vor allem aber knieten sie. Sie knieten vor dem Hintergrund dräuenden Gewölks über zackigen Bergeshöhen und streckten die Hände entweder himmelwärts oder falteten sie still im Schoß, den Blick mit vorösterlichem Augenaufschlag hilfesuchend nach oben gerichtet.

Doch der Lenker der Geschicke, der Regie-Novize Kollo, der sich diesmal mit Wagners »reinem Tor auf die »Suche nach einer neuen Religion im größeren Sinne« und, weil es sich dabei gerade ergab, auch nach einem neuen Betätigungsfeld für »mein auf Abwechslung _(Mit Elisabeth Hornung (Kundry) und ) _(Hubert Bischof (Klingsor). )

angelegtes Künstlerleben« begeben hatte, ließ sie allein, allein mit dem ganzen »zuckersüßen Bimbambaumeln«, das schon Friedrich Nietzsche so furchtbar nervte.

»Weg von der katholischen Überkomponente« hatte Kollo das »Bühnenweihfestspiel« eigentlich inszenieren wollen, weg von dem Wagalaweia aus Weihrauch und Männerbündelei, wo es »viel zu lange und verhängnisvoll festgenagelt« war. Doch statt nun auf alles eucharistische Getue zu verzichten, berief Kollo auf seiner Gralsburg ein neues Vatikanisches Konzil ein und zwang Knappen und Knaben in seiner Parsifallerei so ausdauernd auf die Knie, daß alle Gralssucher entsprechende Schoner tragen mußten, um sich nicht die Haut wund- und die Gelenke kaputtzuscheuern.

Selbst bei der Verwandlung, als Kollo vor dem geschlossenen Vorhang eine endlose Seilschaft vorbeiziehen ließ, bei der Männlein und Weiblein aus aller Herren Ländern an einem Strang in eine ungewisse Zukunft zogen, schleppte sich die Menschheit, um die es sich symbolisch ja wohl handeln sollte, im Adagio durch das irdische Jammertal. Ja, sogar in Klingsors Zaubergarten, dieser erogenen Zone, die der Bühnenbildner Walter Schwab ganz effektvoll wie ein prähistorisches »Crazy Horse« verpoppt hatte, ging es schicklicher zu als unter Kommunionkindern.

Mag sich Wagner seine Blumenmädchen, die schließlich den verdatterten Parsifal auf den einschlägigen Geschmack, bringen sollen, auch als lauter Lolitas ausgemalt und ihrem verführerischen Treiben entsprechend sinnenfrohe Musik unterlegt haben - für den Wagner-Deuter Kollo ist da »absolut nichts Erotisches, überhaupt kein Sex«, nein, da »vermählen sich Natur und Religion«. Und wie eine Paarung im Geiste sah es in Darmstadt denn auch aus.

Während sich Kollo noch schaudernd schüttelt vor Lachen, wie einmal ein Kollege die Kinder der Lust barbusig, »schwappschwapp«, durch den Zaubergarten hüpfen ließ, wiegen sich seine zugeknöpften Maiden wie Schneeglöckchen im lauen Lüftchen der Karwoche - kaum Tuchfühlung und, um Gottes und Grals willen, keine Hautnähe.

Nun sind Tenöre, warum auch immer, als dumm verschrien. Aber Kollo ist denn doch nicht ganz so einfältig wie viele Sprüche, die er klopft, und auch nicht so phantasielos wie seine Darmstädter Gebetsmühle. Schließlich ist er seit seinem Operndebüt 1965 immer mal wieder lauthals aus der Rolle gefallen.

1976 überwarf er sich in Salzburg mit Herbert von Karajan, weil er in dessen »Lohengrin«-Inszenierung als Schwanenritter seine Elsa sogar im Brautgemach nur aus zehn Metern Abstand ansingen durfte »Der empfindet ja«, so Kollo damals über den distanzierten Regisseur, »einen Guten-Morgen-Gruß als unzulässige menschliche Berührung« Erst Jahre nach dem Krach wurde die gemeinsame Plattenproduktion der Oper fettiggestellt, »aber der Bruch blieb zu hören, und wir werden wohl niemals mehr zusammenkommen«.

Drei Jahre später stänkerte der Besserwisser in der Deutschen Oper Berlin _(Mit David Griffith (Parsifal) zwischen ) _(Blumen mädchen. )

gegen die italienische Chanteuse Milva, weil die die »Lustige Witwe« »nicht spielen« und überhaupt »kein Wort Deutsch könne.«

1981 lehnte sich Kollo gegen den Mailänder »Lohengrin« auf. In der Scala hatte Regisseur Giorgio Strehler dem Chor Stahlhelme und Knobelbecher und ihm eine fast 50 Kilogramm schwere Rüstung verpaßt »Deutschen-Hetze«, entfuhr es dem Preußen Kollo angesichts des Stechschritts, in dem Wagners Mannen aufmarschieren mußten, »es war zum Kotzen«.

Letzten Sommer schließlich machte der Streitbare seinen Unfrieden auch mit Bayreuth, »wo heute allenfalls Mittelmaß herrscht«. Nicht einmal zwei Stunden vor seinem Festspiel-Debüt als Tannhäuser, das in 66 Länder live übertragen werden sollte, sagte er die Premiere ab und raste mit dem Mercedes 500 SEL ans Wochenbett seiner (zweiten) Frau Beatrice. »Starallüren«, entfuhr es darob dem Oberbürgermeister der Stadt, »Heuschnupfen«, konterte pikiert der Sänger aus dem »total geröteten und ausgetrockneten Hals«.

Den Stars zu zeigen, daß man ihresgleichen ist, ist eine Sache. Sich in einem szenisch so heiklen Stück wie dem »Parsifal« die Regie anzumaßen, eine andere, ungleich dummdreistere.

Nein, Rolf Liebermanns Genfer Neudatierung dieses Werkes in die Zeit nach dem großen Atomknall hat Kollo niemals gesehen, auch nicht die Frankfurter Inszenierung von Ruth Berghaus oder den Film von Hans Jürgen Syberberg. Er schwärmt immer noch von Wieland Wagner, und zu gern möchte man den toten Komponisten-Enkel vor dem Kniefall dieses Regie-Neulings bewahren.

Aber, wie es in der komischen Oper nun mal zugeht, werden wir den Gralskelch wohl bis zur bitteren Neige leeren müssen. Schon droht Kollo, der reine Tor aus dem Land des Lächelns, sich auch an »Tristan«, »Tannhäuser« und »Meistersinger« vergehen zu wollen. Hilft ihm bei solch kühnem Unterfangen der Name Rene Kollo? »Nein, natürlich überhaupt nicht: »Wenn es beschissen ist, was ich mache, werde ich scheitern wie die andern«.

Das ist aber auch der einzige Trost, der uns bleibt.

In der »Anneliese-Rothenberger-Show«.Mit Elisabeth Hornung (Kundry) und Hubert Bischof (Klingsor).Mit David Griffith (Parsifal) zwischen Blumen mädchen.

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