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ZEITSCHRIFTEN / lT Gratis an Gefangene

aus DER SPIEGEL 8/1968

Einziger Dauerbezieher der englischen Zeitschrift in Deutschland war letztes Jahr der Untersuchungshäftling 2907/67 in Berlin-Moabit: Alle zwei Wochen empfing Kommunarde Fritz Teufel in seiner Zelle die »International Times« -- von ihren Lesern nur »it« genannt.

Seit Mitte dieses Monats ist die Zweiwochenschrift, deren erstes Hausgebot den Gratisversand an Gefangene empfiehlt, auch anderen Bundesbürgern zugänglich: Die West-Berliner Verlegerin Renate Gerhardt schloß mit den Londoner »it«-Herausgebern einen Vertriebsvertrag.

So erscheint nun auch in der »Bild«-Republik ein Periodical, das mit der Londoner Establishment-»Times« nur dieses Titelwort gemein hat -- »it« ist »Underground« und ein Leibblatt der internationalen Neo-Linken.

Das Hippie-Heft zählt zu jenen skurrilen Schriften, die in der Epoche des Zeitungssterbens besonders in den USA erblühen und in einem »Underground Press Syndicate« kooperieren (SPIEGEL 44/1966).

Die etwa 50 Untergrund-Gazetten füttern ihr Publikum mit einer Sondermischung aus Politik und Pornographie; sie sind durchweg gegen Napalm und fürs Nacktbaden, gegen LBJ und für LSD, gegen die Aggression in Vietnam und für die Eskalation im Bett. Doch sie verfolgen auch durchaus unterschiedliche Ziele: So fordert das texanische »Rag« (zu deutsch etwa: Käseblatt) eine »zweite amerikanische Revolution«, während das kalifornische »Oracle« sich mit der »Erweiterung des Innenlebens« bescheidet.

Wieviel Bedürfnis derlei Gedrucktes befriedigt, lassen die Auflagenzahlen erkennen: U-Blätter wie »Fast Village Other« oder »Los Angeles Free Press« erscheinen mittlerweile in Auflagen von 60 000 und 90 000 Exemplaren. Und schon hat sich auch ein »Underground Digest« etablieren können: »Das Beste aus der Untergrund-Presse« druckt derzeit 50 000 Broschüren.

Die Idee einer Provo-Presse von Unzufriedenen für Unzufriedene drang nach Kolumbien ("Olvidate") wie nach Frankreich ("Bande ä Part"), nach Italien ("Esperienza") wie in die Niederlande ("Psy"), und in London zeugte sie, Oktober 1966, »it«. Von dem Amerikaner Bill Levy zuerst im Keller eines Buchladens redigiert, ist »it« inzwischen in ein Lagerhaus nahe Covent Garden umgezogen und auf 35 000 Exemplare gestiegen.

Da das popig aufgemachte Blatt ebenso freimütig über Lysergsäurediäthylamid wie über freie Liebe berichtet, über die Kritische Uni und Fritz Teufel (Abbildung: »Fritz Teufel mimt das Werfen des Steins, den er in Wirklichkeit niemals geworfen hat") wie über Cunnilingus und Fellatio, blieben Razzien in der Redaktion nicht aus. Londoner Polizisten beschlagnahmten nicht nur Manuskripte, sondern auch Abonnentenlisten, und so warteten »it«-Bezieher in England und außerhalb oft vergebens auf die Post.

Diesem Mißstand will Renate Gerhardt abhelfen. Die Berliner Verlegerin, die mit einem Beardsley-Graphikband und russischen Revolutionsplakaten Erfolge hatte, vertreibt nunmehr

zum Stückpreis von einer Mark im deutschen Unter- und Hintergrund.

Die ersten 400 per Luftfracht eingeflogenen »it«-Exemplare waren, vorletzte Woche, an einem Abend von Berliner Studenten vergriffen.

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