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Architektur Grazile Geometrie

aus DER SPIEGEL 32/1996

Krönender Abschluß für die Kunstmeile am Hamburger Hauptbahnhof: Der 5200 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietende, 102 Millionen Mark teure Erweiterungsbau der Kunsthalle ist, nach vierjähriger Bauzeit, fertig und wird am Freitag dieser Woche feierlich dem Kunsthallenchef Uwe M. Schneede anvertraut. Das erste Werk jener Gegenwartskunst seit 1960, mit der Schneede, 57, die edlen Hallen bis Februar 1997 füllen wird, wurde schon installiert: eine wüst ins Raumeck gespritzte Blei-Skulptur des amerikanischen Bildhauers Richard Serra, wohl gedacht als martialische Material-Demo gegen die klinische Geometrie der Räume.

So schön, wie der mit hellem portugiesischem Kalkstein verkleidete Kunst-Kubus des Kölner Stararchitekten Oswald Mathias Ungers im (jetzt noch vorherrschenden) Leerstand leuchtet, wird das Gebäude also nicht mehr lange sein dürfen.

Von der Kunst, die da einzieht, will Ungers, 70, denn auch »lieber gar nicht reden« - er genießt gegenwärtig das »Geheimnis der Klarheit« an seinem frisch vollendeten Bauwerk. Innen wie außen ist es ein faszinierend paradoxes Gebäude geworden: wuchtig ragend über einem abgeschrägten Granit-Sockel, streng mathematisch strukturiert, dennoch freundlich bis grazil im Gesamteindruck. Der zweifellos prächtigste Raum des Erweiterungsbaus der Hamburger Kunsthalle wird allerdings weitgehend kunstfrei bleiben: der alle Geschosse durchstoßende Lichthof in der Gebäudemitte, zugleich Empfangshalle und Einladung zum zweckfreien Architekturerlebnis.

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