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BÜCHER Graziös in Gefahr

Peter Ruhmkorf: »Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich«. Rowohlt; 192 Seiten; 12 Mark.
aus DER SPIEGEL 1/1976

Just zur rechten Zeit, in der sich das Gerücht hält, die deutschen Poeten dichteten wieder, bereitet der vielleicht vollmundigste unter ihnen tatsächlich neue Lust an Lyrik. Daß er sich gleich unverhohlen als Erbe so ehrwürdiger, allerdings mit dem Ruch der Unzugänglichkeit behafteter Klassiker wie Walthers von der Vogelweide und Klopstocks einsetzt, werde man ihm, fürchtet Peter Rühmkorf, 46, »vermutlich als Anmaßung verübeln«.

Dabei hat er doch die beiden »Literaturdenkmäler« nur »an die eigene Brust gerissen und sie neu beatmet«, um »für Kunst, Kunst und nochmals Kunst (zu) trommeln«. Die beiden Uraltvordern deutscher Dichtkunst entpuppen sich nach Rühmkorfs Mundzu-Mund-Behandlung denn auch in einer überraschenden Frische, die diesen »Wiederbelebungsversuch« zum kurzweiligsten Buch mit und über Literatur seit langem macht.

Die professionelle »Altherrengermanistik« indes dürfte vor Schreck in die dritte Lautverschiebung fallen, wenn sie gewahrt, was da mit ihrem »mikrophilologisch« gehegten Minnesänger angestellt wird.

Rühmkorf erzählt das unordentliche Leben des Herrn Walther, das »der deutschnationale Ideologie-Unterricht des 19. Jahrhunderts zu einer rosenseligen Cavalierstour umlügen mußte«, als Tournee der Eitelkeiten, auf der »der Lohn die Musik« machte. »Des Reiches genialste Schandschnauze« versprüht in Rühmkorfs kühnen, erstaunlich staubfreien Übersetzungen aus dem Mittel- ins Neuhochdeutsche »poetischen Reizstoff« jede Menge und stellt sich, nun längst nicht mehr in der Rolle des »Vaterlandsharfners«, dar als »amüsantes enfant terrible«.

Nicht weniger diesseitig präsentiert sich der »Messias«-Dichter aus dem 18. Jahrhundert, dessen von der »Papa-Klopstock-Forschung« geputztes Marmorstandbild Rühmkorf genüßlich in einen höchst lebendigen »erotischen Privatunternehmer« und »sportiven Geschäftsmann« verwandelt. Nicht von ungefähr ist der Oden-Verfasser der Sympathie des Porträtisten sicher: Wie dieser bereicherte Klopstock das »Volksvermögen« mit »anzüglichen Wortspielen« (Dichterkollege Bodmer: »säuische Zoten") und entflammte in heftiger, freilich bald enttäuschter Liebe zur Revolution.

Überhaupt scheinen sie -- Walther, Klopstock, Rühmkorf -- aus einem Holz geschnitzt: Sie sind »Berufsdichter«, Ichsager, Nonkonformisten und geraten mit ihrer »Fabrik« im Kopf immer wieder in die »sogenannte ökonomische Scheiße«, aus der sie dann, so Rühmkorf in seiner etwas zu redseligen Selbstdarstellung, nur noch der »Akrobatikakt als Überlebensnummer« herausreißt.

Deutlicher sagt"s der Überlebende der Drillinge im Geiste in seinen 21 beigegebenen neuen Gedichten. Sie erzählen wie das ganze Buch von den sehr weltlichen Risiken und Freuden der Poesie »in diesem Sarg mit Außenspiegeln« hienieden: »Ich schwebe graziös in Lebensgefahr / grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.«

Jürgen Kolbe

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