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KÜNSTLER Grenzgänger im Rittersaal

Der Maler Batuz möchte in einer Burg an der Lahn eine schöngeistige Eliterunde etablieren. *
aus DER SPIEGEL 37/1987

Einen großen »Think tank« will der Künstler anzapfen. Eine »Societe imaginaire« soll sich versammeln, eine Art »Polis« gründen und Grundsatzgespräche wie bei Platons »Gastmahl« führen.

Zumindest die Heimstatt für diese Tafelrunde ist kein bloßes Luftschloß, sondern steht ganz real, trutzig und zinnenbewehrt, auf einem steilen Berggipfel: In Schloß Schaumburg bei Diez an der Lahn hat der aus Ungarn stammende Maler Batuz, 54, der jede genauere Namensangabe verweigert, nach einem Lebensweg über Argentinien und die USA wieder ein europäisches Domizil gefunden - einen Ort auch für hochfliegende Projekte.

Hier sollen sich erwählte Geister aus Ost und West »zu Hause fühlen«, wünscht der ehrgeizige Planer, der nicht im Mittelmaß bleiben«, sondern »Außergewöhnliches« erreichen will. Er selber empfindet das angepeilte Gesprächsniveau als Herausforderung: »Stellen Sie sich vor, Sie treffen Einstein und wollen sich mit ihm über das kleine Einmaleins unterhalten!«

Am 13. September wird losgeredet. Dann kommen auf Schloß Schaumburg

der französische Nouveau-Romancier und langjährige Batuz-Freund Michel Butor sowie ungarische, argentinische und tschechische Schriftsteller zusammen. Ein Tonbandprotokoll soll für Zeitgenossen und Mitwelt speichern, was die Elite-Debattierer über »Die Grenze - ihre trennende und verbindende Funktion« zu sagen haben.

Außer zu Gesprächen bietet das herrschaftliche Ambiente aber auch noch Gelegenheit, bildende Künstler, die nach Batuz' Einschätzung nicht so bekannt sind, wie sie es verdienten, der Öffentlichkeit nahezubringen. Daß die Ausstellungen, die dieser Mission gewidmet sind, nur klein ausfallen, ist durchaus im Sinne des Initiators. Der hat seinen Glauben an die Galerien verloren, weil die »immer mehr Kunst verkaufen wollen«. Doch: »Autos kann man beliebig vermehren, Kunst nicht.«

Die Ehre einer Schaumburger Kabinett-Schau wird jetzt zum Start (bis 31. Oktober) zwei Künstlern aus unterschiedlichen Generationen zuteil. Der eine ist der amerikanische Bronze-Bildhauer Reuben Nakian, der letzten Dezember 89jährig verstorben ist und ein sensibel modelliertes OEuvre zwischen Tradition und Avantgarde hinterlassen hat. Der zweite ist, mit zwölf abstrakten Bildtafeln, über deren Fläche bedeutungsvoll eine typische Naht oder »Grenze« zu verlaufen pflegt, niemand anderer als Batuz selbst.

In seiner Malerei spiegelt sich, wie der Kölner Architekt Gottfried Böhm das in einem Schaumburger Katalogheft deutet, eine entschieden und unter mehreren Gesichtspunkten grenzüberschreitende Existenz. So verweist das Namenskürzel des Künstlers, der »nicht der Urenkel einer adligen Familie sein« will, auf eine 1945 von der Sippe zurückgelassene ungarische Besitzung. 1949 wanderte die Familie nach Argentinien aus.

Der malerisch talentierte Junge trug durch - verschämt-verkürzt signierte - Altmeisterkopien zum Lebensunterhalt bei. »Mein Vater hat das verkauft, und ich habe mich hinter dem Kürzel versteckt.« Allmählich ging er dann zu eigenen Themen und Stilen über, erst expressionistisch, dann abstrakt; den Namen Batuz behielt er.

Er trug ihn auch in die USA, wo sich der Künstler 1973 mit Familie niederließ und unter anderem Kontakte zu dem Uran-Magnaten, Sammler und Washingtoner Museumsgründer Joseph H. Hirshhorn anknüpfte. Ausstellungen in Nord- und Südamerika und auch in Europa (zum Beispiel: Kunsthalle Nürnberg, 1977) bezeugen eine internationale Karriere, wenngleich nicht in der höchsten Ruhmeskategorie.

1984 ging es merklich voran. Batuz zeigte seine Werke bei der Gulbenkian-Stiftung in Lissabon. Vor allem aber: Die Ärztin Gertrud Schilke und der Maler Franz Schilke, die er in München kennenlernte, luden ihn auf ihr - im Jahr zuvor erworbenes - Schloß Schaumburg ein. Dort hat er seither, wie Frau Schilke sagt, »als Freund, nicht als Gast« reichlich Platz zur Verfügung.

Eine »Batuz-Stiftung Schloß Schaumburg«, die künftig die erträumte Künstlerrepublik abfedern soll, ist allerdings noch nicht perfekt. Unter den Bedingungen des deutschen Stiftungsrechts sind die zumindest nötigen 200000 Mark Kapital so leicht nicht zusammenzubekommen.

Dabei stehen, als Mitglieder des einschlägigen Fördervereins, immerhin Museumsdirektoren aus Wien und Duisburg, Bayerns oberster Denkmalschützer und auch der Koblenzer Regierungspräsident für die Seriosität des Unternehmens ein. Einem internationalen Beratergremium gehören unter anderen Auserwählten Butor, der Pariser Kritiker Pierre Restany sowie Sammler-Witwe Olga Hirshhorn an.

Die Kunstfreundin kam jetzt auch nach Schaumburg, legte, vor den Eröffnungsausstellungen, praktische Tatkraft an den Tag und bereitete Würstchen mit Kartoffelsalat für eine Schar freiwilliger Helfer, die heruntergekommene Schloßräume Batuz-gerecht renovierten und ausrüsteten.

Der Meister nämlich legt Wert auf Inszenierung. In effektvollem Streiflicht offenbaren sich nun viele seiner mit mancherlei Fasern und Krümeln aufgeputzten Bilder als schroff-gebirgige Reliefs. Und ein wandfüllendes Batuz-Werk im Rittersaal wird gar von einer computergesteuerten Lichtorgel illuminiert, die in Minuten einen ganzen Tageszeitenzyklus nachahmt. Zum Schluß leuchtet - Sonnenuntergang - nur noch die Bildmitte schwachrot aus der Dunkelheit.

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