Zur Ausgabe
Artikel 45 / 130

Kunst Grenzverletzungen der Post-Moderne

aus DER SPIEGEL 32/1996

»Sei Kunst im Getriebe«, schrieb Robert Rehfeldt aus Ost-Berlin in alle Welt, oder auch: »Denken Sie jetzt bitte nicht an mich.« Die Stasi las solche Botschaften voll Mißtrauen, griff aber selten ein. Der Postverkehr eröffnete auch Bürgern kommunistischer Staaten Kontakt nach außen - und damit die Chance zu einer Kunst, die für Chronisten nun ähnlich schwer zu greifen ist, wie sie es damals für die Obrigkeit war. Unter dem Titel »Mail Art Osteuropa« versucht derzeit eine Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin die flüchtige Erscheinung festzuhalten (bis 15. September). An die Wände gepinnt, auf Tischen ausgebreitet und in Vitrinen zu Halden aufgeschüttet, bezeugen rund 1200 Poststücke von 850 Absendern einen regen Austausch; der Katalog dokumentiert Teilnehmer-Erinnerungen aus sieben Ländern. »Mail Art« - das war ein zunächst westlicher Trend des Ideenaustauschs zu vorgegebenen Themen, der dann im Ostblock den speziellen Reiz von Subversion und Grenzverletzung annahm. Mit oft verschlüsselten Wort- und Bild-Aperçus tauschten immer größer werdende Korrespondenten-Kreise ihre Ansichten auch über heikle Fragen wie Umweltschutz oder polnisches Kriegsrecht aus. Empfänger schrieben oder zeichneten auf den Poststücken weiter, schickten sie wieder ab oder legten Archive damit an.

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 130
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.