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BUCHMESSE Größenwahn und Männerträume

John Griesemer erzählt von einer technischen Großtat - und einer heftigen Liebe
aus DER SPIEGEL 41/2003

Als der Ingenieur Chester Ludlow das mächtige Schiff zum ersten Mal sieht, kündigt ein Kribbeln seiner Kopfhaut ein herannahendes Fieber an. Der Bug der »Great Eastern« ragt auf wie ein unbezwingbarer Berg, die Decks sind »so lang wie die Oxford Street«. Aber schon der Stapellauf gerät zum Desaster, das Schiff bewegt sich nicht. Viele Jahre später besucht Ludlow die »Great Eastern« noch einmal. Das große Schiff liegt wieder in London am Kai und ist mittlerweile zu einem schwimmenden Vergnügungspark verkommen.

Zwischen beiden Szenen liegen knapp 700 Seiten, auf denen die Geschichte erzählt wird von Chester Ludlow und der Verlegung des ersten transatlantischen Kabels, das schließlich, Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der »Great Eastern« von Irland nach Amerika übers Meer geschleppt wurde. »Rausch« ist ein Roman über Männerträume und technischen Fortschritt, über den Beginn des Kommunikationszeitalters, und es ist ein Roman im Breitwandformat.

US-Autor John Griesemer, 56, beginnt drastisch und holt ganz weit aus. Gleich im Prolog kommt beim Stapellauf der »Great Eastern« fast Karl Marx zu Tode (später treten auch noch Abraham Lincoln und Charles Dickens auf). Ausschweifend werden dann die Vorbereitungen für die Verlegung des ersten transatlantischen Kabels geschildert. Als die Expedition nach fast 300 Seiten endlich startet, gelingen Griesemer die eindringlichsten Kapitel, bildmächtig und wortgewaltig schildert er den Sturm, der bei diesem Unternehmen tobt.

Griesemer verwebt Historisches mit Fiktivem, erzählt von der leidenschaftlichen Liebe des verheirateten Ingenieurs Ludlow zu Frau Lindt, deren Mann sich vor Liebeskummer in die Arbeit flüchtet und mal eben die Londoner Kanalisation aufbaut. Ludlows Ehefrau wiederum wendet sich dem Okkultismus zu und tingelt als spirituelle Heilsbringerin durch Nordamerika, so finden auch noch der Bürgerkrieg und der Eisenbahnbau Platz in diesem Buch.

Dem Roman liegt die Idee zu Grunde, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Vernetzung unserer Welt begann - das transatlantische Kabel als Vorläufer des Internet: »Wenn das Kabel funktioniert, wird die Information fließen wie eine mächtige Welle, wir werden auf ihrem Kamm reiten, und die ganze Zivilisation wird zu uns aufschauen.«

Über dem Zukunftsrausch geraten Griesemer die Charaktere am Ende doch zu schlichten Ideenträgern. Zwar ist immer wieder von Liebe und Leidenschaft die Rede, aber ein Herz schlägt in keiner der Figuren. Ein wenig gleicht dieser ausufernde Roman der »Great Eastern«, dem zu großen Schiff. Das Buch kommt mächtig in Fahrt, hat aber letztlich zu wenig Tiefgang. CLAUDIA VOIGT

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