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STARS Größte Rolle

Das Eingeständnis des Filmidols Rock Hudson, er leide an Aids, hat in Amerika die Diskussion um die tödliche Seuche wieder aufleben lassen. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Die Boeing 747 der Air France, die am Dienstagmorgen letzter Woche um 2 Uhr 49 auf der Landebahn »25 R« des Flughafens von Los Angeles aufsetzte, hatte nur zehn Passagiere an Bord: zwei Ärzte, zwei Assistenten, eine Krankenschwester und einen Kranken, den vier seiner Vertrauten begleiteten.

Mit dem Jumbo-Jet (250000 Dollar Charterkosten) hatte sich Roy Scherer alias Rock Hudson nonstop von Paris an den Ort seiner Erfolge zurückfliegen lassen - um dort zu sterben. Der 59jährige Schauspieler leidet an Aids.

Heimlich war der einstige Filmpartner von Elizabeth Taylor ("Giganten") und Doris Day ("Bettgeflüster") vor knapp drei Wochen nach Paris gereist. Doch die Ärzte am American Hospital in Paris hielten Hudson schon für zu schwach, eine Behandlung nicht mehr für möglich. Mit gechartertem Hubschrauber und einem 747-Jumbo arrangierte der Star seine Verlegung ins Medical Center der University of California in Los Angeles.

Kein Schauspieler, so schrieb das US-Magazin »Time« letzte Woche, habe »die althergebrachten Tugenden Amerikas besser verkörpert« als Hudson. In fast jeder seiner Rollen spielte er den starken, den eindeutig heterosexuellen Mann. Die Illustrierte »Look« formulierte es 1958 schon so: »Er schwitzt nicht. Er hat keine Pickel. Er riecht nach Milch. Er strahlt Sauberkeit und Anständigkeit aus - der Junge ist echt.«

Mit dem Eingeständnis, an Aids erkrankt zu sein, demontierte Rock Hudson nicht nur das jahrzehntelang gepflegte Image vom sauberen, liebenswerten und charmanten Film-Liebhaber, dem Amerikas Mütter ohne Zögern ihre Töchter (und sich selber) anvertrauen konnten. Nun erfuhren seine Bewunderer, daß der 1 Meter 93 große Filmrecke in den Schwulenkneipen von San Francisco zu Hause war und nicht in den Boudoirs der Schönen von Beverly Hills.

Hudson ist bislang die wohl bekannteste Persönlichkeit, die öffentlich eingestand, an Aids zu leiden. »Viele Opfer dieser Krankheit«, schrieb die »New York Times«, »verknüpfen mit dieser Tragödie die Hoffnung, daß nun endlich der Ernst der Aids-Epidemie erkannt« werde. Und in der Tat, wer geglaubt hatte, das Bekenntnis des Weltstars würde seinen Ruf ruinieren oder gar eine neue Schwulenhatz in Amerika auslösen, sah sich getäuscht.

Das ansonsten mehrheitlich prüde Amerika reagierte verständnisvoll, mehr noch: Es schien betroffen. »Plötzlich gibt es eine Krankheit namens Aids«, charakterisiert Richard Dunne, Direktor einer New Yorker Aids-Hilfsorganisation, den Umschwung der öffentlichen Meinung. Auch Dunne hält es zwar »schrecklich für Rock Hudson«, aber er findet es »noch schrecklicher, daß es vier Jahre dauerte, bis die Leute merken, daß Menschen« durch Aids, das erst 1981 ins medizinische Vokabular aufgenommen wurde, »einfach ausgelöscht werden«.

Allein in den USA waren bis zum Montag letzter Woche insgesamt 12067 Menschen an Aids erkrankt, von denen bisher 6079 gestorben sind. Alle zehn Monate verdoppelt sich laut Statistik die Zahl der Aids-Fälle. In New York ist bei Männern im Alter zwischen 25 und 44 Jahren Aids mittlerweile die häufigste Todesursache. Nach Ansicht des amerikanischen Experten James Curran vom Zentrum für ansteckende Krankheiten in Atlanta (Georgia) sind vielleicht schon eine Million US-Bürger mit dem Aids-Virus infiziert und dadurch in Gefahr, irgendwann an Aids zu erkranken.

Derart alarmierende Zahlen, düstere Prognosen und auch die wiederholte Warnung, für Aids gebe es noch kein Heilmittel, die Krankheit führe fast immer zum Tode, hatten die US-Öffentlichkeit bislang nicht dazu bringen können, die Bedrohung durch Aids zu erkennen.

Die meisten beruhigten sich damit, daß an Aids vor allem soziale Außenseiter erkrankten. Die Aids-Opfer sind bisher zu 73 Prozent homo- und bisexuelle Männer, 17 Prozent Drogensüchtige und ein Prozent Bluter - nur zu knapp zehn Prozent waren Heterosexuelle betroffen.

Doch gerade die, die sich bislang als »ungefährdet« gesehen hatten, wurden vom Fall des Filmhelden beunruhigt. Ärzte, Uni-Kliniken und Sex-Beratungszentren in den USA meldeten einen Strom von Anrufen besorgter Bürger. Ihre Fragen bestätigten nur die noch weitverbreitete Unkenntnis über Aids und ein hohes Maß an Falschinformation. Bekannt wurde etwa der Fall des 13jährigen Bluter-Patienten Ryan White aus Kokomo in Indiana. Er war bei einer Blutübertragung mit dem Aids-Virus infiziert worden. In dem Irrglauben, Ryan könne seine Mitschüler durch bloße Berührung anstecken, verbot ihm die Schulleitung den Zutritt zur örtlichen Mittelschule.

Nüchterner reagierte die Gruppe der am stärksten Gefährdeten - Amerikas homosexuelle Minderheit. »Vom Standpunkt der Public Relations«, so der Sprecher einer Hilfsorganisation, Rodger McFarlane, »hatten wir einen Rock Hudson mit Aids dringend nötig.«

Daß auch der ehemalige Kollege aus Hollywood-Tagen, US-Präsident Ronald Reagan, dem Aidskranken Hudson in Paris telephonisch Besserung wünschte, hat die Hoffnung vieler Aidskranken beflügelt, die Reagan-Regierung werde sich künftig stärker für die Erforschung des Leidens einsetzen.

Reagans Zuspruch für einen homosexuellen Freund veranlaßte Richard Cohen, Kommentator der »Washington Post«, schon zu der Vorhersage, Hudsons tödliches Leiden könne vielleicht zu seiner »größten Rolle« werden - wenn Rock Hudson die »Leute zu der Einsicht brächte, daß Homosexualität nur eine andere Art sei zu leben und Aids nur eine andere Art zu sterben«.

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