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Auktionen Großer Hunger

Van Gogh und Renoir auf dem New Yorker Preisgipfel - mit Bildmotiven, die es in Paris noch einmal gibt.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Macht nichts«, sagte Ryoei Saito, japanischer Papierindustrieller im Ruhestand, und erklärte sich klaglos einverstanden, 82,5 Millionen statt der taxierten 40 bis 50 Millionen Dollar für ein Van-Gogh-Gemälde zu bezahlen. Zwei Tage später war ihm ein Renoir 78,1 Millionen Dollar wert.

So schwindelerregend hoch hinaus ging es vorige Woche in den New Yorker Versteigerungshäusern Christie und Sotheby. Der 1987 aufgestellte Preis-Weltrekord auf dem Kunstmarkt (53,9 Millionen Dollar für van Goghs »Schwertlilien") blieb weit zurück.

Nur noch »gigantischen Unsinn« kann der Kölner Museumsdirektor Siegfried Gohr in solchen Summen erblicken. Aber ein Sprecher der Galerie Kobayashi, die in Saitos Auftrag den Van-Gogh-Erwerb getätigt hatte, nannte dieses höchstbezahlte Bild, ein Porträt des Arztes Paul Gachet, »nicht wirklich teuer«. Was sind Prognosen, wo sind Maßstäbe?

Auch den Markt für Kunst regieren noch allemal Angebot und Nachfrage, besonders augenfällig bei Versteigerungen. Wenn mindestens zwei zahlungskräftige Interessenten sich auf dasselbe Werk versteifen, schnellt der Preis unkalkulierbar hoch. Wer mit dem Entschluß, sich eine Spitzensammlung impressionistischer und nachimpressionistischer Gemälde zuzulegen, so spät kommt wie nun mancher reiche Japaner, den läßt das Leben kräftig blechen.

Denn zwar hat es jüngst - und sogar bei den Auktionen vorige Woche - genug Anzeichen dafür gegeben, daß »der Kunstmarkt seinen Schwung verlieren« könnte (Wall Street Journal). Aber Christie-Experte Michael Findlay verzeichnet einen ungemindert »großen Hunger« auf »wirklich bedeutende« und »besonders dekorative Bilder«.

An der überragenden Bedeutung des Gachet-Porträts gibt es keinen Zweifel. Es macht, in den Worten des Malers, aus dem zwiespältigen Mann mit dem »kummerstarren Gesicht« eine mehr als reale »Erscheinung« für die Nachwelt - ein später Gipfel in van Goghs Bildniskunst nur acht Wochen vor dessen Tod am 29. Juli 1890. Gemessen an den mittlerweile im Getty-Museum gelandeten »Schwertlilien«, einem schönen Bild, doch keinem Hauptwerk, war der Gachet in der Tat »nicht wirklich teuer«.

Käufer Saito stellt in Aussicht, seine Erwerbung in einem japanischen Museum öffentlich zu machen, das deutsche Publikum kann dem Wertstück nur von sehr ferne nachtrauern: Von 1911 bis 1937 hing das Porträt in der Frankfurter Städtischen Galerie, dann wurde es als »entartet« ins Ausland verkauft. Emigrant Siegfried Kramarsky, dessen Erben es nun zur Auktion gaben, brachte das Bild in die USA, bis vor kurzem hing es leihweise im New Yorker Metropolitan Museum.

»Es gehört sich eigentlich nicht«, rügt dessen Direktor Philippe de Montebello, »von unseren Wänden weg zu verkaufen. Aber so ist die Welt.« Europäischen Kunstfreunden bleibt Gachet in einer leicht vereinfachten Porträt-Replik vor Augen, die van Gogh für den Dargestellten gemalt hat. Sie hängt, als Schenkung der Kinder Gachet, gewöhnlich im Pariser Musee d'Orsay und gegenwärtig in der Amsterdamer Van-Gogh-Ausstellung (SPIEGEL 14/1990).

Auch das Renoir-Motiv »Tanz im Moulin de la Galette«, für das Saito so viel ausgibt, läßt sich im Musee d'Orsay bewundern. Dabei ist nicht so ganz klar, welcher der beiden Bildversionen, die übereinstimmend signiert und auf 1876 datiert sind, die Priorität zukommt.

Zweifellos hängt in Paris jene (größere) Hauptfassung, die der Maler selber bei der dritten Impressionistenausstellung 1877 gezeigt hat. Überliefert ist, daß er dafür zunächst unter freiem Himmel am Montmartre eine Skizze angefertigt hatte. Früher wurde allgemein vorausgesetzt, dies sei das nun versteigerte (kleinere) Bild, neuerdings räumen Fachleute ein, Renoir könnte es auch nachträglich gemalt haben. Ohne sich in diesem Punkt festzulegen, findet John Rewald, Kunsthistoriker in New York, das Auktionsbild der Pariser Fassung überlegen und »das schönste Werk, das Renoir je gemalt hat«.

Rewald, eine Kapazität mit hohem Ansehen, ist freilich keine ideal unparteiische Instanz; seit Jahrzehnten fungiert er als »Konservator« der Privatsammlung Whitney, zu der das Bild seit 1929 gehörte. »Mit großer Bestürzung« übrigens hat er sich 1987 gegen einen Artikel der Münchner Zeitschrift Die Kunst gewandt, der ein Bild in Schweizer Privatbesitz als Renoirs originale Vorstudie zum »Tanz im Moulin de la Galette« hinstellte.

Ein direkter Qualitätsvergleich zwischen Pariser und New Yorker Fassung ist vor der Auktion nicht zustande gekommen. Radikale Zweifel an dem versteigerten Gemälde allerdings werden durch die Tatsache gedämpft, daß seine Herkunft sich bis zur Versteigerung der Sammlung Chocquet in Paris 1899 zurückverfolgen läßt. Sammler und Renoir-Freund Victor Chocquet war damals zwar schon einige Jahre tot, doch der Maler war am Leben und hätte (wie er es in anderen Fällen tat) gegen eine Fälschung protestieren können.

»Dem Museum of Modern Art, New York, als Geschenk versprochen« - mit diesem Vermerk ist der »Tanz im Moulin de la Galette« der Sammlung Whitney im Renoir-OEuvrekatalog von 1971 verzeichnet. Aber die Freigebigkeit amerikanischer Kunsteigentümer hat durch ein Finanzgesetz von 1986 sehr gelitten.

Die Steuervorteile bei Stiftungen an Museen sind erheblich geschrumpft, dafür lockt bei Auktionen größeres Geld als je zuvor. »Diese Verbindung«, sagt Metropolitan-Direktor Montebello, »ist für Sammler unwiderstehlich und für Museen verhängnisvoll.« f

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