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FERNSEHEN / EISENSTEIN Großer Oktober

aus DER SPIEGEL 48/1967

»Kommunismus«, lehrte Lenin, »das ist Sowjet-Macht plus Elektrifizierung.« Doch zu Ehren der kommunistischen Revolution gingen in Leningrad die elektrischen Lichter aus.

Im einstigen Winterpalais der Zaren nämlich drehte 1927 Rußlands Film-Pionier Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898 bis 1948) an dem Leinwand-Epos »Oktober« und beanspruchte nächtelang die volle Kraft der Leningrader Generatoren.

Das Licht-Spiel, das zu den roten Zehnjahresfeiern eine anschauliche Sowjet-Sicht der Revolution von 1917 liefern sollte, wurde dennoch nicht rechtzeitig beendet. Nun, 50 Jahre nach dem Sieg der Bolschewiken, dient der Film dem Westen als Jubiläumsschau: Am Freitag dieser Woche läuft »Oktober« -- erstmals öffentlich in der Bundesrepublik -- als Gedenksendung des Zweiten Deutschen Fernsehens.

Die Mainzer hatten bereits im Oktober auch Eisensteins Kino-Erstling »Streik« gesendet -- ein propagandistisches Rührstück, das dem Regisseur selbst »geschmacklos, borstig, aber reich an Keimen« schien,

Die Keime gingen 1925 auf, als Eisenstein seinen »Panzerkreuzer Potemkin« drehte und Details und Massenszenen mit präzisem Kalkül zu einem leidenschaftlichen Drama montierte. Das Werk, 1958 von einer internationalen Jury als »bester Film der Welt« bewertet, deutete eine Meuterei zaristischer Matrosen als »Generalprobe des großen Oktober« (Eisenstein).

Der rasche Erfolg des Probe-Films (Eisenstein: »Ich wachte auf und war berühmt") trug dem Regisseur dann auch den Auftrag ein, den Oktober für die Leinwand zu stilisieren.

Für das geplante Renommier-Werk bekam Eisenstein einen Etat von 500 000 Rubel und außerdem Militärhilfe: Die Sowjet-Flotte entsandte den Kreuzer »Aurora«, der 1917 den Kommunisten-Aufstand entschieden hatte, noch einmal in den Leningrader Hafen; und das 11 000 Mann starke Statistenheer wurde vornehmlich aus Rotgardisten rekrutiert -- sie zerschlugen beim Sturm auf das Winterpalais mehr Fenster und Türen als einst die historischen Rebellen.

Doch trotz geschichtlichem Aufwand verschmähte Eisenstein die bloße realistische Rekonstruktion: Er versuchte »nicht nur die Tatsachen widerzuspiegeln, sondern auch die Dynamik der Prozesse zu zeigen« -- zum Beispiel mit einer Ansicht sensenschwingender Bauernmassen.

Ferner veralberte Eisenstein die disputierenden Menschewiki als psalmodierende Harfenschläger und symbolisierte die Reaktion Kerenskis durch einen technischen Trick: Er ließ eine Sequenz rückwärts laufen, so daß ein demoliertes Zarendenkmal sich wieder zusammensetzte.

Trotz kommunistischer Parteilichkeit mißfiel Eisensteins »Oktober« den herrschenden Kommunisten: Der Regisseur hatte den schon 1926 aus dem Politbüro ausgestoßenen Trotzki noch als Revolutions-Agitator verherrlicht, Stalin hingegen kam in dem Film nicht vor.

Das mißliebige Werk wurde dem Autor zur Umarbeitung zurückgeschickt; doch er konnte sich nicht mehr rechtzeitig der Parteilinie anpassen -- die »Oktober«-Vorführung wurde vom Festprogramm für die Revolutionsfeiern gestrichen. Erst 1928 wurde der Film in Moskau vorgeführt -- nachdem Eisenstein »die schönsten Szenen weggeworfen« hatte.

Auch mit späteren Filmen scheiterte Eisenstein. So mußte er seine »Generallinie« (1929) auf Stalin-Order abändern und beispielsweise Szenen mit Ford-Traktoren tilgen. In Amerika wiederum, wo er von 1930 bis 1932 arbeitete, wurden seine Pläne als marxistisch zurückgewiesen.

Wieder in Rußland, mußte der Regisseur seinen Film »Die Bieschin-Wiese« (1936) als »zu wirklichkeitsfern« vernichten, und »Alexander Newski« (1938) wurde nach einem Jahr Laufzeit gleichfalls verboten.

Selbst Eisensteins Versuch, Stalin in der Figur Iwans des Schrecklichen zu verherrlichen, schlug fehl: Zwar bekam der erste Teil des geplanten Iwan-Zyklus den Lenin-Preis, der zweite und der unvollendete dritte jedoch wurden wegen parodistischer Elemente beschlagnahmt.

Erst 1958, zehn Jahre nach seinem Tod, lobte die Kultur-Ministerin Jekaterina Furzewa Eisenstein wieder öffentlich. Seither werden seine Filme, für das Sowjet-Volk bearbeitet, erneut in Rußland gezeigt.

Auch das ZDF präsentiert »Oktober« -- die rekonstruierte Fassung von 1928 -- nicht unverändert: Die Mainzer unterlegten den Stummfilm mit Ziehharmonika-Variationen über die Internationale und den Schlager »Moskauer Abende«.

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