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STARS Großer Vater

Ganz Berlin läuft einem Glatzkopf nach. SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über TV-»Kojak« Telly Savalas:
aus DER SPIEGEL 16/1975

Sorgen drücken den Portier im »Schweizerhof« zu Berlin. Denn Tag für Tag berennen weibliche Stoßtrupps das Hotel, und die könne man doch, vor allem Minderjährige, nicht hinaufgehen lassen, »denn weiß man. wie sie wieder runterkommen?«

Zwei Damen, ins festliche Schwarz reifer Sinnlichkeit gepreßt, patrouillieren schon geraume Zeit vor der Herberge. Aber auch ein Rudel Schülerinnen vertreibt sich da schnatternd die Zeit; Telly, sagen sie, würde sie erwarten.

Sie wollen ihn in ihre Klasse laden, im Marie-Curie-Gymnasium; der Herr Direktor wäre damit einverstanden, denn bei der Gelegenheit könne man ja auch »ein bißchen Englisch üben«.

Im Bademantel, Kopf und Kinn blitzblank rasiert, empfängt Telly Savalas, kurz nach dem Lever um 15 Uhr, im überheizten Swimming-pool des Hotels; bald rinnt der Schweiß ins Bier, das lau im Plastikbecher dümpelt.

Eben, so wird ihm gemeldet, habe eine Marion angerufen. Welche? stöhnt einer aus der Entourage; fünf Marions stünden auf der Liste, dreizehn Brigittes und zwölf Gabys. Sie soll, entscheidet Savalas, in einer Stunde wieder anrufen, »denn es könnte ja auch meine Tante sein

Telly Savalas, der famose Polizist Theo Kojak aus der TV-Krimi-Serie »Einsatz in Manhattan«, ist in Berlin, um einen Film zu drehen, »Inside Out« mit Titel, ein Krimi. Auch in den Drehpausen drängt es ihn zum Wasser, zu Brausen oder in Bassins; die Welt ist schmutzig.

Er hat Berlin das Gefühl geschenkt, einen Star in seiner Mauer zu haben. Kirchen und Kaufhäuser buhlen um ihn, er tanzt auf dem Polizei-Ball und setzt auf Pferde, malt Autogramme auf blanke Busen, haut sich mit einem Karate-König und schrubbt, Wasser marsch, einer planschenden Miss nach der Wahl den Rücken.

Sein Leben lang, sagt Savalas, 50, habe er geschauspielert; aber erst seit zwölf Jahren bekomme er Geld dafür, und »jetzt verdiene ich an einem Tag, was ich früher in einem Monat verdiente«. In 54 Ländern läuft »Einsatz in Manhattan«, 50 Folgen hat er abgedreht, weitere 50 sollen es werden.

Telly Savalas ist einer der raren Schauspieler, die über das »kalte Medium« Fernsehen dennoch Massen-Faszination errangen; in den Kino-Filmen vorher war er meist der Miesling am Rande, auch mal Pontius Pilatus oder Mastermind Blofeld. Star wurde er mit Kojak und Glatze,

Denn als er den schon fadenscheinigen Belag abgekratzt hatte, trat seine Persönlichkeit klar zutage: ein massiger Diktatoren-Schädel, darin schwere, wie in Öl eingelegte Augen; ein Mann im Rohzustand, der fortwährend beteuert, ein Butterberg zu sein.

Ein viriler Vater -- das treibt ihm, im Jahr der Frau, die Frauen zu, und er weiß, was sie bei ihm suchen: »Sie wollen beschützt werden.« Emanzis hält er für »geisteskrank«, denn »wenn sie hundert Prozent von mir haben können, warum wollen sie fifty-fifty?«

So kreuzt er unter der Piratenflagge der Potenz -- und an Kettchen um den Hals, in Gold gegossen, trägt er die Babyzähne seiner (vier) Kinder; der heilige Thomas von Aquin sei sein »Idol«, aber auch der Liebeskünstler Casanova. Telly Savalas klopft solche Widersprüche beinah glaubhaft.

Er hat einmal Psychologie studiert, sich dann aber von der Lehre abgewandt; Sigmund Freud hält er für den »größten Schurken der Geschichte« und dessen Konzept vom Menschen für »lächerlich«, vor allem die Ödipus-Theorie. Kein Mann wolle mit seiner Mutter schlafen, und Ödipus habe sich vor Schreck die Augen ausgerissen. als er von seinem Malheur erfuhr.

Bei derlei Argumenten mag man Telly Savalas gern ein paar Schritte folgen, um so mehr, als seine Ahnen Spartaner waren und er. mit vollem Vornamen, Aristoteles heißt. Und seine Eltern, US-Immigranten, haben griechische Sitte rein bewahrt; die Mami ist heute noch für ihn der »Boss«, und vor ihr fühlt er sich als »kleiner Junge«.

So hält er es auch mit seinen Familien (drei Ehen). Er will da ein »großer Vater« sein, der die »Generationslücke« überspringt und vor den Nachwuchs hintreten kann mit der Weisung: »Kinder, Papa weiß es besser als ihr.«

Love and Order oder Telly Savalas ist Kojak. Die spürbare Identität von Mensch und Rolle macht wohl die TV-Faszination der Kojak-Figur aus. Und die ist ja dann, so gesehen, ganz schön altertümlich.

Kein Tiefsinn. Am Jahr der Frau interessieren ihn vor allem die Frauen. auch wenn ihm alle »total gleich vorkommen«. Klar:« Wenn der liebe Gott«, sagt Savalas, »sie schon physiologisch alle gleich geschaffen hat, warum sollte ich sie emotional verschieden machen?«

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