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Kunst Großes Geschrei

Als »gestaltlose, brabbelnde Meerestiere« kennzeichnete der Maler James Ensor seine Mitbürger: Jetzt entdeckte Briefe erhellen den Konflikt des Künstlers mit der Umwelt.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Schon früh kränkte den Künstler der Anblick geschmähter Größe: Als knapp 20jähriger Akademie-Student bewunderte der belgische Maler James Ensor (1860 bis 1949) die »gewaltige und herrliche Welt« Richard Wagners, litt aber »heftig, wenn die Leute lachten oder sich entsetzten, und dieses Verhalten war bei der Bourgeoisie allgemein üblich. Damals lernte ich sie verachten«, gestand er rund 15 Jahre später, »und dieses Gefühl ist nie ganz erloschen«.

Das war, so scheint es, eine Empfindung, die den Künstler weithin beherrschte, die ihn anstachelte, dann aber auch entmutigte und schließlich aufrieb. Ensor, für kurze Zeit um 1890 ein Vorläufer der Moderne neben van Gogh und Cézanne, später nur noch sein eigener Epigone, begriff sich selbst als Opfer des bürgerlichen Kunsturteils: Auf seinen Bildern hängt »Ensor« am Kreuz, wüten seine Kritiker als Folterknechte und Kannibalen.

Auch Ensor-Worte unterstreichen diesen Konflikt -- Worte etwa aus einem bislang unbekannten Bündel von 17 Briefen, die Ensor zwischen 1894 und 1921 an den flämischen Literaten Pol de Mont gerichtet hat. Der Maler beklagt sich in diesen Dokumenten über »feindseliges Publikum«, »großes Geschrei« und »heftige Angriffe der Kritik«.

Das Konvolut ist Anfang dieses Jahres in Stuttgart von dem mit einer De-Mont-Enkelin verheirateten Flamen Frans Weyler aus dem Familienarchiv geborgen worden und steht jetzt zum Verkauf. 16 Briefe liegen in einer Ensor-Galerieausstellung in Neckarrems aus, das aufschlußreichste Schreiben wird vom Stuttgarter Kunstverein als Teil einer großen Ensor-Retrospektive gezeigt.

Dem Kunstvereinsdirektor Uwe M. Schneede mußte Weylers Entdeckung auch deshalb gelegen kommen, weil sie zumindest in Teilen seine Deutung stützen kann, Ensors Schicksal sei exemplarisch für den »Zerfall der Einheit von Herrschaft und Kunst« am Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dieser bedenkenswerten, wenn auch einseitigen Version ist die »Verkennung« für Ensor die »eigentliche Basis seiner künstlerischen Arbeit« geworden.

Stationen der Verkennung: Ensor, in Ostende geboren und fast sein Leben lang dort ansässig, erntete zu seiner Überraschung bereits für realistische, tonig, doch locker gemalte Interieurs überwiegend Hohn. Mit flirrend lichten, mythologisch ausstaffierten Landschaften entfernte er sich noch weiter vom herrschenden Geschmack -- auch von dem seiner Kollegen in der Brüsseler Künstlervereinigung »XX«, die dazu übergingen, seine Einsendungen zu zensieren.

Die blasphemisch anmutenden, auf ihn selbst gemünzten Christusbilder forderten das Publikum bereits mit Absicht heraus. Und eingestandenermaßen »auch, weil sie das Publikum verletzten, das mich so schlecht aufgenommen hatte« (Brief an de Mont), entwarf Ensor jene gespenstischen, hell und grell kolorierten Masken-Szenen, mit denen er seinen stärksten Beitrag zur Kunstgeschichte geliefert hat.

Schon jenseits seines künstlerischen Höhepunkts malte der Verfemte sein Selbstporträt »umringt von Masken« oder (auf einem jetzt in Neckarrems angebotenen Bild) als Skelett in einem Atelier voll bekannter Ensor-Werke.

Vorher schon hatte die Korrespondenz mit de Mont begonnen, der Auskünfte für eine Ensor-Studie erbat. Der Maler antwortete entgegenkommend und schilderte sodann in einem breit angelegten Lebenslauf (von der Brüsseler Akademiezeit samt Wagner-Verehrung an) seinen Kampf gegen die »Form«, doch für die »Vision«, für das »Licht und die Deformierungen, die es der Linie zufügt«. In der dritten Epistel meldete der Künstler, er warte auf den »Zwang zum Malen«, und kennzeichnete seine kunstfeindlichen Mitbürger als »Fresser ekelhafter Dinge, gestaltlose, brabbelnde Meerestiere«.

Adressat de Mont konnte den Zorn seines Briefpartners gut verstehen -- in seinem Ensor-Aufsatz (1895) brach er angesichts der Nachricht, aus einem Brüsseler »Salon« seien alle Ensor-Werke zurückgewiesen worden, in die Verwünschung aus: »Sollte man solche Juroren nicht mit der siebenschwänzigen Katze aus dem Tempel jagen?«

Nicht jeder Kummer des Künstlers kann aber offenbar den Preisrichtern und Kritikern angelastet werden -- neben der Sozialgeschichte muß die Tiefenpsychologie zur Erklärung von Ensors Werk und Vita beitragen. Der hartnäckige Junggeselle schrieb an de Mont auch dies: »Eine korrekte Linie ... hat die Zustimmung oberflächlicher und bornierter Geister, sie stellt das Weibliche dar.«

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