Zur Ausgabe
Artikel 72 / 83

KUNSTMARKT / DUCCIO Großes Opfer

aus DER SPIEGEL 45/1968

Einem alten Marienbild brachte die Londoner Nationalgalerie Anfang letzten Monats ein großes Opfer: 1,4 Millionen Mark. Doch nun wird das Museum des Handels nicht recht froh. Denn an der Jungfrau mit dem Heiligenschein haftet ein Ruch von unsauberen Geschäften.

In dieses Zwielicht ist das rund 40 mal 30 Zentimeter große Bild, das Experten für ein Werk des italienischen Malers Duccio di Buoninsegna (um 1270 bis 1319) halten, durch eine ungewöhnliche Preis-Progression geraten: Vor sieben Monaten noch hatte das Millionen-Objekt auf einer Auktion in der englischen Provinz nur 26 000 Mark gebracht -- eine Dumping-Summe, die (so argwöhnen Händler aus der Hauptstadt) von einem illegalen Bieter-Kartell manipuliert war.

Nutznießer des Preisanstiegs und somit Hauptverdächtiger ist der US-Amerikaner Julius Weitzner, 65, der seit sechs Jahren in London als Kunsthändler residiert.

Dank seinem unbestrittenen Spürsinn stufte Weitzner auch gleich die italienische Madonna hoch ein, die ein Thomas Bridson um 1920 in Paris gekauft und Ende 1967, 89jährig in Somerset verstorben, seinen minder kunstsinnigen Erben hinterlassen hatte.

Die Bridson-Erben vertrauten den Nachlaß einer Auktionsfirma vom Lande an; deren Möbel-Fachmann Arthur Negus, gleichzeitig ein Unterhaltungs-Star des BBC-Fernsehens, deklarierte die durch Inschrift auf der Rückseite als Duccio ausgewiesene Tafel nur vage als »Sieneser Schule« und datierte sie falsch ins 15. Jahrhundert.

Der wahre Wert des Bildes blieb daher den meisten Interessenten verborgen, zumal ein Londoner Spezialist den Auktionskatalog überhaupt nicht, ein anderer ein Exemplar ohne Abbildung der Madonna erhielt. Dennoch sah neben Weitzner noch ein weiterer Kunsthändler klar: der Londoner Experte Malcolm Waddingham, der nun als Kronzeuge der Anti-Weitzner-Fronde fungiert.

Waddingham, der zum Auktionstag (26. März 1968) ins Ausland reisen wollte, sprach deswegen mit Weitzner ab, das Duccio-Bild gemeinschaftlich zu kaufen. Nach seiner Rückkehr erfuhr er aber, er sei nur einer unter vielen -- auf einer Liste verzeichneten -- Teilhabern eines Bieter-Rings und habe Anspruch auf ein paar hundert Pfund.

Abmachungen unter Auktionsteilnehmern, beim Bieten zugunsten eines anderen zurückzustehen und dafür eine Belohnung zu kassieren, sind auf dem Kunstmarkt vermutlich weit verbreitet. Sie sind jedoch verboten, weil sie die Preise künstlich niederhalten und so die Eigentümer des Auktionsguts schädigen. Die Nachricht vom dubiosen Duccio-Handel teilte die »Vereinigung Londoner Kunsthändler«, durch Waddingham informiert, denn auch alsbald dem zuständigen Handelsministerium mit.

Doch die Behörde reagierte gelassen. Sie sah sogar davon ab, die Nationalgalerie zu warnen, als diese in Konkurrenz mit dem amerikanischen Cleveland Museum of Arts das Bild von Weitzner kaufte. Erst am Mittwoch gab das Ministerium, von Abgeordneten-Anfragen bedrängt, sein Material dem Staatsanwalt -- zu spät für einen Schuldspruch wegen unerlaubter Preis-Absprachen.

Denn nach dem Gesetz hätte die Staatsanwaltschaft den Fall binnen sechs Monaten nach dem Duccio-Verkauf untersuchen müssen. Diese Frist aber hat das Handelsministerium am 26. September 1968 tatenlos verstreichen lassen.

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.