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AFFÄREN / FERNSEHEN Großes Zittern

aus DER SPIEGEL 27/1970

Wer A sagt, muß auch B sagen. Wer in der ZDF-Filmredaktion von Ankauf spricht, meint meistens »Beta«. Die Münchner Filmfirma »Beta« liefert den überwiegenden Teil aller ausländischen Spielfilme und Fernsehserien für das Zweite Programm.

Sicher, eine öffentlich-rechtliche TV-Anstalt ist ein schwerfälliger Apparat. Sie bedient sich gern eines agilen, privaten Zwischenhändlers, der für sie die Geschäfte macht. Das ist legitim, das ist verständlich. Aber ist es auch verständlich, daß das Zweite Deutsche Fernsehen so sehr auf »Beta« baut? Daß es der »Beta« nahezu ein Monopol verschafft hat?

Es gibt Filmproduzenten« die ihre Produkte gern direkt ans ZDF verkaufen würden. Aber das ZDF mag das nicht so arg. Es sagt: »Verhandeln Sie darüber doch bitte mit der »Beta'.« So jedenfalls wurde erst kürzlich wieder einem »Jugoslavija Film«-Vertreter beschieden: Sein Film »Der Hinterhalt«, am 8. Juni dieses Jahres gesendet, kam nur über die »Beta« ins ZDF-Programm.

Auch der Regisseur Carl Junghans, der seinen berühmten Stummfilm »So ist das Leben« dem ZDF für 36 000 Mark anbot, mußte zu »Beta« gehen. Die Firma offerierte ihm, alle europäischen Auswertungsrechte eingeschlossen, 25 000 Mark. Carl Junghans lehnte ab.

Ähnlich erging es dem Münchner Filmemacher Edgar Reitz, als er dem ZDF seinen »Cardillac« verkaufen wollte. Das ZDF verwies ihn an »Beta«, die ihm einen Kontrakt vorlegte, der »weit über einen normalen TV-Vertrag hinausging«. Reitz lehnte ab.

Die Branche weiß es: Wer einen Film ans ZDF verkaufen will, wendet sich am besten gleich an »Beta«.

Die Firma »Beta« ist eine GmbH und Co. Beteiligt ist der Filmkaufmann Konsul Walfried Barthel ("Constantin"), aber der Chef heißt: Dr. Leo Kirch, 43. Kirch ist der Sohn eines kleinen Weinbauern aus dem Fränkischen. Er scheut die Publicity und liebt französische Stilmöbel. Er geht sonntags in die Kirche und hat eine Villa am Wörthersee.

Mit seinen guten Beziehungen zum ZDF-Programmdirektor Joseph Viehöver ist Kirch im deutschen TV-Filmgeschäft der mächtigste Mann. Sich mit ihm anzulegen, meint der Jungfilmer Geissendörfer, »kommt einem Selbstmord gleich«.

Deshalb bekommen in den Studios, Agenturen und TV-Büros die Regisseure, Händler und Redakteure das große Zittern, sobald der Name »Beta« fällt. »Nennen Sie um Gottes willen nicht meinen Namen«, so die meisten Kirch-Kenner, die der SPIEGEL befragt hat. »Wenn ich auspacke«, fürchtet eine ehemalige Kirch-Mitarbeiterin »kriege ich in dieser Branche keinen Fuß mehr auf den Boden.«

Denn Leo Kirch handelt schließlich nicht nur mit fertigen Filmen -- wie in seinen Firmen »Beta«, »Taurus«, »Sirius": Er läßt als Teilhaber von »Iduna«, »Cosmotel«, »Unitel« und »CBM« Opern, Shows und vielerlei andere Film- und Fernsehproduktionen herstellen; er schleust über »Obelisk« eigene und fremde Produktionen in die Kinos und ist außerdem mit Unternehmen in Frankreich, Österreich und der Schweiz finanziell liiert.

Wann immer sich eine TV-Redaktion für einen ausländischen Spielfilm interessiert -- Leo Kirch weiß schon Bescheid. Der deutsche Film-Einkäufer« der nicht von Kirch geschickt ist, kommt meist zu spät -- »Beta« war schon da.

Zu seinem Erfolg tragen auch namhafte deutsche Filmkritiker bei: Für gute Honorare reisen sie um den Globus, begutachten die neuesten Produkte in Tokio, Moskau und Havanna, optieren für die »Beta« und sorgen als Juroren auch dafür, daß »Beta«-Neuerwerbungen bei Festspielen gut placiert werden.

So hat sich Kirch eine Schlüsselposition bei den deutschen TV-Anstalten erkämpft. Schon 1960, als Verleiher und Theaterbesitzer noch gegen Spielfilme im Fernsehen wetterten ("Der Bildschirm macht die Leinwand kaputt"), witterte Kirch: Das Kino im Fernsehen kommt bestimmt.

Für Minimalbeträge erwarb er damals die Fernsehrechte an weit über 1000 Spielfilmen und verhökerte 600 davon zu einem Stückpreis von 27 500 Mark an die ARD. Seither schob er 1966 und 1968 zwei weitere Pakete dieser Art, mittlerweile für 80 000 bis 90 000 Mark pro Film, in den ersten Kanal.

In Mainz arrivierte er 1963. Der damalige ZDF-Programmdirektor Ulrich Grahlmann, der zwei Jahre später wegen »anstaltsschädigenden« vertragswidrigen Gesamtverhaltens« den Hut nehmen mußte (SPIEGEL 34/1965), gab Kirch einen Auftrag über 15 Millionen Mark. Das ZDF lagerte dafür einen Vorrat von 300 Spielfilmen ein.

Sie waren noch längst nicht alle gesendet, da kam Kirch auch schon mit dem Grahlmann-Nachfolger Joseph Viehöver ins Geschäft. Viehövers Rahmenverträge -- der bisher letzte wurde im März 1968 über mehr als 250 Spielfilme abgeschlossen -- garantieren ihm einen festen Anteil am jährlichen ZDF-Budget. »Beta«-Abgeordnete kaufen im Ausland sogar als offizielle Vertreter des Zweiten Deutschen Fernsehens ein.

Das hat für Mainz den Vorteil: Kirch ist auf dem internationalen Filmmarkt stets rasch zur Stelle. Er kann fast jeden Film schnell besorgen, und er hortet so viele Auslandsfilme« daß die Film-Redaktionen nur auszuwählen brauchen.

Andererseits: In jedem »Beta«-Paket sind ein paar große Filme und viele mittelmäßige. Denn so kauft »Beta« ein: Auf einen Hit kommen viele Nieten. Und auf den Nieten bleibt das Fernsehen hocken. Denn schließlich laufen ja die Rechte ab, und schließlich bringt »Beta« immer wieder neue Hits und neue Nieten ins Spiel.

»Im Augenblick«, gestand der ZDF-Redakteur Klaus Brüne, »sind wir überwiegend durch »Beta/Taurus' blockiert.«

Jeder Film, den die Mainzer zu einem Durchschnittspreis von 89 000 Mark von »Beta« erwerben, kostet zuviel. Ohne »Betas« Mittlerrolle wäre mancher Film, von der Fernsehanstalt direkt eingekauft, schon weit billiger zu haben.

Und weil diese Verfahrensweise kritisiert werden könnte, hält das ZDF die Einzelheiten seiner Abmachungen mit Kirch streng geheim.

Wer den Kirch-Deal ausplaudert oder kritisiert, ist beim Programmdirektor Viehöver unten durch. Als Joseph Viehöver 1968 (zu Unrecht) vermutete, der Leiter des Ressorts Herstellung, Theo Aulich, habe über den kurz zuvor mit Kirch abgeschlossenen Rahmenvertrag gesprochen, wurde Aulich auf einen Außenposten versetzt.

Als der Filmredakteur Klaus Brüne Mitte letzten Jahres dem Branchen-Dienst »Filmreport« »Beta«-Zahlen verriet, schränkte Viehöver Brünes Zuständigkeit drastisch ein: Er verlor seine Funktion als stellvertretender Hauptabteilungsleiter. Jedesmal übernahm ein Hans Blank, derzeit für den Filmeinkauf in Viehövers Hauptabteilung Programmplanung verantwortlich, einen Teil der freigewordenen Kompetenzen.

Jener Hans Blank, der 1960 als Geschäftsführer der Filmbewertungsstelle in Wiesbaden gehen mußte (SPIEGEL 45/1960), weil er Filme, an denen er beteiligt war, als »besonders wertvoll« prämiiert hatte, hat sich um das Wohl der »Beta« schon verdient gemacht:

1963 verpetzte er den Münchner Filmkaufmann Leo J. Horster bei Kirch. Horstor hatte gesprächsweise geäußert, bei den großen »Beta«-Abschlüssen mit der ARD habe Kirch erhebliche Zuwendungen an leitende ARD-Mitarbeiter gemacht. Horster verlor den Prozeß.

Blank war es auch. der den ZDF-Redakteur Hans-Jürgen Bobermin Anfang dieses Jahres so unter Druck setzte, daß Bobermin ein Privatgespräch mit dem Chefdramaturgen Wolfgang Hammerschmidt über Viehövers Kontakte zu freien Produzenten an den Programmdirektor weitergab (SPIEGEL 26/1970).

Blank, der Filmeinkäufer des ZDF, erledigt die Geschäfte mit der »Beta«. Und wenn er dem ZDF einmal nicht mehr dienen will, mag Leo Kirch für ihn sorgen. Denn schon so manche ZDF-Angestellten fanden bei Kirch Lohn und Brot. Eine Disponentin des Filmeinkaufs (einst Blanks rechte Hand), eine Sekretärin der Abteilung »Honorare und Lizenzen«, ein Redakteur der Abteilung »Konzertante Produktionen« stehen mit all ihren ZDF-Kenntnissen nun bei »Beta« unter Vertrag.

Und wer ihm beim Fernsehen dienlich sein könnte, für den hat Kirch mitunter auch einen Tausendmarkschein parat. Jedenfalls legte Kirch in Mainz solch einen Braunen auf den Tisch: »Kaufen Sie Ihrem Kind dafür zu Weihnachten einen Teddybär.« Das Mainzer Redaktionsmitglied überwies -nach Abzug der Kosten für den Teddy -- das Geld auf das Konto der »Aktion Sorgenkind«.

Ein kluges Kind -- denn solche Kirch-Spiele können leicht schiefgehen. Beim Österreichischen Rundfunk durfte ein Filmeinkäufer nicht länger bleiben, weil er von einer mit der »Beta« liierten Firma mit kleineren Summen bedacht worden war. 1967, vor dem Ausscheiden des Angestellten, lieferte die »Beta« dem Wiener Sender 83 Prozent aller Spielfilme und Serien. Danach, 1969, war ihr Anteil bei der ORF auf 29 Prozent geschrumpft.

Der österreichische Programmdirektor Helmut Zilk will »offiziell« dazu nichts sagen. Auch der einstige »Beta«-Bevollmächtigte Dr. Gerd Rabanus, der mittlerweile ungut von Kirch geschieden ist, winkte ab: »Woher weiß ich denn«, so Rabanus zum SPIEGEL, »daß Sie nicht von »Beta' gekauft sind?«

SPIEGEL: »,Beta« ist doch nicht die Mafia.

Rabanus: »Damit würden Sie aber der Mafia unrecht tun.«

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