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ADENAUER-PORTRÄT Großvater denkt

aus DER SPIEGEL 19/1965

Nein, dat freut mich ungeheuer, dat mich der Herr Sutherland als denkenden Menschen porträtiert hat«, sagte Konrad Adenauer, 89, nachdem er minutenlang sein Bildnis angeschaut hatte.

Vier Männer, die im Arbeitszimmer des kunstbetrachtenden Altbundeskanzlers versammelt waren, atmeten spürbar auf: Harry Fischer, Miteigentürmer der Londoner Marlborough Fine Art Galerie, hatte das Adenauer-Porträt des Briten Graham Sutherland, 61, nach Bonn transportiert; Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld, Ex-Botschafter in London, Felix H. Man, Photoreporter, und Gustav Stein vom Bundesverband der Deutschen Industrie attachierten bei der Bild-Übergabe. Die Handlung in Bonn war das Happy -End nach sechs Jahren Verhandlungen und Arbeit.

1954 hatte Sutherland Herrn Winston Churchill auf Leinwand gebannt. Da das Bild aber deutlich machte, daß Englands großer Alter kurz zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte, verbannte Churchill das Gemälde in den Keller seines Londoner Stadthauses.

Dieses Schicksal widerfuhr dem Werk eines Künstlers, der einen Stammplatz im Ersten Rang der zeitgenössischen Malerei innehat. Nur zwei seiner malenden Landsleute, der abstrakte Ben Nicholson und der gespenstische Francis Bacon können es an internationalem Renommée mit ihm aufnehmen; Sutherland aber ist der einzige, dem es gelang, zu einer »öffentlichen Figur der Kategorie Bardot oder Hemingway« zu werden (so der englische Kunstkritiker John Russel).

Sutherland begann als Maler phantastischer Landschaften mit knolligen Steinformationen, voller Dornen, Baumwurzeln, kohlstrunk-ähnlichen Gebilden und Maschinenteilen. 1947 schuf er für die Kirche St. Matthew in Northampton eine Kreuzigung nach KZ-Photovorlagen aus Bergen -Belsen, 1962 einen Christusgobelin für die restaurierte Kathedrale von Coventry. 1949 bat er zum erstenmal einen Freund, den Schriftsteller Somerset Maugham, für ihn zu sitzen (das Porträt hängt jetzt in der englischen Zentrale für moderne Malerei, der Londoner Tate Gallery).

Seither wurde Sutherland mit Aufträgen überschwemmt. Er malte jedoch im Schnitt nur ein Bildnis pro Jahr. Er konterfeite den britischen Zeitungsmagnaten Lord Beaverbrook, den Schweizer Dirigenten Paul Sacher und dessen Frau, den deutschen Prinzen Maximilian Egon zu Fürstenberg und die amerikanische Kosmetikkönigin Helena Rubinstein.

Über die Prinzipien, nach denen Sutherland seine Modelle

auswählte, schrieb sein Biograph Douglas Cooper: »Sutherland interessiert sich am meisten für starke, leidenschaftliche oder vom Leben verwitterte Persönlichkeiten ... Solche Menschen betrachtet er als fabulöse Geschöpfe, die . . . durch einen innewohnenden Supersinn, vielleicht sogar durch List, eine beherrschende Stellung haben erreichen können.«

Auf Konrad Adenauer wurde Sutherland durch einen Freund aufmerksam, den Photojournalisten Felix H. Man. Adenauer, im Februar 1959 über des Malers Begehr informiert, lehnte zunächst ab: Er sei schon zu oft gemalt worden. Im Mai ließ er mitteilen, er sei doch bereit; mittlerweile war ihm erzählt Worden, daß es eine Ehre sei, einem Künstler von Sutherland-Format zu sitzen.

Im November machte der deutsche Botschafter die beiden in London miteinander bekannt. Erst im Herbst 1963 aber, kurz vor Adenauers Rücktritt, konnte das Werk beginnen. Drei-Wochen lang, während der Cadenabbia-Ferien, hielt der Kanzler täglich eine Stunde still. Sutherland füllte sein Skizzenbuch.

Nach anderthalb Jahren Arbeit und drei zerstörten Ölbildern hatte der Künstler zwei Porträts fertig: das größere zeigt Adenauer im schwarzen Anzug, das Gesicht lederfarben, vor grauen Blättern; das kleinere, gleichfalls dunkel gestimmt, zeigt ihn mit roten Pinselstrichen im Gesicht. Mit beiden Bildern fuhr Galerist Harry Fischer nach Bonn, um sie dem Modell zu zeigen, ehe sie verkauft werden (üblicher Sutherland-Preis für Großformate: 115 000 bis 140 000 Mark).

»Sagen Se mal«, bat Sutherland-Objekt Adenauer, »darf ich Sie bitten, dat große Bild acht Tage hier zu lassen? Ich habe nämlich 27 Enkel. Denen möchte ich es zeigen. Die sollen wissen, dat ihr Großvater ein denkender Mensch ist.«

Sutherlands Adenauer-Porträt: »Fabulöse Geschöpfe

Porträt-Maler Sutherland

... mit innewohnendem Supersinn«

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