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LITERATUR Groteskes Geschwabbel

aus DER SPIEGEL 6/2007

Ein Mann, der schwer zu tragen hat. An Körpermasse, Dummheit und Millionen. Mischa Vainberg, Sohn einer der reichsten Männer Russlands, schwabbelt durch die Nächte von St. Petersburg, spült die düstere Lebenserwartung mit Wodka runter oder versucht sie bei Prostituierten »wegzuvögeln«. Und wenn das nicht gelingt, schikaniert er seine »Diener«, scheucht sie nachts aus dem Bett, lässt sie Pasteten auffahren. Mischa kann die Sehnsucht kaum mehr ertragen, nach der glorreichen Stadt New York, wo er früher gelebt hatte, und nach Rouenna, dem schwarzen Mädchen aus der Bronx, das es wie bisher keine verstand, »seinen kümmerlichen chuj in den Mund zu nehmen«. Doch er darf nicht zurück, die Einwanderungsbehörde macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Sein Vater hatte einen Geschäftsmann aus Oklahoma umbringen lassen, bevor man ihn selbst in die Luft jagte. Was ist das für eine traurige Welt, von der der jüdische Exil-Russe Gary Shteyngart ("Handbuch für den russischen Debütanten"), 34, in seiner zweiten Komödie »Snack Daddys abenteuerliche Reise« so derb und amüsant erzählt? Wo sein kolossartiger Held auftaucht, herrscht Verzweiflung, Irrsinn, Lebensgefahr. Aber Shteyngart lässt seinen Snack Daddy nicht untergehen, lieber schießt er gegen alles: Politiker ("der russische Präsident sah aus wie immer, wie ein leicht unglückliches Pferd, das die Schnauze in eine Schüssel Haferflocken senkte"), Juden, Frauen. So politisch unkorrekt ist schon lange kein Romanheld mehr durchs Zeitgeschehen gerast. Irgendwann bringt ihn seine Reise in die Bananenrepublik »Absurdistan« (so lautet auch der Titel des Romans im Original). Dort soll ihm jemand einen belgischen Pass als »Eintrittskarte für den schützenden Westen« besorgen. Rouenna ist längst mit einem schmierigen Schriftsteller nach Boston durchgebrannt. Doch eine bessere Welt findet man dort auch nicht vor. Wie auch? Bei Gary Shteyngart ist die Welt sowieso nicht mehr zu retten.

Gary Shteyngart: »Snack Daddys abenteuerliche Reise«. Aus dem Englischen von Robin Detje. Berlin Verlag, Berlin; 384 Seiten; 22 Euro.

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