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Grün ist jetzt die Farbe der Witwen

SPIEGEL-Autor Harald Wieser über den verschwiegenen Schriftsteller Walter E. Richartz _____« Durchdrehen könnte ich, vor Glück, beim Ansehen » _____« mancher Frauen, Gesichter in Ruhe, Körper in leichter » _____« Bewegung - Duke Jordans Klavier, Birds Solo. » _____« Walter E. Richartz. »Vom Äußersten« » *
aus DER SPIEGEL 24/1987

Der Schriftsteller Walter E. Richartz wurde 1927 im Hamburg der schönen Fassaden geboren und hieß eigentlich Walter Erich Freiherr Karg von Bebenburg. Doch seit jenem schwarzen Tag im Sommer 1959, an dem der inzwischen in den USA lehrende Doktor der Biochemie sein erstes literarisches Manuskript an einen Taifun verlor, verbarg er seine Herkunft hinter der Maske des anderen Namens. Denn der lange Mann mit der karierten Schiebermütze, von dem sein Freund Uwe Herms schrieb, er habe wie ein britischer Nachfahre der Buddenbrooks gewirkt, »verkörpert durch Alec Guinness in dessen mittleren Jahren«, war ein Stiefenkel des Hindenburg-»Gehirns« und Generalquartiermeisters Erich Ludendorff.

Zwei deutsche Herrenmenschen haben in Ludendorffs Starnberger Residenz ihr Erziehungsregiment über das Kind ausgeübt: die Großmutter Mathilde Ludendorff (eine Nervenärztin und des Generals zweite Gattin), die sich Hitler in den zwanziger Jahren als »Führerin« empfohlen hatte, die Weltgeschichte als ein in »Verbrecherkaschemmen« geschmiedetes Synagogen-Komplott deutete und als Prinzipalin der Germanenloge »Gotterkenntnis (L)« dem »Joch Jakobs« auch in der Adenauer-Republik die Stirn bot.

Und der Adoptivvater Franz Freiherr Karg von Bebenburg der zweite Ehemann der Mutter und Verleger des Hauses »Hohe Warte«, der infolge antisemitischer Tiraden in seiner Zeitschrift »Der Quell« ("Zwei vor Haß berstende Juden tyrannisieren das rechtlos gemachte deutsche Volk in Westberlin") noch 1960 vor einem deutschen Gericht stand.

Auf der Flucht vor den Schatten dieses Familienerbes hat Walter E. Richartz zu seinen Lebzeiten mehr als zehn Bücher veröffentlicht, die mit bitterem Humor und in lakonischen Protokollsätzen meist von Menschen berichten, deren Eigensinn sich dem Ritual zu beugen hat. Diesen Menschen galt die Sympathie des Autors, und in der Verteidigung ihrer Phantasien versuchte er, sich alte eigene Ängste von der Seele zu schreiben: Der Adoptivvater verurteilte das Kind nach schlechten Schulzeugnissen zu wochenlangem Schweigearrest. Und Mathilde Ludendorff pflegte ihren Enkel zu bestrafen, indem sie ihn, damit eine deutsche Lichtgestalt aus ihm werde, während der Mahlzeiten wie einen Hund unter dem Tisch sitzen ließ.

Die Schilderung dieser Kindheitstraumata hat Walter E. Richartz in seinen Büchern vermieden. Aber sie sind das unsichtbare Bühnenbild, vor dem die nach Identität suchenden Helden dieser Bücher agieren. Überdies blieben sie zeitlebens eine private Mitgift des Autors, zu dessen Tragik es gehörte, über seine (frühen) Verletzungen selbst in vertrautem Kreis nicht sprechen zu können. Nur im Schutz des Glücks, in Augenblicken,

die er als so unbeschwert empfand, daß die Erinnerungen ihn nicht zermürbten, überwand er manchmal seine Scheu. Freunde wie der Schriftstellerkollege Hans Jürgen Fröhlich, erkannten solche Augenblicke daran, daß der Erik-Satie-Fan eine seiner sonst wie einen Gral gehüteten Raritäten präsentierte: eine alte Schellackplatte etwa, auf der Yehudi Menuhin Salon-Jazz auf der Violine spielt.

Nur waren solche Momente selten, und so hat Walter E. Richartz seinen Büchern die Schrecken anvertraut, in die ihn das Erwachsenenleben versetzte. Man könnte diese Bücher eine Porträtgalerie des Kleinbürgertums nennen, eingerichtet mit den Beobachtungen eines musischen Intellektuellen, der die arrivierten kleinen Leute nicht aus der Vogelperspektive des überlegenen Spötters, sondern eines wie ein trauriger Gulliver unter sie gefallenen Einzelgängers beschreibt. Denn Richartz hat den geborgten Kasinowitz und die Intrigenspiele ihrer Büros genau gekannt, in ihren schmucken Spießerkolonien (in Buchschlag bei Frankfurt) gelebt und unter ihrer aus Mon-Cherie-Schachteln duftenden Gemütlichkeit nur schwach amüsiert gelitten.

Im weißen Kittel des leitenden Chemikers von Bebenburg verbrachte er (seit 1960) acht Stunden täglich in den Forschungslaboratorien eines Frankfurter Großunternehmens und erwarb mehrere Patente: unter ihnen das Patent auf einen Tranquilizer und auf das Hautpräparat Kamillosan. Nur übte er den Brotberuf mit kaltem Herzen aus und »hielt den Mund« auch dann, als die Firma ihn in die avisierte Entwicklung eines »Hautbleichmittels für Neger« einweihte, diese Episode hat Richartz, der den Chemiker-Job 1979 quittierte in einem unveröffentlichten Manuskript notiert; es trägt die Überschrift »Ich verbrenne die Brücken«.

Die Rolle des Sensationsreporters nämlich lag ihm nicht. Seine Sensationen waren die Banalitäten. Von ihnen ist, unter so absichtsvoll lächerlichen Stichwörtern wie »Die Drehstühle«, »Der Aktenschrank«, »Die Löschblattwiege«, in seinem »Büroroman« die Rede. Als dieses Buch 1976 erschien, schlug Walter E. Richartz'' größte Stunde. Daß Hans Jürgen Fröhlich den »Büroroman« mit Robert Walsers »Gehülfen« verglich ließe sich als das Gefälligkeitsgutachten eines nahen Bewunderers abtun. Aber auch Georg Hensel hat das Buch in der »FAZ« als »einzigartigen Vorstoß in eine Terra incognita« gepriesen, als »eine Expedition in einen großen weißen Flecken auf der literarischen Landkarte unserer Gegenwart«.

Die subtilen Gewalten des Bürolebens und ihre nicht selten psychodramatischen Folgen hat Richartz immer wieder sichtbar zu machen versucht: In »Der Aussteiger« (1979) wird ein Angestellter vom ewigen äußeren Zwang zur inneren Emigration seiner wahren Gefühle derart an den Rand des lautlosen Wahnsinns gebracht, daß er sich »langsam und methodisch« einen Schraubenzieher durch die Hand bohrt und den Styropor-Käfig »in seiner Vorstellung« schließlich zertrümmert: die Akten entzündet und »den schweren ''Rotaclean''-Aschenbecher durch die Thermopenscheibe« schleudert. Im Richartz-Hörspiel »Der Pudding« ist diese (Selbst-)Zerstörungswut noch im Alter lebendig: in der Sterbekammer eines pensionierten Eichmeisters, den 1968 Bernhard Minetti gesprochen hat. Und von Erik Saties »Sonatine Bureaucratique«, deren »Anweisungen für den Pianisten« er aus dem Französischen übersetzte, sagte Richartz, sie seien Anweisungen »nicht zum Singen, sondern zum Schreien«.

Trotz ihrer gelegentlichen Freundlichkeiten jedoch fühlte sich Walter F. Richartz von der Literaturkritik im Stich gelassen. Denn er machte die irritierende Erfahrung, daß die vereinzelte Anerkennung seiner Bücher niemals zur Anerkennung seiner Schriftstelleridentität gedieh. Bei beinahe jedem neuen Buch sah sich der Autor wie ein Debütant vorgestellt. Er hätte sich, um dies zu ändern, auf die Märkte begeben und radschlagen müssen. Aber schon auf der Buchmesse stand er meist verloren umher, und so vergrub er, was ihn bedrückte, in seinen Tagebüchern: »Die Messe rückt näher, ferne Trommeln und Pfeifen, wie damals der Prüfungstermin.« In den Tagebüchern trug er auch seine imaginären Fehden mit immer wieder denselben Kritikern aus: »Mühsam bekämpfe ich die Paranoia,''Sie wollen mich nicht hochkommen lassen''... R. R. - die ganze Clique.«

»Nobody knows you, when you''re down and out.« Diese Liedzeile der Blues-Königin Bessie Smith hat Walter E. Richartz seinem schwärzesten Buch vorangestellt: der Kriminalfiktion »Noface - nimm was du brauchst«. Sie erzählt von der makabren Karriere des Arztes John Reiter, der eine gebuchte Schiffsreise in die USA verpaßt. Als Reiter in die vor der Abreise bezogene Wohnung seines alten Kommilitonen Klinke zurückkehrt, erkennt der Freund ihn nicht mehr, und eine Frauenstimme in der Wohnung droht dem vermeintlichen Hausierer mit der Polizei. Auch allen anderen Bekannten ist John Reiter plötzlich fremd, und so verkommt er zu einem Stadtneurotiker dritter Klasse der so aussieht wie die Anti-Helden, die ihm bei seiner Vagabondage durch das halbseidene Hamburg auf der Leinwand begegnen: _____« Sonntag nachmittag ging ich ins Kino. Es gab einen » _____« alten amerikanischen Krimi, in dem Orson Welles ... ein » _____« heruntergekommenes Individuum spielte, vom Leben » _____« irgendwie besudelt und gequetscht, immer in einem » _____« formlosen, meist im Dreck schleifenden Regenmantel... Von » _____« Zeit zu Zeit verschwand er über die Grenze (nach Mexiko) » _____« und betrank sich in dem anrüchigen Lokal von Marlene » _____« Dietrich. »

Schließlich völlig aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen evakuiert, erkennt John Reiter die Gesichtslosigkeit als sagenhafte Lebenschance. Doch die Banküberfälle, die er nun unbehelligt unternimmt, sind nicht nur eine Metapher für die heimlichen Freuden des Bürgers an der Kriminalität. Sie sind auch eine Chiffre für die Erfahrung des Autors, daß es von Niederlagen angezettelte Selbstzweifel gibt, unter deren Last man sich den (mißglückten) Aufstieg nur noch als (rächenden) Abstieg vorstellen kann. Der Außenseiter nicht als traurige, sondern als utopische Figur.

Nach dem Mißgeschick im amerikanischen Taifun und einem Intermezzo bei Rowohlt (wo er 1961 »Die Jazzdiskothek« herausgab) hatte Richartz, 37 Jahre alt, mit der Veröffentlichung seiner Prosa in den Hinterzimmern der deutschen Literaturproduktion begonnen: In

der Eremitenpresse des freundlichen Bürgerschrecks V. O. Stomps erschien 1964 ein erstes Buch: »Es funktioniert«. Und im gemeinsam mit Hans Jürgen Fröhlich gegründeten Frankfurter Patio-Handpressenverlag, in dem er selber setzte, was er schrieb, machte er Henry David Thoreaus »Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« bekannt. Mit Thoreau (1817 bis 1862) begann Richartz nicht nur seine Spurensicherung verschollener Amerikaner. Im Anarchofreak aus Massachusetts entdeckte Richartz ("I like Thoreau. I like Teufel") auch einen seiner politischen Ahnen.

Die Patio, in deren Galerie gleichen Namens der Literat und Chemiker avantgardistische Kunstausstellungen organisierte, war Richartz'' Stammtisch, an den er noch wöchentlich zurückkehrte, als er seine Bücher längst bei Diogenes verlegte. Unter dem Diogenes-Signet hat er seine Romane und Erzählungen ("Das Leben als Umweg") veröffentlicht, Krimiklassiker wie Raymond Chandler. Dashiell Hammett und Patricia Highsmith übersetzt und eine Nacherzählung der Komödien und Tragödien Shakespeares präsentiert. Und als habe sein Tag 100 Stunden, fand der verzweifelte workaholic noch Zeit für die literarische Kleinmeisterei: für den porträtierenden Essay, der das Glanzstück im Repertoire seiner Stile war. In einem dieser Essays hat er seinen Lesern den kanadischen Pop-Philosophen Marshall McLuhan vorgestellt: in einem anderen liest er dem (natur-)wissenschaftlichen Fachidiotentum die Leviten.

Nicht alle Experimente jedoch sind Richartz gelungen, die bitterböse Romansatire »Tod den Ärtzten« (mit tzt, »damit ihr scharfes Wesen klar hervortritt") etwa leidet darunter, daß der Autor sein Spiel mit der Dialektik übertreibt: Um die Mediziner vor dem Privilegienneid des demagogisch lärmenden Kleinbürgers in Schutz zu nehmen, stilisiert er seine Kritik an der Metzger-Chirurgie zu einem Schreckensgemälde und legt sich ironisch auch mit den Ärzten an, die sich »in der Literatur eingenistet« haben: mit den »schädlichen Insekten Friedrich Schiller und Alfred Döblin, dem »medizynischen Literaten« Benn, dem »dekadenten Artzt Tschechow": »Lesen Sie eine Seite in den Schmierereien des Abort-Artztes Celine - und Ihre Augen werden geöffnet sein!«

Trotzdem klingen schon in »Tod den Ärtzten« (1969) die Noface-Melodie und Tonarten an, die den Triumph des Plastikzeitalters über die Natur bereits zu einer Zeit beklagen, als die ökologische Empfindsamkeit noch schlief:"Eine blasse, langweilig schillernde Gleichgültigkeit hat die Gesichter überzogen: Welch ein Maskenzug! Visagen wie Zeitungen, wie grau gesprenkeltes Papier! ... Gekrümmt hocken sie an der verschmierten Theke einer Imbißstube, zählen ihr Geld... Verärgert drohen sie einem Vogel auf dem Leitungsdraht - er hat den Hut beschmutzt, die Sonne verschwindet. Der Vogel verstummt. Die Natur hat nichts zu sagen. Grün ist jetzt die Farbe der Witwen.«

Mit seinem Schriftstellernamen hatte Richartz an einen Mann erinnern wollen, der lange der Noface seines wirklichen Lebens war: an seinen Vater, den Korvettenkapitän Karl Richarz (ohne t), den er zum ersten Male sah, als er selber bereits 22 Jahre alt war. Seit dieser Begegnung, die er in einer seiner frühen Erzählungen, den »Prüfungen eines braven Sohnes« (1966), beschrieben hat, verstärkte sich seine ruhelose Neigung für »widersprüchliche Seelen«. Jene untauglichen Helden, die so sehr ein »Bündel von Widersprüchen« waren, daß ihre Biographen »davor die Waffen streckten«, hat Richartz darum mit Vorliebe und großem Respekt porträtiert.

Das einfühlsamste Porträt ist dem amerikanischen Schriftsteller Stephen Crane gewidmet: dem Methodistenzögling, der sein erstes Buch über ein Straßenmädchen schrieb, dem Bohemien, der sich in den Slums auskannte; dem »zerbrechlich wirkenden« Kerlchen mit »Pferdeaugen«, das in Spielhöllen »sündigte«, dem wehmütigen Menschenfreund, der als Kriegsberichterstatter »kaltblütig bis zur Tollkühnheit« war; dem nach Ruhm süchtigen Literaten, der mit seinen »schrillen Dissonanzen« im puritanischen Amerika kein Gehör fand, sein Glück in England versuchte und vor der Zerstörung durch das kubanische Fieber und die Tuberkulose in ein deutsches Spezialbad floh.

In Stephen Crane verehrte Walter E. Richartz eine Figur, in der er die eigene Zerrissenheit vorgelebt sah. Nur war es eine Verehrung, die Cranes hochfliegende Träume ebenso lakonisch wie ihr bitteres Scheitern reinszeniert: »Zu Silvester auf das Jahr 1900 ... wurde in der Eiseskälte des zugigen Herrenhauses (in Brede Mansion) zwischen flackernden Kaminfeuern Cranes letztes Fest gefeiert.« Als die Krankheiten sich nicht bessern wollten, machte er sich auf die Reise und erreichte »nach einer wochenlangen Odyssee Badenweiler, durchlebte dort, im Dachzimmer der Villa Eberhardt, in Fieberphantasien noch einmal die Abenteuer seines Lebens und starb (28jährig) am 6. Juli 1900 - ein ausgebrannter Fall«. Das Buch, in dem Richartz diese Abenteuer vorstellt, heißt »Vorwärts ins Paradies«. Stephen Crane ist dort nie angekommen.

In den ersten Februar-Tagen des Jahres 1980 war auch Walter E. Richartz am Ende. Eine Flasche Chablis mit Zyankali in der Aktentasche, fuhr er mit der Eisenbahn in die Nähe Aschaffenburgs und ging in den Wald. Damit er niemandes Last werde, hatte er zuvor sein Haus bestellt, die letzten Rechnungen und Konten ausgeglichen und die Quittungen neben den Autoschlüsseln in der Wohnung zurückgelassen. Als sie ihn nach langer Suche schließlich fanden, war er bereits vier Wochen ohne Leben. Den Todestag zeigte, wie eine stehengebliebene Uhr, das Eisenbahnticket an.

Seinen letzten Auftritt hatte Richartz wenige Tage vor seinem Tod in einer Berliner Buchhandlung. Während der Lesung wirkte er, wie man ihn kannte: ein lässiger Gentleman, mit offenem Hemd, eine Hand in der Hosentasche die Rede sarkastisch. Wie es hinter dieser Alec-Guinness-Fassade aussah, ahnte unter seinen Zuhörern niemand. Doch Richartz'' letzte Tagebucheintragung, die auch über seine letzte Lektüre Auskunft gibt (Erwin Chargaffs »Das Feuer des Heraklit"), zeigt, daß ein Mann zu ihnen gesprochen hatte, dessen Contenance gespielt war und nur noch an einem seidenen Faden hing: _____« Berlin, 1. Februar. Morgens beim Rainer der kindliche » _____« Schlaf, in dem ich unsicher tappte. Der immer » _____« halbabgegessene große Tisch, neben dem ich schlafe, in » _____« den Schlaf geklirrt. Das blanke Entsetzen. Ein eisiger » _____« humpelnder Gang zum Anhalter Bahnhof, auf breiter, » _____« beiderseitig entleerter Allee. S-Bahn, hinter der Mauer » _____« entlang, ne Art Handballgrenze, spanische Reiter, aber » _____« sonst nur die Leere. » _____« Wachturmaugen, die müden, scheinbar liebevollen Augen » _____« der Anke beim Frühstück in der Buchhandlung... Im » _____« kälterwerdenden Wind: Das blanke Entsetzen. Jandl, der » _____« vierschrötige Oberlehrer in seiner Bescheidenheit. Ein » _____« Hörspiel in natürlicher Sprache. Fragt nach dem Verkauf » _____« seiner und Mayrockers Bücher. » _____« S-Bahnfahrt zur DDR, die letzte (?) Post in einem » _____« Bahndamm. Gelblich, Abwaschgeruch. » _____« Telefonat zur Heidi, das nichts veränderte. Das » _____« blanke Entsetzen. Das willkürliche Anstehen an der » _____« Grenze. Flugzeughaft weite Pisten. Straßen und » _____« scharfkantiges Schneetreiben. Hilf mir in einen Tod. » _____« Im Kaufhaus Restaurant. Robuste Genüsse. Hackepeter » _____« wirklich wie unterm Beil gehackt. Eine gewisse Apathie » _____« hier, auch Robustheit, die Getränkekringel, wahrlich, » _____« dieses design ist proletarisch. Viel Genopptes auf » _____« Polstern und Teppichen. Was quassle ich nur. Ich habe » _____« nichts zu sagen, nichts nichts. Kein Zuhause. Grauen vor » _____« morgiger Heimkehr, nichts wie Grauen. »

Der Literatur Stephen Cranes hat Richartz attestiert, sie sei eine »Prosa mit einem Hang zur Verrenkung«. Dieser Hang zur Verrenkung fällt auch bei einigen seiner Bücher (störend?) auf und hat ihnen das Verdikt eingebracht, sie seien literarische Second-hand-Artikel. Tatsächlich schreibt Richartz eine manchmal wie abgetragen wirkende Sprache, die dieses Verdikt als berechtigt erscheinen läßt. Aber wer es in großem Bogen über den Autor verhängt übersieht, daß der Naturwissenschaftler Richartz die Absurditäten des Alltags wohl ganz bewußt nicht durch kunstvolle Gemälde, sondern durch ihre möglichst nüchterne Beschreibung bis zur Kenntlichkeit entstellen wollte - und dies in einem gelegentlich dem kunstlosen Alltag abgeschauten Jargon getan hat.

In einer klugen Besprechung des Richartz-Buches »Meine vielversprechenden Aussichten«, in welchem der Erzähler der Spur eines Reisenden namens Pollak folgt, hat Helmut Salzinger die kritische Beurteilung dieses Jargon-Naturalismus (bereits 1966) auf listige Weise in der Schwebe belassen: »Die Sprache dieser Erzählung paßt sich vollkommen den Behinderungen und der Eile dieses unglückseligen Reisenden an. Sie hastet, wo er hastet, stolpert, wo er stolpert, und verliert mehr und mehr ihre syntaktische Konsistenz, während Pollak seines Gepäcks verlustig geht.«

Den Nachlaß des Schriftstellers betreut der Zürcher Haffmans Verlag. Gerd Haffmans nämlich war, bevor er 1982 mit dem Segen seines Schwiegervaters Loriot einen eigenen Verlag gründete, Richartz'' Lektor bei Diogenes und hat die Rechte an dessen unveröffentlichtem Werk erworben: Zur Buchmesse dieses Jahres wird, mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann, die »Schöne neue Welt der Tiere« erscheinen, in der Richartz mit sardonischem Humor die Vergewaltigung der Tiere durch die Menschen parodiert; und 1988 soll auch eine Edition der Tagebücher vorliegen.

Als erstes Buch aus dem Nachlaß sind jüngst unter dem Titel »Vom Äußersten« letzte Erzählungen erschienen. _(Walter E. Richartz: »Vom Äußersten«, ) _(Haffmans Verlag, Zürich; 152 Seiten; 25 ) _(Mark. Von den Diogenes-Büchern sind ) _(augenblicklich nur vier lieferbar: »Tod ) _(den Ärtzten«; »Büroroman«; ) _("Shakespeare''s Geschichten«; »Noface - ) _(nimm was du brauchst«. )

In diesen Erzählungen hat Richartz noch einmal sein Identitäts-Thema variiert. Denn auch sie berichten von Menschen, die an der Unvereinbarkeit ihrer Wünsche mit der Wirklichkeit leiden. Von einem 90jährigen Großvater etwa, der sich die Passionen seiner Jugend bewahrt hat: im Geiste ein Schürzenjäger geblieben ist und bei Chopin-Musik »vor Glück zerfließt«, dafür im Kreise seiner Familie jedoch nur Kopfschütteln und Türenschlagen erntet. Oder von einem Mann zwischen Hainbuchhecken und Cognacduft, der sich eines Tages von seiner Frau und dem Kind beinahe wortlos ins Alleinsein verabschiedet.

Hinter den meisten Menschen dieses Buches verbergen sich die Erlebnisse und die Müdigkeit des Autors. In der Erzählung »Tennis und China« bürdet er sie einem nach eigenem Vorbild »gestandenen«, aber »schweigsamen« Kerl namens Rühl auf:"Daß der Rühl sich umbringt, ausgerechnet der, das hätte hier niemand geglaubt. Dann schon eher andere. Der leise Buchhalter Kronlechner, der durch ein geheimes Elend immer mehr aufgeschwemmt wird. Das freundliche Fräulein Wange in der Poststelle, das alle ihre babyhaft lispelnden Worte durch die starre Angst ihrer dreieckigen Augen Lügen straft. Aber warum der? War der verzweifelt? Der Rühl! Was weiß man schon von einem?«

Die Umschlagzeichnung des Büchleins stammt von Nikolaus Heidelbach. Sie zeigt eine naiv-alternativ gekleidete Frau mit einem Baby in einer Trage vor der Brust: einem Baby mit einem Totenkopf, die Zeichnung könnte als Symbolbild über dem ganzen Werk des Schriftstellers Richartz stehen.

Walter E. Richartz: »Vom Äußersten«, Haffmans Verlag, Zürich; 152Seiten; 25 Mark. Von den Diogenes-Büchern sind augenblicklich nurvier lieferbar: »Tod den Ärtzten«; »Büroroman«; »Shakespeare''sGeschichten«; »Noface - nimm was du brauchst«.

Harald Wieser
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