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THEATER Grüner Fusel

»Ahnsberch«. Volksstück in drei Bildern über die Räuber von der Ruhr. Von Jürgen Lodemann. Kammerspiele Bochum; Inszenierung: Alfred Kirchner.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Im Ruhrgebiet ist Wahlkampf, in Bochum spielt Peymanns schreckerprobte und Filbinger-gestählte Truppe ein Stück von Korruption und Verfilzung in der Kommunalpolitik.

Kein Wunder, daß die der Uraufführung vorausgeeilten Gerüchte etwas von einem Skandal wissen wollten: Die Bochumer Theaterleute, die sich gern mit nützlichem Ärger schmücken wie ein sowjetischer Marschall mit Orden, seien auf dem besten Wege, eine neue Provokations-Medaille zu gewinnen; Jürgen Lodemanns »Ahnsberch« bürge da für Qualität.

Bei der Aufführung mußte man jedoch erleben, daß es für niemanden Grund zur Aufregung gab. Eine der schönsten Tugenden der Bochumer Theaterleute ist ihr unerschrockener Kinderglaube. Und der ist hier einem Stück auf den Leim gegangen, dessen Volkstümlichkeit sich als ziemlich unappetitliche Herablassung entpuppt, eine »He Kumpel]«-Anbiederung am Tresen. Und dessen politische Botschaft daherschunkelt, als wäre der rheinische Karneval eine Büttenveranstaltung der Grünen.

Das Stück spielt in einer Bierpinte, wo ein Stammtisch-Schwadroneur den fröhlichen Saufköppen, die beim Alt Fußballfrauen und Arbeitslosigkeit hochleben lassen, klarmacht, daß das Ruhrgebiet eine Kolonie sei.

Malocht würde in Bottrop, Gelsenkirchen oder Bochum -- verwaltet, und das ohne Bürgernähe, in Münster, Düsseldorf oder »Ahnsberch« (Arnsberg). Daher müsse das Ruhrgebiet zwölftes Bundesland werden, entkolonialisiert und befreit wie der schwarze Erdteil.

Erschrocken bemerkt der Zuschauer, daß dieses Biergelaber des Helden, der seinen Unterhalt offenbar der Zuhälterei verdankt und zwecks intellektueller Glaubwürdigkeit einen entlassenen Redakteur für den theoretischen Teil bei sich führt, vom Autor durchaus als ernste Botschaft verkündet wird.

Unter den Enthüllungen Lodemanns zuckt man förmlich zusammen. Der Ruhrmensch, der für die »Neue Heimat« arbeitet, von wem wird er ausgebeutet? Von einer Gewerkschaftsfirma, die ihren Sitz in Hamburg hat. Der Mehrwert des Opel-Arbeiters in Bochum, wo geht er hin? Nach Frankfurt oder gar nach USA. Und das Feuilleton der »WAZ«, die im Stück »ARZ« heißt, hat die Ruhrkulturlandschaft kaputtgemacht.

Alles Übel des versklavten Ruhrdistrikts kulminiert in einem Kapitalisten S.244 namens Baruffke. Der ist nicht nur Monopolverleger einer Zeitung, die ihre Wochenendbeilagen zur puren Unterhaltung hat verkommen lassen.

Nein, er hat auch die Fußballvereine gekauft, die nicht mehr um den Ball, sondern um Geld kämpfen, weshalb ihnen der Abstieg droht, während der HSV gewinnt. Hier blüht dem Ruhrgebiet und seinem Fußball, dank Lodemanns Enthüllungen, ein Watergate.

Schließlich, drittes Übel, erzeugt dieser Zeitungsverleger einen grünen Likör, der ein übler Fusel ist und den die armen Ruhrmenschen trinken müssen, um Zeitungs- und Fußballmisere zu vergessen, während er, reich wie er ist, Whisky säuft, das verwöhnte Schlitzohr.

So geschieht es ihm nur recht, daß er entführt wird, während er seinen wöchentlichen Bordellbesuch absolviert. Kapitalisten gehen in Enthüllungsdramen gern in den Puff, und zwar heimlich, wo sie von Nutten versorgt werden, die in Volksstücken das Herz am rechten Fleck haben.

Gefesselt wie einst Lorenz läßt er die Forderungen nach der autonomen Ruhr, dem besseren Kulturteil und dem freien Fußball in seiner »ARZ« abdrucken, und die Revolution beginnt.

Im Freudenhaus singt die Dirne, daß es nicht um rechts und links geht, sondern um oben oder unten -- Brecht und die Folgen. Die Fußballfans eilen ins Stadion, wo sie mal nicht für ihren Verein grölen, sondern dafür, daß der Kohlenpott zwölftes Bundesland wird.

Sieht man davon ab, daß Alfred Kirchners dralle Inszenierung nicht in jeder Sekunde so peinlich und kraftmeierisch war wie das Stück und daß Ulrich Pleitgen als dem Volke verbundener Redakteur und Intellektueller eine genaue und komisch einfühlsame Studie eines vom Massenelan mitgerissenen Stubenhockers und Schreibtischtäters spielte, dann transportierte die Uraufführung leider Lodemanns peinigende Herablassung und Verblasenheit, wenn sie so tut, als sei von Fußballfans und Kneipenstrategen die grüne Autonomie zu erwarten.

In Bochum spielen echte VfL-Bochum-Anhänger die freiheitsdurstigen Fußballfans. Ihren Anführer hörte ich sagen: »Morgen gibt''s Geld, da besaufe ich mich bis zur Bewußtslosigkeit.« Statt auf Alkohol könnte er dafür auch auf Lodemanns Stück zurückgreifen. Hellmuth Karasek

S.244Mit Monika Bohnet und Gottfried Lackmann.*

Hellmuth Karasek
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