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KABARETT Grüner Hammer

Die Alternativ-Kabarettisten parodieren den Wahlkampf der »Grünen«. Die etablierte Politik bleibt am Rand - als Borstentier.
aus DER SPIEGEL 9/1983

Der Allparteien-Kandidat, trotz der imposanten Gestalt, trotz des mächtigen Haupts auf dem gewaltigen Leib, ist eigentlich zurückhaltend, fast schüchtern. Die Zeit zwischen den Auftritten verbringt er am liebsten im Halbdunkel seiner rollenden Wahlkampf-Zentrale.

Abends aber, im Blitzgewitter der Photographen, wird ein anderer Kandidat sichtbar. Dann schreitet er zu den Klängen des Defiliermarschs, auf rotem Teppich und allen vieren - ein Sieger.

So geht der Eber Oskar, drei Zentner schwer, seit der vorigen Woche den Wahlkampf an - milieugerechte Einstimmung im Foyer für das Kabarett-Programm »Wahlium - Eine Kaffeefahrt ins Grüne«. Es ist die kurzweilige, weil zynische Antwort der Alternativen auf ihre Partei.

So wie »Die grüne Raupe« per Gelenkbus über Land fährt und Größen des Entertainments wie Bettina Wegner oder die »Fred Feuerzeug Combo« an den Einsatzort karrt, so bewegt sich »Wahlium« von Saal zu Saal, ohne je mit dem amtlich-grünen Kriechtier zusammenzutreffen. Die »Kaffeefahrt« bringt sonst unvereinbare Kabarett-Stile auf die Straße.

Hart auf Klamauk tingeln die Berliner »3 Tornados« durch die Subkultur. Auf Agitations- und »Bewußtmachungstheater« baut das Kölner Duo »Der Wahre Anton«.

Szenen aus der Scene liefert das »Vorläufige Frankfurter Fronttheater«, dessen furiose »Freak- und Frieden-Tournee« frömmelnd-nuschlige Bewegungsschwärmer und Trittbrettfahrer verulkte. Die gemeinsame »Wahlium-Kaffeefahrt ins Grüne« aber - darin besteht ihre Qualität - bringt die Alternativ-Truppen auf den gemeinsamen kabarettistischen Nenner, indem sie ironisch per Conference nachvollzieht, was die Bonner vorgewendet haben: Die Rückkehr der politischen Kultur an den Nierentisch.

»Heißer Sand« erklingt und die »Capri-Fischer«, bevor ein Herr Lambsdorff per Durchsage ins »Korruptionsbüro« sowie ein »Herr Völker« gebeten wird, er möge »die Signale hören«.

Im Grafen-Witz und dem Auftritt des Kandidaten im Foyer - das Schwein wurde von der Zirkusprinzipalin ("Tempodrom") und gelernten Krankenschwester Irene Moessinger eigenhändig für den Wahlkampf-Streß fit gemacht, es kann übrigens auch pfeifen - erschöpft sich fast die »Kaffee«-Kritik an Bürgers Politik. Denn die bietet Stoff allenfalls für Achselzucken.

Die Grünen, tönt in Frankenfeld-Manier der Conferencier, müßten schon deshalb ins Parlament, weil die Radikalen mal wieder jemanden brauchen könnten, der sie verriete - bei den Sozis sei ja sogar noch nicht mal das mehr drin.

»Ihr seid so komisch anzusehen, so sieht doch heute keiner aus« - so persifliert mit Charles Aznavour ein »Tornado« die Etablierten. Dazu werden Wahlplakate S.196 auf die Bühne getragen, der Tornado hat recht.

Bei derart unerschütterlichem Selbstbewußtsein können Szene-Kabarettisten leicht auf das im Etablierten-Kabarett übliche Augenzwinkern der Demokraten verzichten, greifen sie munter zum grünen Holzhammer.

Weil er »so schön leiden kann«, heißt der Conferencier einen (Fronttheater-) Liedermacher willkommen, der Biermann heißen könnte (aber nicht nur). Der jault und schluchzt und schluckt und singt »Der Friede ist mehr als ein Wort, man muß um ihn kämpfen, denn sonst geht er wieder fort«.

Selbst »Insulaner«-Zeiten leben auf, wenn saufende Sowjet-Soldaten in Helmstedt auftauchen, die sich nach Austausch ihrer Kalaschnikows gegen »Digital-Uhr« beglückt wieder zurückziehen: »Beitrag der Grünen zum neuen Verteidigungskonzept.«

Gleichwohl gibt es in dem Hauruck-Theater schwarze Momente: Eine gewisse Nancy Reagan ("Wahrer Anton") berichtet von jenem Planspiel, das im Weißen Haus veranstaltet wurde, nachdem der »verdammte gedopte Gaddafi« ihren Ron habe per Killerkommando »abknipsen« wollen. Da saßen sie dann am großen Druck-Knopf wie vor einem Heim-Video: »Wham. Wham. Moskau] Wham«.

Mit dem Weltuntergang, so oder ähnlich in vielen Friedensabenden erprobt, konnten sich die Grünen-Freunde bei der »Kaffeefahrt« leichter abfinden als mit einem Liebeslied. Eine Frau beklagt, daß ihr Liebhaber nur noch die Wahl im Kopf habe. Die grüne Witwe: »Ich muß es bekennen, ich würde mich freu'n, bekämen die Grünen nur Vier-Kommaneun.«

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