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Schallplatten Grünspan im Rohr

aus DER SPIEGEL 15/1972

Mauricio Kagel: »Atem«, »Morceau de concours«. »Ein pensionierter Bläser«, so führt der Kölner Kagel in sein Stück »Atem« ein, »nimmt die Instrumente auseinander, ölt die Mechanik, trocknet Speichelreste, übt stumm, spricht gern mit sich selbst.« Nur zum »richtigen Blasen« fehlt dem senilen Meister die Courage. Er trödelt. Kagel trödelt mit. Immer schon ein Fan der klingenden Antiquität, hat er mit »Atem« eine speicheltriefende Mundzu-Messing-Beatmung komponiert, die das heilig schmetternde Instrumentarium der Bruckner- und Tschaikowski-Finale zu einer unedlen Lustbarkeit degradiert. Sie klingt, als säße Grünspan im Rohr. Das Solo-Stück von der Verwesung einstiger Lippenkünste ist gleichwohl eine der schwierigsten Etüden, die je für Bläser geschrieben worden sind. Die Gesetze des »schönen Tons« sind außer Kraft; Klang-Kehricht wird perfekt arrangiert. Längst nicht so moribund klingt die Rückseite der Platte, »Morceau de concours« für einen Bläser, der -- mittels Playback -- die eigenen Töne verdoppelt. Kagels Trompeter Edward H. Tarr gefällt sich als schräger Star einer musikalischen Trugszenerie (EMI 1 C 063-28 808; 23 Mark).

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