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KRÜSS Gruppe 64

aus DER SPIEGEL 35/1964

Mit einem 14-Kilometer-Marsch begann seine Laufbahn. Damals, 1949, marschierte der 23jährige James Krüss vom Vorort Lochham in die Münchner City und trug seine ersten Kinderverse in die Redaktion der »Süddeutschen Zeitung«. Und er schaffte es beim ersten Anlauf: Die Zeitung druckte sie, überwies ein knappes Honorar und bestellte weitere Krüss-Strophen.

Heute, fünfzehn Jahre danach, ist der inzwischen 38jährige zum populärsten deutschen Kinderbuchautor der Gegenwart arriviert.

Krüss hat mittlerweile an die 60 Groß- oder Schmalbände mit Kinder-Lyrik und Kinder-Prosa veröffentlicht, die in drei Millionen Exemplaren und in zwölf Sprachen im In- und Ausland, Ost wie West, verbreitet sind.

Hinzu kommt ein gutes Dutzend Übersetzungen aus dem Englischen, Holländischen und Serbokroatischen sowie eine Auftragsarbeit in fremder Landessprache: Auf Bestellung eines jugoslawischen Kinderbuchverlags verfaßte Krüss eine Schulfibel in Serbokroatisch. Auch der Bayrische Schulbuchverlag hat kürzlich bei dem konfessionslosen Schriftsteller, dessen Bücher sogar in der DDR hochgeschätzt sind, um Lesebuchlektionen nachgesucht.

Und selbst damit nicht genug: Für den Gütersloher Sigbert Mohn Verlag sammelte Krüss 365 deutsche Kindergedichte zwischen Barock und Gegenwart und schrieb zu dieser Anthologie ("So viele Tage, wie das Jahr hat") eine einführende Geschichte des Kindergedichts von Abraham à Santa Clara bis James Krüss.

Er erdachte sich zwei Dutzend Hörspiele für Schallplatte und Kinderfunk - unter anderem den bisher fünfzigmal gesendeten »Sängerkrieg der Heidehasen« - und wird neuerdings auch vom Deutschen Fernsehen hofiert: Erstes großes Krüss-Werk für Fernsehkinder war eine Buchstabenspiel-Serie in dreizehn Folgen, »Abc und Phantasie«, die im Laufe dieses Sommers über die Scheiben flimmerte.

Dieses Krüss-Quiz war so erfolgreich, daß sein Erfinder - wenn die Programmkonferenz zustimmt - bald sogar per Eurovision präsentiert werden soll: als eine Art Grzimek für die Kinderstube in der Serie »James' Tierleben«.

In diesem Jahr hat sich Krüss bereits seinen zweiten Kinderbuchpreis erschrieben: »3 x 3 an einem Tag« wurde vor kurzem als »Bestes Bilderbuch des Jahres beim Deutschen Jugendbuchpreis 1964« prämiiert. Krüss hat sich mittlerweile als Gesellschafter in den Münchner Bilderbuchverlag Annette Betz eingekauft, hat sich in der Nähe des Starnberger Sees ein Landhaus gekauft und hat einen Austin-Healey erworben, den er freilich, nach drei mißglückten Fahrprüfungen, nicht selber chauffieren darf.

Trotz hoher Auflagen - keine Krüss-Erstauflage unter 10 000 Exemplaren -, trotz öffentlicher Anerkennung und amtlicher Förderung in Ost und West ist Krüss mit seinem Schriftsteller-Erfolg keineswegs zufrieden. Der ungemein produktive Autor, der schon manches Bilderbuch an einem Abend verfaßte und jährlich etwa 70 000 Mark verdient, klagt über die »grenzenlose Mißachtung« der Kinderbuch-Schriftstellerei in Deutschland, und er hat allen Grund dazu.

Das Kinderbuch, fand die »FAZ«, gehöre zu einer Literatur, die hierzulande »seit langem den Schlaf der Vergessenheit schläft« - ganz im Gegensatz zu Skandinavien, Amerika und vor allem England, das dieses Genre seit eh und je mit großer Sorgfalt hegt und das bedeutende Jugendautoren - freiwillige und unfreiwillige - hervorgebracht hat.

So avancierte die böse »Gulliver«-Satire des Iren Jonathan Swift (1667 bis 1745), allerdings in »gereinigter« Form, im Laufe von Jahrhunderten ebenso zur bevorzugten Kinderlektüre wie die gleichnishafte Robinsonade des Londoners Daniel Defoe (1660 bis 1731). Lewis Carroll (1832 bis 1898) schrieb die unsinnigen Abenteuer von »Alice im Wunderland«, seine Landsmännin Frances Hodgson Burnett (1849 bis 1924) verfaßte die Geschichte vom »Kleinen Lord Fauntleroy«, James Matthew Barrie (1860 bis 1937) fabulierte vom irrlichtigen Peter Pan.

Diese Autoren sind, zusammen mit dem Amerikaner Mark Twain ("Tom Sawyer"), dem Dänen Hans Christian Andersen ("Der standhafte Zinnsoldat") und der Schwedin Selma Lagerlöf ("Nils Holgersson"), auch in Deutschland längst als Kinderbuch-Klassiker höchst geschätzt. Erfolgreichster - nach Krüss-Urteil auch bester - Kinderbuchautor der Gegenwart ist die Schwedin Astrid Lindgren ("Pippi Langstrumpf") mit rund zehn Millionen Exemplaren Weltauflage.

Weit weniger geschätzt war und ist in Deutschland die landeseigene Buchmacherei für die Kinderstube mit den literarisch wertlosen »Trotzköpfchen«- und »Nesthäkchen«-Serien als abschreckenden Beispielen. Hervorragende Ausnahmen sind die Ur-Comicstrips vom »Struwwelpeter«, die sich im vorigen Jahrhundert der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann erdachte, sind die Kinder-Erzählungen des bereits als Literatur-Nobelpreiskandidat genannten Erich Kästner ("Emil und die Detektive") und sind neuerdings die Bücher von James Krüss.

Das Kästner-Kinderbuch »Emil und die drei Zwillinge« hat Krüss einst für die Münchner Kammerspiele dramatisiert. Mit einem anderen nicht unbekannten Schriftsteller, mit dem 1955 aus Westdeutschland in die DDR übergetretenen Peter Hacks ("Die Sorgen und die Macht"), hat Krüss - meist an der jugoslawischen Adria - so oft und so viel gemeinsam gedichtet, daß die Dichter-Freunde heute nicht mehr wissen, wer was gereimt hat. In die Kinder-Lyrik von Krüss sind deshalb Verse von Hacks, in die Kinderbücher von Hacks Gedichte von Krüss eingeschlüpft.

Krüss steht seinen Vorläufern an Fabulierkunst und an Sinn fürs Kindlich-Unsinnige nicht nach. So dichtete er in seinem »Wohltemperierten Leierkasten«, der im Sigbert Mohn Verlag erschien:

Hört ihr eine Hexe schimpfen,

Dürft ihr nicht die Nase rümpfen!

Sagt auch niemals »ach« und »oh«!

Sagt: »Grüß Gott!« Und schaut nicht feindlich,

Denn am Ende wird sie freundlich.

Hexen sind ja gar nicht so!

In seinem bislang auflagenstärksten Werk, dem Kinderroman »Mein Urgroßvater und ich"* (200 000 verkaufte Exemplare), für den er 1960 seinen ersten »Deutschen Jugendbuchpreis für das beste Kinderbuch« erhielt, läßt Krüss den Titel-Opa - ein Helgoländer Drechsler und Poet dazu - seinen Urenkel in Sprachspielen und in der Kunst des Versemachens unterweisen. Dazu fabuliert er von abenteuerlichen Reisen im Nahen und im Fernen Osten, von Kaisern und Kalifen, vom »Schlößchen Ungefähr« und vom »Königreich von Nirgendwo«.

»Mein Urgroßvater und ich« ist nicht die einzige Erzählung von James Krüss mit Helgoland als Kulisse. Dort nämlich, in der »kleinen, überschaubaren Inselwelt ohne Technik und Zoll, ohne Kühe, Klassen und Konventionen« (Krüss), wurde der Fischersohn mit anglophilem Vornamen und englischem Sinn für Nonsens 1926 geboren.

Dieser harmonischen Welt ist James Krüss, der eigentlich Lehrer werden wollte, bisher treu geblieben. Er gab sein durch Frontdienst unterbrochenes Studium nach dem Krieg vollends auf und redigierte vorübergehend in Hamburg ein Blättchen für die von den Briten heimatvertriebenen Helgoländer. Danach übersiedelte er in ein umgebautes Bienenhaus bei München und schwärmte fortan in Versen und Epen von der konventions- und konfliktlosen Welt der Kindheit. Denn Krüss möchte, wie er sagt, »für diejenigen schreiben, die vielleicht einmal bessere Menschen werden«.

Krüss: »Innerhalb der runden Geschichten geschieht manches, was gewisse Leute destruktiv nennen würden - Könige werden zu Trotteln, Hexen und Wassermänner werden gut, Löwen werden liebenswürdig, Ritter lächerlich, Gespenster komisch, Riesen klein und Zwerge groß.« In seiner Kinderfabel »Timm Thaler« beschrieb Krüss Börsen-Transaktionen und Reklame-Manipulationen. »Farbe und Fakten« dazu entnahm er einer SPIEGEL-Titelgeschichte über den Unilever-Konzern.

Neuerdings drängt es den Kinder-Autor aber auch höher hinaus: Für Erwachsene hat Krüss einen großen autobiographischen Heimkehrer-Roman, vielleicht den allerletzten der deutschen Gegenwartsliteratur, fertig in der Schublade liegen; er soll demnächst im Münchner Biederstein Verlag erscheinen.

Um dem lädierten deutschen Kinderschrifttum aufzuhelfen, wollen Krüss und andere deutsche Jugendschriftsteller demnächst eine Art Notgemeinschaft ins Leben rufen. Krüss: »Eine Gruppe 64.« Vorbereitende Besprechungen fanden schon, bei Kaffee und Erdbeertörtchen, im Garten des Junggesellen Krüss statt. Den Vorsitz soll der organisierfreudige Jugenddichter Hans Peter Richter ("Das Pferd Max"), 39, führen, Denn, so Krüss: »Richter, der Name verpflichtet.«

*Oetinger Verlag, Hamburg; 248 Seiten; 9.80 Mark.

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