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Günter Kunert über György Konrad: »Der Komplize«

Simplicissimus in Budapest György Konrad, 45, gehört zu den führenden Sozialismus-Kritikern in Ungarn. Er lebt in Budapest. -- Günter Kunert, 51, siedelte 1979 aus der DDR in die Bundesrepublik um. Er lebt als freier Schriftsteller in Itzehoe.
aus DER SPIEGEL 36/1980

Je seltener du ihn zur Kenntnis nehmen mußt, desto besser ist der Staat. Deinen Staat mußt du zur Kenntnis nehmen wie eine niedrige Zimmerdecke: Wenn du dich aufrichtest, schlägst du dir den Kopf ein.«

Wohl wahr: Wie viele, manchmal zu viele solcher Sentenzen eines Autors, der sein Zimmer verlassen mußte, nachdem er mehrfach schmerzhaft angestoßen ist.

György Konrad, der zuletzt 1978 gemeinsam mit dem Soziologen Ivan Szeleny eine Art soziologischer Analyse des »real existierenden Sozialismus« veröffentlicht hat, kehrt nach diesem Ausflug ins Theoretische in die erzählende Prosa zurück. Folge dieses Ausfluges ist eine gewisse Überfrachtung seines neuen Romans mit Reflexionen, die im letzten Drittel hypertrophieren. Immer stärker wird die Darstellung von einer Schreibweise überwuchert, die den Zustand der Gesellschaft, die Moralität und Immoralität der Macht, ihrer Komplizen und »Komplizen«, ihrer Stützen und ihrer halb korrumpierten Gegner unmittelbar und eben sentenziös referiert und glossiert, statt erzählerisch zu exemplifizieren, was der Verlebendigung bedarf, um glaubhaft zu erscheinen.

Der Eindruck zunehmender Hast beim Schreiben, einer Eile, die zur Wiederholung, zum Voluminösen tendiert, läßt sich nicht unterdrücken. Das ist bedauerlich, denn die Geschichte, oszillierend zwischen phantasievoller Fiktion und Dokumentenechtheit beanspruchenden Selbstbekenntnis, ist, jenseits aller intellektuellen Ansprüche, ein handfester Schelmenroman, freilich: ein finsterer. Aber das sind eigentlich Schelmenromane immer, nur merkt es das Publikum selten.

Um eine andeutungsweise Vorstellung von der bunten Unausgewogenheit, von der Stilhaltung, von der Perspektive dieses Buches zu vermitteln, würde ich es als eine moderne, ungarische Version unseres »Simplicius Simplicissimus« bezeichnen.

Wie der barocke, ebenfalls recht umständlich über seine Aventuren berichtende Simplicius erfährt und erleidet der mit dem Buchstaben T. markierte Ich-Erzähler die Welt, seine Welt, als eine blutige Groteske. Permanent überrollen ihn die Wogen aktueller Historie, die erdbebenartigen Ereignisse der vergangenen 30, 40 Jahre, nach deren jeweiligem Abebben sich der Betroffene wieder aufrappelt, um auch pünktlich zur nächsten politischen Katastrophe zurechtzukommen.

Ausgangslage ist eine Gegenwart der siebziger Jahre, aus der zurückgeblickt wird auf die einzelnen Stationen der eigenen oder meinetwegen: einer summarischen Biographie, die mit der ungarischen Nationalgeschichte fast synchron verläuft.

Der Erzähler befindet sich eingangs in einer psychiatrischen Anstalt, einem dantesken Ort, der, gemessen an den geschichtlichen Situation, nahezu »normal« wirkt: Das liefert von Anfang an das verborgene Leitmotiv der ruhelosen, sich überstürzenden Szenenfolgen, einer literarischen Konstruktion, die der Wirrnis der Zeit adäquat ist.

Der Patient T. erinnert seine Kindheit, seine Jugend, Heim, Familie, frühe Freuden, kaum Leid (übrigens die farbigsten Passagen des Buches), geprägt von unbeabsichtigter Melancholie, von verdrängter Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, dem Reich der Unschuld, das nie wiederkehrt.

In diese provinzielle Abgeschiedenheit der ungarischen Kleinstadt, beinahe noch ein Residuum kakanischer Lebensart, bricht der Krieg ein. T. wird seine bisher ignorierte jüdische Herkunft zum Verhängnis. Er wird in ein Arbeitsbataillon gesteckt und an die Ostfront geschickt, um mit seinesgleichen durch lebensgefährliche Unternehmen, wie etwa Minenräumen, einer anderen »Endlösung« zugeführt zu werden. Und genau wie Grimmelshausens aus eigenem Erleben entstandene Figur, so lernt dieser junge Arbeitssklave die Kunst des Überlebens. Der Dreißigjährige Krieg wirkt dagegen als schwaches Präludium für die Apokalypse.

Der jugendliche Held flieht zu den russischen Partisanen, reüssiert dort nicht, gerät wieder in den deutschen Machtbereich und aufs neue in die Rote Armee, bei der er -- wie einst Simplicius zwischen Kaiserlichen und Schweden todesgewiß und hilflos hin und her irrend -- »in Dienst tritt": als Propagandist, der seine Landsleute jenseits der Front per Lautsprecher zur Kapitulation auffordert.

Mit den siegreichen Divisionen gelangt er nach Ungarn, nach Budapest, um als »Juniorsieger« ein Staatsamt zugeteilt zu erhalten. Doch die logische mangelhaften T.schen Konformismus bringt ihn zu Fall.

Konsequenz der Gattung wie die des Nach einem kurzen Zwischenspiel an der Machtspitze (Rundfunkverantwortlicher) stürzt er die Leiter hinab bis in den Prügelkeller, unterschreibt die erdichtete Anklage, ein englischer Spion zu sein, verweigert alle weiteren Aussagen, läßt sich dafür halb totschlagen und 1954 aus dem Gefängnis entlassen. 1956 rehabilitiert, gerät er zu seinem Unglück wieder in eine Spitzenposition jener Regierung, der der Aufstand angelastet wird: Ergo findet er sich in seinem alten Gefängnis wieder.

Nach seiner Freilassung, nach Ansätzen zu einer »bürgerlichen« Existenz, bleibt der Konflikt nicht aus -das Ergebnis: Er beginnt die »Karriere« eines Oppositionellen.

Als schließlich, weil nichts ausgelassen wird, auch noch das Verhältnis zu der einzig geliebten Frau scheitert, erfolgt S.218 der Zusammenbruch, der ihn ins Narrenhaus bringt: »Katatone Schizophrenie«. Doch auch die Anstalt behält ihn nicht: Immer wieder muß er in die relative Freiheit einer Gesellschaft zurück, die sich mit allem abzufinden scheint.

Den Schluß des Buches bestimmt eine Nebenfigur: der jüngere Bruder T.s, dessen sporadisches Auftauchen die spätere Gewichtigkeit nicht vorausahnen ließ: Er, Pendant des Älteren, ist auf rigorose Weise an einer Frau gescheitert, hat sie umgebracht und versteckt sich nun vor der Polizei an einem Platz, der nur dem Älteren bekannt ist: Hier endet der Roman in einem Dialog, in einer Schwebe verharrend, als habe der Autor seine gesamte Energie benötigt, um endlich den Schlußpunkt zu setzen.

Aus dem Zwang, möglicherweise aus ungenügendem Vertrauen in die Überzeugungskraft seiner Formulierungen entsteht eine verbale Überfülle, wird wiederholt auf den gleichen Umstand, auf die gleiche Erkenntnis rekurriert und auf die eine Metapher die nächste gesetzt: Nichts ist weggelassen -- was, unserem guten Goethe zufolge, doch erst Kunst erbringen könnte.

Dabei wiegen noch die Sprachschnitzer am leichtesten, obschon man gern auf Seltsamkeiten verzichten würde wie: »Am nächsten Tag rissen die aus Knechten gewordenen Bauern die ... Mauern ab ...«. Oder gar auf falsche Bilder wie dieses: »... gesunkene Kampfeslust ist wie geronnene Milch, sie läßt sich nicht reparieren« -- das ließen sich gewiß solche Entgleisungen, von denen man nicht weiß, ob der Autor dafür verantwortlich zeichnet oder der Übersetzer, dem für die ungarische Redewendung keine Entsprechung einfiel. Außerdem hätte er dem Leser die häufig wiederkehrende, im Ungarischen übliche doppelte Verneinung ersparen können, über die man stets erneut stutzt.

Trotzdem und entgegen jedem besserwisserischen Einwand: Das Buch gibt wie kaum ein anderes Aufschluß über ein Land und seine Intelligenzija; denn merkwürdigerweise hängt die Bedeutung eines Buches nicht von seinen Fehlern und Schwächen ab, die sich auch in hochgerühmten Werken nachweisen lassen, sondern von der Intensität, mit der sich Erfahrung im Text redupliziert. Darum der Verweis auf Grimmelshausen, auf den Schelmenroman, dessen Grundprinzip auch »Der Komplize« erfüllt: das Entsetzen und den Wahnsinn einer Epoche satirisch, naiv und unter Verzicht auf Moralismus zu präsentieren.

Im fiktiven oder sogar echten Selbstporträt Konrads entsteht das Porträt eines Intellektuellen, der von einem blinden Erfüllungsgehilfen des Zeitgeistes zu dessen klarsichtigem Analytiker wird; der die Position des »Menschen S.219 ohne Alternative« mit aphoristischer Treffsicherheit charakterisiert -- am genauesten, obgleich beiläufigsten in einer Hinwendung an jene »Westler«, deren Verständnis für die »neue Gesellschaft« unter extremen Einbildungen gelitten hat: »Was Sozialismus heißt, wissen sie lediglich aus ihren Zeitungsartikeln, und nicht wie wir, die ihn auch durch unsere Magengeschwüre kennen. Nach einigen Büchern haben sie darin das Paradies erblickt, und wieder nach einigen Büchern die Hölle. Sie haben den Sozialismus weder damals verstanden, als sie die Parteisekretäre, noch jetzt, nachdem sie die Dissidenten besucht haben. Sie haben Stalin, Marx und Hegel zum Sündenbock abgestempelt, dabei gibt es hier keine Sünde, nur Schicksal und Geschichte, die Erde unter uns ist in Bewegung gekommen, die Decke ist uns auf den Kopf gefallen, und wir haben versucht, unter den Trümmern hervorzukriechen.«

Nicht allein das Böse steht im Zeichen der Banalität, auch das Ende der Utopie.

Günter Kunert
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