Günther Rühle ist tot Er war einer der größten Kenner des Theaters in Deutschland

Im Alter von 97 Jahren ist Günther Rühle gestorben – als Rezensent, als Geschichtsschreiber und als Intendant prägte er Theater und Theaterkritik über Jahrzehnte.
Günther Rühle (1924-2021)

Günther Rühle (1924-2021)

Foto: Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Der Theaterkritiker und ehemalige Frankfurter Schauspielintendant Günther Rühle ist tot. Wie seine Familie mitteilte, starb er am Freitag im Alter von 97 Jahren zu Hause in Bad Soden. Er hinterlässt zwei Kinder. Nach Angaben seiner Familie soll er in Frankfurt am Main beigesetzt werden. Rühle war im Laufe seiner Karriere auch in Berlin tätig gewesen.

Günther Rühle wurde am 3. Juni 1924 in Gießen geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg holte er in Bremen das Abitur nach und studierte in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Volkskunde. Seinen Doktortitel erwarb er mit einer Arbeit über den Dichter und Dramatiker Andreas Gryphius.

Nach Stationen bei der »Frankfurter Rundschau« und der »Frankfurter Neuen Presse« wurde er im Oktober 1960 Feuilletonredakteur bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ) und erwarb sich rasch den Ruf, einer der einflussreichsten und angesehensten deutschen Theaterkritiker zu sein. 1963 wurde Rühle, der sich selbst als »Theaterdenker« sah, mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

1974 übernahm Rühle die Leitung der »FAZ«-Feuilletonredaktion und musste in dieser Funktion seine theaterkritische Arbeit etwas zurückstellen. Als Autor vieler grundsätzlicher Artikel, Aufsätze und Porträts blieb er jedoch weiterhin im Gespräch und als engagierter wie kritischer Beobachter des deutschen Theatergeschehens viel gelesen.

Für die aktive Theaterarbeit war Rühle öfter im Gespräch, so 1978 im Amt des Generalintendanten der Staatlichen Berliner Schauspielbühnen. Rühle entschied sich damals für die Fortsetzung seiner Zeitungstätigkeit, ließ sich aber vom Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann für die Nachfolge des im Sommer 1985 vorzeitig auf eigenen Wunsch ausgeschiedenen Frankfurter Schauspielintendanten Adolf Dresen gewinnen.

Auf Vertragsverlängerung verzichtet

Gleich die erste Spielzeit unter Rühles Intendanz geriet nach damaliger Beobachtermeinung zu einem »dramatischen Lehrstück deutscher Theatergeschichte«: Nachdem bereits acht Uraufführungsversuche von Rainer Werner Fassbinders »Der Müll, die Stadt und der Tod« gescheitert waren, versuchte sich Rühle an diesem Stück, dessen Protagonist ein reicher Jude ist. Judenfeindliche Äußerungen im Part einer Nebenfigur lösten vor der Uraufführung heftige Debatten über den möglicherweise antisemitischen Gehalt des Stücks aus. Am 31. Oktober 1985 verhinderten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Frankfurts durch eine Bühnenbesetzung die Premiere. Rühle veranstaltete deshalb wenig später eine Probeaufführung vor rund 150 geladenen Kritikern – letzten Endes verzichtete er jedoch auf eine öffentliche Uraufführung.

Auf die angebotene Verlängerung seines 1990 endenden Vertrags verzichtete Rühle. Zuvor hatte er am Schauspiel Frankfurt unter anderem der innovativen Theaterarbeit von Einar Schleef zum Durchbruch verholfen. Nach seiner Zeit als Intendant arbeitete Rühle für den »Tagesspiegel« in Berlin, später als freier Publizist.

Rühle schrieb umfangreiche Dokumentationen wie »Theater für die Republik 1917-1933« oder »Zeit und Theater 1913-1945«, die beim S. Fischer Verlag erschienen sind. Er agierte zudem als Herausgeber, unter anderem von Werken und Briefen von Alfred Kerr und Marieluise Fleißer. Von seinem Mammutwerk »Theater in Deutschland« sind zwei Bände erschienen, der erste umfasst die Jahre von 1887 bis 1945, der zweite die Nachkriegszeit bis 1966.

Den dritten Band seiner Theatergeschichte abzuschließen, an dem er noch 2020 arbeitete, war Günther Rühle nicht vergönnt, die Sehkraft hatte zu stark nachgelassen. Stattdessen legte er ein »merkwürdiges Tagebuch« vor, so der Untertitel seines letzten Werkes. »Geradezu ein Standardwerk über das Altsein, über den Versuch, im Alter nicht ›zu veralten‹, wie Rühle es nennt«, schrieb Moritz Rinke über das im Oktober erschienene Buch »Ein alter Mann wird älter«.

feb/dpa
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