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Siegfried Lenz über Ernst Jünger: "Die Zwille" Gütemarken nach Vätersitte

Siegfried Lenz, 47, ist der Autor der »Deutschstunde. Im Herbst erscheint sein neuer Roman »Das Vorbild.
aus DER SPIEGEL 17/1973

Nein, Ernst Jünger hat seinen »Standort« nicht verlassen, den herrisch errichteten Ansitz, von dem er so viele ungerührte Einsichten in eine gepeinigte Welt erbeutet hat. Dort, wo der »Capitano« einst Posto faßte, ist er bis heute geblieben -- trotz aller schmerzhaften Lektionen. die uns die Geschichte erteilte. hadernd mit einer neuen Wirklichkeit, die seine geistigen Trophäen achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Und dabei schien es einmal so, als habe dieser Schriftsteller Anstoß an sich selbst genommen: Wie aufschlußreich hat doch seinerzeit der ältere Autor den jüngeren für die Gesamtausgabe seiner Werke redigiert und zensiert, wieviel Mißbilligung bezeugte da allein der Rotstift. Das hat wohl nicht mehr zu gelten.

Das Interview. das er unlängst »Le Monde« gab, und nun auch sein neues Buch »Die Zwille lassen selbst den geneigten Gegner erkennen, daß Ernst Jünger in erbitterter Treue auf seinem »Standort« verharrt -- ein Zeitdenker in seismographischer Unbetroffenheit, der nicht bemerken will, wie lakonisch die Zeit über seine eigenen Welteinsichten hinweggegangen ist. Glückte dem 78jährigen Schriftsteller mit seinem Interview immerhin noch einmal eine Provokation -- sein neues Buch kann allenfalls Verlegenheit hervorrufen.

Ich bitte um Entschuldigung für die zu nahe liegende Formulierung, aber nach der Lektüre kommt einem diese »Zwille« doch wie der sentimentale Patrouillengang eines ergrauten Schriftstellers in überwachsenes Pennälergelände vor, ein elegischer Stoßtrupp in wenn auch nicht übersonnte, so doch hoffnungsvolle Jugendzeit.

Da gerät also ein furchtsames, elternloses Bürschchen ins Blickfeld, Clamor Ebling, der durch besondere Förderung aus einem niedersächsischen Dorf. Oldhorst, in die verwirrende Stadt kommt: zu dem jedermann bekannten Professor Quarisch, der, mit schwerer Uhrkette und Zitatenschatz. einem Schülerpensionat vorsteht. Unausbleiblich, daß den empfindsamen Provinz-Parsifal modellgerechte Konflikte erwarten, mit Lehrern, Schülern, mit der Stadt als ungeliebtem Wesen.

Clamor, der Schreckhafte, wird »Leibschütze« des launischen Primaners Theo, dessen Befehle er zwar schlotternd, doch gehorsam vollstreckt. Vieles begreift Clamor nicht, und manches nur mit träumerischer Verzögerung; das kann nicht gutgehen, zumal da er von seinem· Autor auch noch diese Charakteristik erhält: »Er hatte weibliche Augen, Augen zum Empfangen, nicht zum Zielen und Schießen; er sah, doch er visierte nicht.«

Nur im »Rekognizieren« tut er sich hervor, in Beschattungsdiensten, die ihm Theo aufträgt, hier kommt ihm seine angeborene Angst zustatten. Und auch im Zeichenunterricht »reüssiert« er, da er das »blinde Vertrauen« des Zeichenlehrers genießt. Warum das geduckte Bürschchen schließlich von der Penne fliegt? Weil er sich bei einer Strafaktion mit der »Zwille«, der Schleuder, schnappen läßt und zu allem Überfluß -- wenn auch in reiner Arglosigkeit -- den allein geliebten Zeichenlehrer »Proletarier« nennt. Immerhin verlieren wir Clamor mit der Gewißheit aus dem Blickfeld, daß ihm eine Stelle als Haussohn bei eben dem geliebten Lehrer sicher ist.

Dies ist, sehr verknappt und auch -- zwangsläufig -- ungerecht verknappt. der Kern der Geschichte. Er wird umgeben von gravitätischer, mitunter auch schwüler Familienchronik. von erzählter Pennälerlust und Pennälerpein, von klischeehaft anmutenden Momentaufnahmen der wilhelminischen Gesellschaft und von raunend aufgetischten Naturerlebnissen, die selbstverständlich erst ein besonderes Blut ermöglicht. (Daß der verhuschte Clamor beispielsweise den Wald auch bei völliger Windstille »wie eine Harfe rauschen hört«, muß für Ernst Jünger tatsächlich »im Blut liegen«.)

Mehr aber noch als durch den schwerhändig bewegten Erzählstoff ruft dieser Autor Verlegenheit hervor durch die Eigentümlichkeit seiner Erzählhaltung.

Zwar ist hier und da immer noch die alte salamandrische Starre festzustellen und die gewählte Leidenschaftslosigkeit. für die der »Simplicissimus« ja als erklärtes Vorbild galt, doch gleichzeitig gibt sich da eine altväterliche Lust am Bewerten »und Beurteilen zu erkennen. ein räsonierendes Bekennertum. das besonders dann ungemütlich wird. wenn verschiedene Sozialebenen bebildert oder gegeneinander ausgespielt werden. Der Erzähler versucht uns da unablässig mit seinen Wertvorstellungen zu behelligen und in kategorischen Sätzen zu erklären, was er ausdrücklich für »gut« hält. Und wer zusammenzählt, was Ernst Jünger mit dem Prädikat »gut« versieht, dem setzt sich eine Welt zusammen, die diesem Autor offenbar entspricht.

»Gut« also ist es, »zu sehen, wie der Vater sich am Biere labt«. Die Sonne ist »gut«. Der Mond ist »gut«. Das Wort »beschatten« ist »gut«. Brüder mustern einander mit »gutem Blick«. Die durch die Hand rinnende Erde ist »gut« ("Junge -- das schmeckt wie litt"). Das Holz ist »gut«. Und in übergreifendem Sinne gut ist alles, was zum Leben der »Freien und Frohen« gehört: das bedächtige Ritual des Brotschneidens, der fröhliche Lärm einer Turnstunde, die »gesunde Lust« an der Gefahr, die Erprobung einer Waffe -- und wenn es auch nur eine »Zwille« ist -, die Gelegenheit des Dienens. Ja, und alles ist gut, was dräuende, backenbärtige Vätersitte bestätigt.

Wer solche Gütemarken verteilt, sagt natürlich einiges über sich selbst aus. Und man wundert sich nicht über das Signalement, das Ernst Jünger für weniger schätzenswertes Weltinventar übrig hat. Junge Spinnereiarbeiter etwa stellen sich ihm vor allem fluchend und furzend dar ("Ganz unverhohlen ließen die ihre Winde fahren und taten sich noch was darauf zugut"). Das Dienstmädchen rüstet er natürlich mit einem Hintern wie ein Achtthalerpferd aus. Penner »verstänkern« vor allem die Gärten. Und der homosexuelle Herr Dranthé kann nicht anders, er muß einfach als »dicker, weinerlicher Eunuch« bezeichnet werden, in rotem Schlafmantel außerdem, mit einem Fez auf dem Kopf.

Da Spinner, Penner und Schwule offenbar typische Gewächse der Großstadt sind, kriegt die natürlich ihr besonderes Fett. Großstadt: das ist wohl der Pfuhl, der kernige Eigenart aufweicht, in dem »Eigenes« überhaupt beschädigt wird.

Wo sich nostalgisches Heimweh sozusagen helmbuschbewehrt zeigt, da kann man gewiß auch keine normale Stillage erwarten. Ernst Jünger, der einst nicht nur über Linie und Schleife, sondern auch über Sprache aufschlußreich meditierte, besteht heute darauf. vieles quasi mit dem Silberstift zu sagen. Bei ihm »währen« die Stunden und »weilt« man im Saal: Pläne »pflegen an Sonnabenden Frucht zu tragen«, und vom Norden »strahlt« eine Schwächung aus. Alles, selbst ein Katapult, beansprucht sorgsam-feierliche Betrachtung. Alraune geht den Dingen lebensdeutend auf den Grund und möchte Düsternis vergolden.

Ich kann mir nicht helfen: Wo alles schwer ist von Tiefe und vorgegebener Bedeutung, da sehnt man sich unwillkürlich nach Oberfläche, nach ein bißchen Heiterkeit sehnt man sich, nach einer erfrischenden. zivilen Beiläufigkeit oder sogar Banalität, die ja wohl auch in Oldhorst zum Leben gehören. Jedenfalls, nach der Beschäftigung mit der »Zwille« hat man das Gefühl, aus einer bedrückenden Pflicht entlassen zu sein. die den geforderten Aufwand an Hab-acht-Lektüre nicht gelohnt hat.

Siegfried Lenz
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