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LITERATUR / ARNO SCHMIDT Gut Raub

aus DER SPIEGEL 37/1970

Arno Schmidt schimpft. »Die Denkweise, die Gesinnung dieser Leute«, klagt er, »ist einfach unglaublich.« Und er sieht mit Erschrecken, »wie aufgeweicht das simple Gefühl für Recht und Unrecht ist«.

Arno Schmidt, 56, der Autor im Heidedorf Bargfeld bei Celle, fühlt sich »genötigt«, »vergewaltigt«. Denn kaum sind -- erstaunlich genug -- die 2000 überdimensionalen (29,7 x 42 cm; 17 Pfund) Exemplare von »Zettels Traum« vergriffen (Ladenpreis des Stahlberg-Verlags bis 30. Juni 295, danach 345 Mark), da vergreifen sich auch schon die Raubdrucker an diesem Schmidt-Buch, das sie als »extrem wichtiges Werk der Weltliteratur« deklarieren:

Noch in diesem Monat will ein Berliner Untergrund-Team ("Daß wir uns, wie die Verhältnisse sind, zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen können, bedauern wir sehr") weitere 1000 Stück des schon im Original auf photomechanischem Wege hergestellten Superbuchs nachliefern -- im handlichen Format 21 x 29,7 cm und zum wohlfeilen Preis von 100 Mark. Interessenten haben im voraus zu zahlen: an eine Irina Sorhagen, Berliner Bank, Konto Nummer 07/24 264.

Raubdrucke sind neuerdings sehr beliebt. »Es gibt kein geistiges Eigentum. Zerschlagt das bürgerliche Copyright!« So etwa fordern die Piraten, die bislang vor allem marxistisches« psychoanalytisches und soziologisches Gedankengut, so etwa Schriften von Horkheimer und Adorno und dem linken Sexualtheoretiker Wilhelm Reich, aber auch die berühmte Porno"Barbara«, für billiges Geld auf den schwarzen Markt gebracht haben.

Um Billigkeit, versichern sie, geht es auch den Berliner »Verehrern von Arno Schmidt": Sie wollen mit »Zettels Traum« »nicht große Verdienste scheffeln, sondern das Buch für einen erschwinglichen Preis reproduzieren«. Und sie fühlen sich in ihrem Vorhaben noch »bestärkt durch die Nachricht, daß bei Stahlberg vorerst keine Neuauflage geplant ist«.

»In der Tat meinen wir, daß der Preis des »Originals' nicht länger Ihrem Werk potentielle Leser fernhalten sollte. Bis jetzt hörten wir nur die Klagen der Nichtprivilegierten« von Studenten, Arbeitern, Schriftstellern«, schrieben die Berliner Räuber, vornehmlich Studenten der Germanistik« in einem anonymen Brief an Arno Schmidt und entsandten einen anonymen Vertrauensmann zu Verhandlungen in die Lüneburger Heide. Der Emissär (Schmidt: »Wir haben uns durchs Tor unterhalten") informierte den Autor, »es wäre eine Ehre und Reklame für mich, nachgedruckt zu werden; ich könnte stolz darauf sein«. Auf diese Ehre jedoch will Arno Schmidt ebenso verzichten wie auf das ihm angebotene Honorar von 15 Prozent des Verkaufspreises: 15 000 Mark. Denn »nur der einfältigere, also der größere Teil einer Leserschaft«, sagt der Schriftsteller, der während der langen Arbeit an »Zettels Traum« auch Vorschüsse seines Verlages bezogen hat, »kann diesen Raubdruckern ja abnehmen, daß ich das Geld akzeptieren dürfe«.

Schmidt: »Wenn ich auch nur einen Pfennig davon annähme, wäre ich nicht nur dem Stahlberg-Verlag gegenüber vertragsbrüchig« sondern jeder solide Verleger könnte mir bei einem künftigen Buch sagen: Sie sind doch der Schmidt, der alle Bücher zweimal verkauft. Ich könnte nie wieder ein Buch bei einem anständigen Verlag unterbringen. Außerdem denkt der Stahlberg-Verlag selbstverständlich nicht daran, »Zettels Traum« nun für ewig zu blockieren.«

Und dann erinnert Schmidt an die Raubdruck-Klagen der Klassiker, an Lessing, Goethe, Schiller, an Dick ns und Cooper: »Das war förmlich ein Jammer damals. Man konnte sich nicht mehr trauen, ein größeres und umfangreicheres Werk zu schreiben. Das internationale Copyright hat der Schweinerei endlich mal ein Ende gesetzt. Wir, die Autoren, haben uns das in Jahrhunderten mühsam erarbeitet.«

Durch die neuerdings eingerissene Raubdruckerei sieht Schmidt diesen Schutz der Autoren wiederum schwer gefährdet. »Die Folgen«, sagt er, »sind verheerend. Es müßte wirklich wieder so weit kommen, daß auf dem Nachdruckgewerbe ein Schimpf liegt wie auf jeder anderen schmutzigen Beschäftigung.«

Solche Argumente jedoch wollten Schmidts Gesprächspartner am Tor in Bargfeld offenbar nicht einleuchten. Schmidt: »Ich habe mich kopfschüttelnd von ihm getrennt, er hat sich kopfschüttelnd von mir getrennt. Wahrscheinlich wird er meinen, dieser Kerl hat ja Ansichten wie der selige Gellert. Er sagte 'Good luck', und ich sagte 'Gut Raubdruck'.«

Mittlerweile arbeiten Schmidts Verehrer weiterhin an der illegalen Berliner Ausgabe von »Zettels Traum«, jenem »extrem wichtigen Werk der Weltliteratur«, das sich zugleich als literarische Attraktion mit Pop- und Snob-Appeal entpuppt hat. Der Strafantrag des Stahlberg-Verlags hat sie bislang nicht entmutigen können -- um möglichen Nachstellungen zu entgehen, sind sie sogar bereit, sich in der Werkstatt einzuschließen und bis zur Fertigstellung des Buches von verschwiegenen Freunden verproviantieren zu lassen.

Eines allerdings bereitet ihnen noch Kopfzerbrechen: Was soll mit Schmidts 15 Prozent geschehen? Ursprünglich waren die Berliner bereit, dem Autor das Honorar »notfalls über den Zaun zu schmeißen«. Jetzt erwägen sie, ob sie die 15 000 Mark nicht doch besser an den Stahlberg-Verlag überweisen sollten.

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