Margarete Stokowski

Früher aufstehen, disziplinierter arbeiten, mehr Sport Wie Sie Ihre guten Vorsätze loswerden

Sie haben sich für 2022 vorgenommen, Ihr Leben zu optimieren, vielleicht mittels eines Selbsthilferatgebers? Vergessen Sie es! Denn unsere Kolumnistin hat für Sie schon fast alle gelesen.
Sport, Meditation und irgendein Achtsamkeitsquark: Fast alle Lebensratgeber halten dieselben Tipps bereit

Sport, Meditation und irgendein Achtsamkeitsquark: Fast alle Lebensratgeber halten dieselben Tipps bereit

Foto:

Robert Pola / plainpicture

Frohes Neues! Lassen Sie uns über gute Vorsätze reden.

Üblicherweise finden Sie in allen möglichen Medien zum Jahresanfang Tipps und Tricks zum Erreichen Ihrer Neujahrsvorsätze. Hier nicht.

Hier finden Sie Tipps, wie Sie Ihre Vorsätze wieder loswerden und sich nicht unnötig quälen. Denn es geht schon mit dem Namen los: Man spricht üblicherweise von »guten« Vorsätzen, aber meistens sind diese Vorsätze eher gut gemeint und belastend. Sie sind der Quell von Schuldgefühlen, einem schlechten Gewissen und Stress – und außerdem dafür bekannt, dass keine Sau sie einhält.

Es gibt eine riesige Menge an Ratgeberliteratur, die dabei helfen soll, gute Vorsätze einzuhalten, egal ob zum Jahresanfang oder mitten im Jahr. Sie könnten das alles lesen, aber Sie müssen nicht, denn ich habe das für Sie schon getan. Wirklich. Ich glaube, ich habe fast alle Selbstoptimierungsbücher gelesen bzw. als Hörbuch gehört, die in den letzten Jahren Bestseller waren. Und solche, die mit gutem Grund keine geworden sind. Es ist eine Art Hobby von mir, vielleicht etwas, was man guilty pleasure nennen könnte, aber dazu schäme ich mich zu wenig dafür.

Denn: Wenn man sich einmal in die Materie eingearbeitet hat, erkennt man, dass Selbstoptimierung erstens ein Fass ohne Boden ist und zweitens leicht dazu führen kann, dass man ein peinlicher Karrierekasper wird. Ich habe ungefähr mein halbes Leben lang jedes Jahr Neujahrsvorsätze gehabt, meistens gingen sie in Richtung »früher aufstehen, disziplinierter arbeiten, mehr Sport«. Die üblichen Running Gags also.

Ich habe damit aufgehört, und es ist wunderschön. Letzte Nacht habe ich zwölf Stunden geschlafen, und zwar nachdem ich am Abend zuvor ein Hörbuch fertig gehört hatte mit dem Titel: »Der 5-Uhr-Club: Gestalte deinen Morgen und in deinem Leben wird alles möglich«, von Robin Sharma. Ein Buch, das so unfassbar schlecht ist, dass es eine wahre Freude ist: grauenhafter Stil, schreckliche Botschaft, absurde Handlung.

Unfassbar unsympathische Businessclowns

Ich höre solche Hörbücher wahrscheinlich mit demselben Gefühl, mit dem andere Leute trashige Filme oder Reality-TV gucken. Es hat etwas Reinigendes. Man kann so etwas nämlich nicht lesen oder hören, ohne zu denken: Moment mal, ihr Scherzkekse, wenn ihr angeblich den Schlüssel zum Erfolg, den Weg zur Perfektion, die Lifehacks für absolute Exzellenz gefunden habt – warum sind eure Bücher dann so grottenschlecht? Warum schreibt ihr Sätze wie »Scheitern ist gewissermaßen Wachstum im Wolfspelz«? Oder »Opfer haben große Fernseher. Leader haben große Bibliotheken«? Das muss doch nicht sein!

Das Prinzip ist so ähnlich wie bei unserem Thema hier letzte Woche: Wenn man einmal erkannt hat, dass sehr viele superreiche oder berühmte Menschen in komplett seelenlosen, hässlichen Häusern leben, ist es gar nicht mehr so erstrebenswert, superreich oder berühmt zu werden.

Mit Selbstoptimierungsliteratur ist es so ähnlich: Wenn man einmal erkannt hat, dass die Leute, die einem dabei helfen wollen, seine Ziele zu erreichen, unfassbar unsympathische Businessclowns sind, die absolut perverse Bücher schreiben, wird man alles tun, um nicht so ein wandelnder Witz zu werden.

Ich verstehe natürlich die Leute, die diese Bücher kaufen, und ich möchte niemanden beschämen, der versucht, mit Selbsthilfeliteratur aus einer Krise zu kommen, denn Therapieplätze sind rar und das Leben anstrengend. Falls Sie versucht sind, sich solche Bücher zu kaufen: Muss nicht sein, ich kann sie Ihnen hier in einem Absatz zusammenfassen.

Denn fast alle Bücher des Typs »So regeln Sie Ihr Leben« enthalten dieselben Tipps: Stehen Sie frühmorgens auf (um 5), machen Sie Ihr Bett und trinken Sie warmes Wasser mit Zitronensaft. Legen Sie sich eine Morgenroutine zu, die aus Sport, Meditation und irgendeinem Achtsamkeitsquark besteht. Duschen Sie kalt. Treiben Sie jeden Tag Sport, richten Sie Ihr Zuhause minimalistisch ein, machen Sie Intervallfasten. Verbrauchen Sie Ihre Entscheidungsenergie nicht damit, sich morgens ein Outfit zu überlegen, sondern ziehen Sie jeden Tag das Gleiche an. Wie Mark Zuckerberg und Barack Obama!

Lesen Sie die Biografien reicher Menschen und machen Sie ihnen alles nach. Verbannen Sie alle Elektrogeräte aus dem Schlafzimmer, machen Sie nix in sozialen Medien, hören Sie auf mit Alkohol und Zigaretten. »Visualisieren« Sie Ihre Ziele (handschriftlich!). Essen Sie mittags was mit Fisch und Avocado. Kein Brot!

Verbessern Sie sich jeden Tag und nerven Sie alle damit, dass Sie Feedback wollen. Umgeben Sie sich mit positiv gestimmten, erfolgreichen Menschen. (Sprich: Entfreunden Sie alle kranken, traurigen und armen Loser.) Hören Sie auf, zuckerhaltige Getränke zu trinken. Trinken Sie nie wieder einen Coffee-to-go und investieren Sie das so gesparte Geld in nachhaltige ETFs oder die Start-ups von irgendwelchen koksenden Bengeln, die alle gleich aussehen.

Eine verdächtig gerade Haltung

Wenn Sie all diese Dinge tun, stehen Ihre Chancen sehr gut, einer von diesen durchoptimierten Kapitalismusknechten zu werden, die glauben, dass »jeder« »es« schaffen kann. Sie werden dann höchstwahrscheinlich jeden Tag ein Slim-Fit-Hemd oder dunkelblaues T-Shirt tragen, eine verdächtig gerade Haltung haben und ein Grinsen, das verrät, dass Sie sich für etwas Besseres halten, siehe: ungefähr alle Autorenfotos auf den jeweiligen Büchern.

Wenn Sie Pech haben, schaffen Sie es sogar, Ihr »Mindset« (wichtiges Wort) so umzustellen, dass Sie Sätze sagen wie: »Armut ist die Folge einer inneren Verfasstheit, nicht einer äußeren Situation.« (Robin Sharma, »Der 5-Uhr-Club«). Oder: »Die Komplexität deiner Herausforderung korreliert mit der Genialität deiner Ergebnisse! Wenn du wirklich brennst, kommen alle und wollen am Feuer stehen!« (Matthew Mockridge: »Dein nächstes großes Ding«)

Oder auch: »Humankapital ist meine absolute Lieblingsinvestitionsart.« (Natascha Wegelin: »Madame Moneypenny«) Oder: »Nichts im Leben bekommt man gratis. Schon gar keinen Erfolg.« (Konrad Sewell: »Selbstdisziplin«) Oder: »Lass all deine Illusionen zurück. Sie wiegen schwer.« (Yuval Noah Harari: »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«)

Oder auch so was absolut Sinnfreies wie: »Über die Hälfte aller Krisen sind gar keine.« (Marion und Werner Tiki Küstenmacher: »Simplify your life: Endlich mehr Zeit haben«)

Natürlich müssen Sie nicht zwingend die Karikatur eines Strebers werden, wenn Sie versuchen, sich zu verbessern. Aber die Gefahr besteht. Erst wollen Sie nur ein bisschen joggen und Ihre Bildschirmzeit reduzieren und plötzlich reden Sie von »Transformation« und »Glaubenssätzen« und versuchen, Ihre Freundinnen davon zu überzeugen, auf Kristallzucker zu verzichten und ein »Bullet Journal« zu führen. Oder Sie werden direkt Coach, nennen sich aber »Veränderungsexperte« oder »Effizienztrainerin«. Im schlimmsten Fall machen Sie immer weiter mit der Optimierung und erzählen dann jedes Mal, dass Sie wieder »ein Learning« hatten (also: was gelernt haben). Unangenehm!

Wenn Sie jetzt sagen: »Ich will doch aber gar nicht alles verändern, ich will wirklich nur diese eine Sache machen! Einfach fünf Kilo abnehmen! Und vielleicht noch öfter mal ein Buch lesen!« – Äh, ja klar. Sie wissen aber schon, wie Leute aussehen, die »nur diese eine Schönheits-OP« machen wollten oder Heroin »nur einmal probieren«? Ich sag es nur!

Selbstoptimierung ist ein slippery slope; das kann schlimm enden. Es gibt natürlich auch gute Bücher in dem Genre, aber nur zwei. »Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin« von Kathrin Passig und Sascha Lobo und »Magic Cleaning« von Marie Kondo. Die kann ich Ihnen aber auch in einem Satz zusammenfassen: Hören Sie auf, ein schlechtes Gewissen zu haben, und räumen Sie Ihren Scheiß auf. Bitteschön.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.