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FERNSEHEN Guten Tag, Mama

Das ZDF porträtiert eine rebellische Hure - die Zürcher Buchautorin und Unruhestifterin Dora Koster.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Sie geht seit 16 Jahren in Zürich auf den Strich. Sie lebte unter Zockern, Alkoholikern, Drogensüchtigen, bedient Masochisten und Fetischisten. Die Zuhälter haben sie »jahrelang zur Sau gemacht«, ausgepowert und verdroschen.

Joe, der Brutalo, war der Übelste. Zu seinen Gunsten hatte sie vor Gericht falsch ausgesagt. Doch als er freikam aus der Untersuchungshaft, ging er nur zu ihr, um sich »schnell ein bißchen auszubumsen« und sie sofort wieder an die Ecke zu stellen. Das war der Moment, als die gefügige Prostituierte Dora Koster rebellisch wurde und den Herrschaften vom Kiez beweisen wollte, daß »man mit Tante Dora nicht alles machen kann«.

»Nichts geht mehr«, unter diesem Titel hat die Zürcherin Dora Koster, 41, im letzten Sommer die Stationen ihres Hurenlebens aufgeschrieben, »ausgekotzt«. Die autobiographische Kampfschrift, in der sich lang gestaute »Wut auf die Männer« entlud, war für die Dirne ein Versuch, dem lumpigen Milieu zu entfliehen.

Das Buch erschien im November in der Schweiz und wurde umgehend ein Bestseller.

( Dora: »Nichts geht mehr«. Unionsverlag, ) ( Zürich; 240 Seiten; 22,80 Mark. )

Enthüllungen aus Freudenhäusern sind gefragter Lesestoff; die Prostituierten-Literatur hat Hochkonjunktur auf dem Buchmarkt -- von Xaviera Hollanders »Fröhlicher Nutte« bis hin zu Pieke Biermanns Pamphlet »Wir sind Frauen wie andere auch!«, in dem die Prostitution zur Avantgarde der Frauenbewegung hochgejubelt wird.

Dora Koster, eine schriftstellernde Nutte, eine Puff-Feministin womöglich -- das öffentliche Interesse war geweckt. Frau Koster sprach an der Zürcher Universität, war Gast im Rundfunk und Fernsehen. Alice Schwarzer hat sie als Schwester im Geist umarmt und geküßt und ihr Werk herzlich begrüßt.

Auch der ZDF-Redakteur Hans-Dieter Grabe wurde damals aufmerksam auf die renitente Dora. Mitte November reiste er, für 12 Tage, nach Zürich und drehte für die Reihe »Lebenserfahrungen« einen Dokumentarfilm, der am Dienstag dieser Woche, 21.20 Uhr, auf dem ZDF-Programm steht: »Dora Koster -- Prostituierte«.

Grabe, ein stiller, beharrlicher Outsider in der geschniegelten TV-Routine, ist ein behutsam forschender Dokumentarist, ein Randgruppen-Beobachter, S.277 der sich gern extremen Existenzen nähert und ihnen Gelegenheit zur Selbstdarstellung gibt. So hat er, sein Meisterstück, beispielsweise die Witwe des Knabenmörders Jürgen Bartsch vor die Kamera gebracht ("Gisela Bartsch oder Warum haben Sie den Mörder geheiratet"). So spürt er nun den Leidenswegen der, so Grabe, »intelligenten«, bisweilen »sehr naiven« und »aggressiven« Dirne Koster nach.

Dora hat sich auf »Extrem-Sex« spezialisiert; ihre Absteige nennt sie »Sex-Klinik«, weil die meisten ihrer Kunden »eigentlich Patienten sind«. Zu Dora kommen Masochisten, die ihr die Stiefel küssen und im Dirndlkleid die Wohnung putzen. Bei Dora verkehrt ein »Sklave Marcus«, dem am wohlsten ist, wenn die »Herrin« ihn knechtet. »Solche Männer«, sagt Dora, »gibt es Tausende, das glauben Sie nicht.«

In der Sex-Klinik melden sich, die ZDF-Kamera läuft, telephonisch »Baby-Freier«, seriöse, ältere Herren, die nach Schnullerflaschen lechzen und wie ein Säugling gewickelt werden wollen. Sie sagen: »Guten Tag, Mama, tust du mich ein bißchen windeln?« und bitten demütig, ob sie ihre Gummihosen mitbringen dürfen. Das sind Kunden, Patienten, für die Dora Koster sich »irgendwie« verantwortlich fühlt.

Aber sie will raus aus dem Milieu, rien ne va plus. Noch empfängt sie etwa zwei Freier pro Woche; das Finanzamt hat ihre Bucheinkünfte gepfändet, weil sie sich früher geweigert hat, ihren Hurenlohn zu versteuern. Und sie stößt oft genug auf bürgerliche Ressentiments; trotz ihrer Popularität, anrüchig bleibt sie doch, die Exotin vom Kiez. Der ZDF-Mann Grabe hat es während der Dreharbeit zu spüren bekommen.

Bei einer Koster-Lesung in einem Zürcher Gasthaus mußte Grabe schriftlich versichern, den Namen des Etablissements im Film zu verschweigen. Ein Warenhaus, das die Dirne zum verkaufsfördernden Signieren ihres Buches geladen hatte, stellte dem TV-Team dieselbe Bedingung. Und auch die Schweizer Akademiker, die Dora als Attraktion ihres gemütlichen »Herrenabends« gebeten hatten, wollten anonym bleiben.

Zunächst, berichtet Frau Koster, seien die Herren »ja recht verklemmt gewesen«. Erst als das ZDF abgezogen sei, »sind sie dann gekommen«, manche mit eindeutigen Angeboten. Am Ende der Veranstaltung habe ein Teilnehmer gefragt: »Sind Sie enttäuscht wegen uns?« »Nein«, habe sie geantwortet, »ich kenne euch.«

Im Milieu, auf dem Kiez, ist Dora Koster bei vielen als Verräterin verhaßt. Während der Filmarbeiten wird nachts ein Pflasterstein ins Fenster ihrer Absteige geworfen. Zuhälter haben gedroht, ihr das Gesicht zu zerschneiden. Dora hat sich illegal eine Waffe beschafft.

Die Sex-Klinik wird Dora Koster weiter betreiben, doch sie will auch weiter schreiben, einen Roman, Krimis. »Ich möchte mich beim Schreiben niemals prostituieren«, sagt sie am Filmschluß zu Grabe, »meinen Körper können sie haben, meine Gedanken sollen echt sein.«

Postscriptum: In der Zürcher Kommunalpolitik ist Frau Koster unterdes unliebsam aufgefallen, weil sie -- auf einer alternativen Liste -- für das auch Laien zugängliche Amt des »Bezirksanwalts« kandidiert, eines Untersuchungsrichters. Die Wahl findet am kommenden Sonntag statt. Die Lokalpresse ist ernsthaft besorgt über die Kandidatur »einer Frauenperson, die als Beruf ''Hure'' angibt«, und spricht von einer »Verhöhnung der Demokratie«.

S.275Dora: »Nichts geht mehr«. Unionsverlag, Zürich; 240 Seiten; 22,80Mark.*

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