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AUTOMOBILE Guter Kunde

Mit einem verrosteten Auto und Schmähplakaten eröffnete ein Bildhauer einen Feldzug gegen den Autokonzern Fiat und bekam, was er wallte: einen Prozeß.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Nichts ist schlimmer im Betrieb«, so dozierte einmal die deutsche Autohändler-Zeitschrift »Autohaus«, »als ein vor Wut brüllender Kunde.« Tausende von Bundesbürgern konnten jüngst sehen, daß zwischen Autokäufer und -verkäufern im Dialog um das teuerste Konsumgut gleichwohl Schlimmeres geschehen kann.

Dafür sorgten der Bildhauer Alfred Konzuch, 43, aus Greggenhofen im Allgäu und der Auto-Goliath Fiat in Turin. Aus Wut, daß Fiat mancherlei Gebresten an einem im April 1969 gelieferten Fiat 124-Spider nicht in der gewünschten Weise behoben hatte, entfesselte der Künstler gegen den Autokonzern »meine werbepsychologischen Kampfmaßnahmen«.

Fiat-Fahrer Konzuch veranstaltete eine Art wandernde Automobilausstellung. Nacheinander stellte er seinen Sportwagen in Sonthofen, Oberstdorf, Wesel, Wolfsburg und Hamburg zur Schau. Betrachter konnten in fetten Lettern auf einem Pappschild lesen: »Fiat baute dieses Scheißauto!«

»Fiat-Qualitätsarbeit nach 2 Jahren«. erläuterte ein weiteres Schild; ein Hinweispfeil lenkte den Blick auf klaffende Rostlöcher. Die Beschauer erfuhren außerdem, der Wagen habe »9 x gebrannt«, und: »Fiat betrügt Kunden!« Der nächsten Zeile war zu entnehmen, was Konzuch eigentlich erreichen wollte: »Fiat soll mich deshalb verklagen!« Kampflustig hatte der alpenländische Bildhauer hinzugefügt: »Fiat kneift!«

Streit mit unzufriedenen Kunden hat noch keine Autofirma vermeiden können. Doch den Unternehmen war aus Prestigegründen stets daran gelegen, derartigen Disput möglichst auf ihre Kundendienstbüros zu begrenzen.

Selbst dann, wenn widerborstige Kunden den Streit demonstrativ an die Öffentlichkeit brachten, war den Firmen eine gütliche Einigung zumeist lieber als ein Prozeß. So sahen sich einst die Kölner Ford-Werke in den Zwist eines Händlers mit einem Kunden verwickelt. Der Händler hatte bestimmte kostenlose Reparaturen verweigert, weil die Kunden-Wechsel geplatzt waren. Daraufhin hatte der Kunde seinen Ford unter Hinweis auf einen »lebensgefährlichen Konstruktionsfehler« als Pfusch-Auto zur Schau gestellt. Ford einigte sich aber ohne Gerichtsverfahren mit dem Schmäher.

VW hingegen hat einen unzufriedenen Kunden, der nach 87 000 Fahrkilometern seines fünf Jahre alten Käfers Ersatz für zahlreiche Reparaturen (übliche Werksgarantie: sechs Monate oder 10 000 Kilometer) verlangt hatte, nicht besänftigen können. Mit Tesakrepp klebte der Fahrer nunmehr den Slogan »Nie wieder VW« auf das Autoblech und hängte einen Schadenskatalog mit der Aufforderung »Urteilen Sie selbst« in ein Seitenfenster. Die VW-Händlerfirma verklagte den Demonstranten mit Erfolg: Die Richter bewerteten die Kundenkritik als »unsachlich«, »nicht durch das Recht der freien Meinungsäußerung gedeckt« und daher als »Eingriff in den Gewerbebetrieb«.

Auch die deutsche Fiat-Tochter in Heilbronn wollte sich mit ihrem Käufer Konzuch ohne Aufhebens einigen, denn »wir leben von der zufriedenen Kundschaft«. Der Firma kam zudem darauf an. den Allgäuer, der schon vier Fiats erworben hat. als guten Kunden bei der Stange zu halten. Zwar war Fiat über Art, Umfang und Ursache der Schäden anderer Auffassung als Konzuch. So bestritten die Heilbronner, der Motor habe neunmal gebrannt -- in Wahrheit seien lediglich Öldämpfe aus einem undichten Öleinlaß gequollen. Konzuch hingegen will mindestens sechsmal helle Flammen gesehen haben, bei deren Erstickung er zwei Decken ruinierte. »Auf einer Fahrt von Frankfurt nach Oberstdorf«, so der Fahrer, »brannte das Auto dreimal -- ich kam mir blöd vor.«

Fiat bot dem Allgäuer Feuermelder schließlich an, ohne Anerkennung einer Schuld die Reparaturen zu übernehmen. Dem Wagen. dessen Karosse nicht einmal von Fiat. sondern aus dem viel feineren Preßwerk der Maßschneider-Firma Pininfarina stammt, sollten dabei kostenlos zwei neue Kotflügel angeschweißt werden. Laut Fiat lehnte Konzuch das Friedensangebot ab und stellte -- was Konzuch bestritt -- der Firma ein Ultimatum: Er verlange »binnen 24 Stunden« ein neues Auto, andernfalls werde er Fiat öffentlich anprangern. Für ein neues Auto aber sahen die Fiat-Manager »keinen Rechtsanspruch« mehr, da Fiat-Käufer Konzuch mit seinem Alt-Auto immerhin schon 70 000 Kilometer gefahren war.

So wie die Fiat-Werber die »Langlebigkeit« der Fiat-Wagen gelobt hatten, wollte Konzuch »mit meinem Demonstrationsmittel der Kotflügel« auf deren Kurzlebigkeit verweisen. Durch diese Art »Abwehr-Werbung«, auf die »ich ein legitimes Recht beanspruche«. wehrt sich Konzuch gegen »die Macht der Konzerne«. Konzuch: »Das Volk ist ja verdummbeutelt.«

Am Dienstag letzter Woche wurde der Abwehr-Werber vorläufig aus dem Verkehr gezogen. Ein Gerichtsvollzieher überbrachte eine einstweilige Verfügung. die Konzuch untersagte, weiterhin zu verkünden, Fiat betrüge, kneife« baue Scheißautos und sei nicht fähig, ordentlich Autos zu bauen. Der Beklagte will vor Gericht weiterkämpfen.

»Immer wieder«, so verriet ein Eingeweihter über das eher professionelle Durchdrücken von größeren Reklamationen in der deutschen Automobilindustrie, »kommen Leute gleich mit ihrem Rechtsanwalt, und die haben meist auch Erfolg.«

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