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Gerhard Szczesny über Mitscherlich: "Die Unfähigkeit zu trauern" GUTER RAT FÜR DUTSCHKE?

Dr. Gerhard Szczesny, 49, ist Publizist ("Die Zukunft des Unglaubens"), Vorsitzender der »Humanistischen Union und Chef des Münchner Szczesny Verlags. in dem er unter anderem Werke von Bertrand Russell. Ludwig Marcuse und Margoret Mead verlegte und ein »Jahrbuch für kritische Aufklärung« unter dem Titel »Club Voltaire« herausgibt. -- Professor Alexander Mitscherlich, 59, ist Ordinarius an der Universität Frankfurt und Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts. Seine Frau und Mitautorin Margarete Mitscherlich wirkt als Ärztin und Psychoanalytikerin in Frankfurt.
aus DER SPIEGEL 2/1968

Nach und neben den Überlegungen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz zum Thema »Das sogenannte Böse« hält der Rezensent das hier vorzustehende Buch der Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich über »Die Unfähigkeit zu trauern« für den zweiten bedeutsamen Versuch dieses Jahrzehnts, das Schicksal des Menschen unserer Tage von seiner wirklichen Beschaffenheit, von seinen tatsächlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen her in den Blick zu bekommen. Die Grundgedanken der Mitscherlich-Studie sind einfach und einleuchtend:

Ein humanes Verhalten (wozu auch die Fähigkeit zur Trauer, zur Aufarbeitung von Schuld gehört> kann es nur dort geben, »wo ein Individuum der Einfühlung in ein anderes Individuum fähig ist«. Die erste und wichtigste Entscheidung darüber, ob und wieweit ein Mensch solche Fähigkeit erwirbt, fällt in der Kindheit: »Ein Identitätssprung nach vorwärts kann nur dort gelingen, wo die Ich-Entwicklung vom Anfang des Lebens an gefördert wurde.« Bei dieser Ich-Entwicklung geht es -- psychoanalytisch gesprochen, aber auch ohne Anwendung speziell psychoanalytischer Kategorien einsichtig -- um »den Reifungsweg von der Identifizierung, als frühester Begegnungsform« zur »Objektwahl« das heißt zu der Fähigkeit, den anderen in vollem Umfang als »wirklich« zu verstehen«.

Da »das Ausgangsschicksal des Individuums als Sozialwesens die Art der Lösung oder Ungelöstheit der ödipalen Konfliktsituation (Kind-Mutter-Vater) ist«, wird der Verlauf des Reifungsprozesses entscheidend von der Fähigkeit des heranwachsenden Menschen abhängen, sich von der bloßen, zwischen Liebe und Haß wechselnden Identifizierung mit den Eltern zu lösen: »Ein junger Mensch, der nicht ertragen lernte, seine Eltern einigermaßen realitätsgerecht zu beurteilen, wird auch anderen Bereichen der Außenwelt gegenüber blind sein oder sie verzerrt sehen.«

Wenn es nicht gelingt, die eigenen Eltern als widersprüchlich wahrzunehmen, ohne dabei Vertrauen und Zuneigung zu verlieren, wird auch die eigene Widersprüchlichkeit verdrängt oder als totale Selbstentwertung erlebt. Damit aber entsteht die Gefahr der Verewigung jener Welt-Orientierung, die sich an bestimmte Personen oder Parolen entweder blind und bedingungslos bindet oder aber sie blind und bedingungslos ablehnt. Die Ich-Ideale werden in einem Idol angebetet, die eigenen Mängel in einem »Feind« rücksichtslos bekämpft. Es kann sich weder die »Distanzierung von sich selbst« entwickeln noch auch die »Aufmerksamkeit für den anderen«. Kritik ist nicht »Denkvorgang«. sondern »Ausrottungsvorgang«.

Im Gegensatz zu den Thesen etwa von Herbert Marcuse stellen die Autoren ausdrücklich fest, daß.,. der Frustrationsreiz ... erst die kritische Denkfähigkeit hervorlockt«. Die Verzichtleistungen können erlernt werden, weil die Anerkennung, die man dafür erhält, die Versagung wieder ausgleicht; sie müssen erlernt werden, weil »der Mensch sich jeder denkbaren Gesellschaft nur durch Triebverzichte anpassen kann«.

Der Fall Deutschland, mit dessen Erörterung das Buch beginnt, wird unter dem Aspekt der Wiederkehr vaterautoritärer Identifikationen und des bis heute anhaltenden Immobilismus gesehen. Die Naziperiode wurde verdrängt, und auch später erfolgte »keine adäquate Trauerarbeit um die Mitmenschen, die durch unsere Taten in Massen getötet wurden«. Die Chance, uns von einer nach Allmachtsphantasien nunmehr durch Minderwertigkeitsabwehr geprägten Außenmoral zu lösen und »zur Anerkennung von Mitmenschen als Lebewesen mit gleichen Rechten weiterzuentwickeln«, ist verpaßt. Und es besteht wenig Hoffnung, daß sie in Zukunft wahrgenommen würde, »weil der antipsychologische Affekt in Deutschland sich auf eine tiefe psychologische Unbildung stützen und einer weiten Zustimmung spontaner Art sicher sein kann«.

Es ist allerdings ein einsames Ereignis, daß sich in die kaum noch übersehbare Schwemme politologischer und soziologischer Literatur ein Buch verirrt, das die Bedeutung gerade vor- und außergesellschaftlicher Entscheidungen für eine bessere Lösung gesellschaftlicher Probleme behauptet; ja, das -- unausgesprochen, aber unüberhörbar -- die schärfste Kritik an der Diktatur der Gesellschaftswissenschaften übt, die bisher in der Bundesrepublik zu verzeichnen gewesen ist.

Der Rezensent verdankt der Schrift drei bemerkenswerte Einsichten. Die erste, der Untersuchung unmittelbar zu entnehmende Erkenntnis heißt: Die für unsere moralische und soziale Bewußtseins- und Verhaltensbildung entscheidenden Erlebnisse ereignen sich im Innenraum der Familie, also in einer Situation, die von den gesellschaftlichen Verhältnissen am wenigsten betroffen ist, und sie stoßen uns in einem Alter zu, in dem Ideologien, Staats- und Wirtschaftsformen keine Rolle spielen.

Wenn sich also in einer demokratischen, das heißt nicht-autoritär konstruierten Gesellschaft autoritäre Tendenzen bemerkbar machen, ist es ohne Sinn, die Ursachen nur oder hauptsächlich in den Institutionen zu suchen; sie liegen vor allem in den mißglückten Lebensläufen der Bürger dieser Demokratie. Die Demokratisierung der Demokratie ist primär nicht ein politologisches, sondern ein individual-psychologisches und pädagogisches Problem: die Erziehung des Menschen zu einem selbstkritischen und »der Einfühlung in den anderen« fähigen Wesen.

Die wichtigste Aufgabe von Wissenschaft und Bildung in einem Staat wie der Bundesrepublik, in dem die formalen Voraussetzungen für die freie Persönlichkeits-Entfaltung gegeben sind, ist die Aufhellung autoritärer Prozesse und Strukturen im einzelnen Menschen. Herr Dutschke und seine SDS-Kollegen sollten also ihre Suche nach der Charta des Paradieses für ein paar Semester unterbrechen und sich der Belehrung durch die Psychoanalyse unterziehen, denn: »,... die Schulung der Sachintelligenz vermochte die triebhafte, insbesondere die aggressive Reizbarkeit der Menschen nicht zu mildern.«

Die zweite Erkenntnis, die die Lektüre des Buches dem zeitgenössischen Leser vermittelt, läßt die Rolle, die die Gesellschaftswissenschaften heute spielen, noch bedenklicher erscheinen: Die soziologisch-politologische Weltdeutung ist von einem bestimmten Punkt der uneingeschränkten Identifizierung mit ihren Methoden, ihrem Menschen- und Problemverständnis selbst ein Versuch, sich dem Reifungsprozeß von der Identifizierungs- zur Einfühlungsphase zu entziehen.

»Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« wird der die Entwicklung auf einer kindlichen Stufe festhaltende Identifizierungsmechanismus nicht abgebaut, sondern es wird lediglich das Identifizierungsobjekt ausgetauscht. »Widersprüchliche Verhaltensweisen liegen nahe beieinander; so die hohe Empfindlichkeit einerseits gegen jede Art autoritärer Bevormundung und ein geradezu begieriges Aufnehmen von befehlshaften Losungen, von bevormundenden Angeboten andererseits.« Wenn die Väter entthront sind, treten an ihre Stelle nicht die konkreten Brüder und Schwestern, die ja ebenfalls widersprüchlich und unvollkommen sind, sondern etablieren sich nun irgendwelche »reinen« Lehren, die einen klaren Auftrag erteilen: etwa den, die Herrschaft von Menschen über Menschen endgültig zu beseitigen.

Die Flucht in eine zur Heilslehre aufgeblähte Sozialwissenschaft erspart oder verhindert erneut die kritische Beschäftigung mit dem eigenen Ich und das einfühlende Verständnis für den anderen.« Ein Großteil der alltäglichen Reflexionen über »die da oben« geschieht aus dieser Unfähigkeit des Bewußtseins, Widersprüche bei Vorbildern zu ertragen.«

Hier wäre auch die Erklärung für das befremdliche Faktum zu finden, daß Theorien, die ausdrücklich als demokratisch und humanitär verstanden werden wollen, sich ohne Schwierigkeit mit Fanatismus und Intoleranz vereinbar zeigen. Das Demokratische und das Humanitäre bezeichnen in solchen Fällen nicht menschliche Haltungen, sondern haben die Bedeutung von ideologischen Parolen, an denen sich Freund und Feind, die Guten und die Bösen scheiden.

Und dies ist schließlich die dritte und allgemeinste Erkenntnis, die Alexander und Margarete Mitscherlich zutage fördern (oder zumindest genauer beschreiben, als es im allgemeinen geschieht): Wenn der Mensch nicht frühzeitig eine realitätsgerechte Einstellung erwirbt, fällt ihm das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit so schwer, daß er nach immer neuen Möglichkeiten sucht, dieser Einsicht aus dem Wege zu gehen.

Aber es ist offenbar gerade an die Anerkenntnis der prinzipiellen Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur die Chance ihrer weiteren Humanisierung gebunden. Das Streben nach einem vollkommenen Menschen oder einer vollkommenen Gesellschaft geben dieser Widersprüchlichkeit keine Chance, zwingen zur Verdrängung der eigenen und zur Bekämpfung der Schwächen des anderen: Radikalismus. Unduldsamkeit und Terror treten die Herrschaft an.

Dies alles bedeutet, daß die Fähigkeit, ideale Gesellschaftsmodelle zu entwerfen und zu bekennen, einiges über die Intelligenz, aber nichts über die Reife ihrer Befürworter sagt. Die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse setzt Einrichtungen voraus, die den Fortschritt möglich machen; die Humanisierung selbst ist dann aber eine Aufgabe der Aufklärung und Erziehung des einzelnen Menschen. Von der »Unfähigkeit zu trauern« wird uns keine Soziologie und Politologie, sondern in der Tat nur die Vermehrung psychologischen Wissens befreien können.

Wenn diese Hoffnung eine Illusion sein und bleiben sollte, bietet sich schließlich noch eine andere Erwägung unserer Autoren an: »Es ist keineswegs entschieden, ob er (der Mensch) nicht einen der folgenschwersten Fehlwege der Evolution darstellt, durch den das Prinzip des Lebendigen seiner Aufhebung entgegenstrebt.«

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