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FERNSEHEN Guter Sozi

Die sechste Fallada-Verfilmung im westdeutschen Fernsehen: Egon Monk hat nun »Bauern, Bonzen und Bomben«, ein Kleinstadt-Epos aus der Weimarer Republik, gedreht.
aus DER SPIEGEL 17/1973

Kleiner Mann -- was nun schon wieder? Wenn deutsche Fernseh-Dramaturgen den Kleinstbürger in seinem Elend schildern wollen, dann greifen sie gern in einen unerschöpflichen Fundus an miesen und maroden Typen: in die Romanwelt Hans Falladas.

Der Greifswalder Autor, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, 25 Bücher verfaßte und 1947 nach nahezu lebenslanger Alkohol- und Morphiumsucht in der Berliner Charité verstarb, hat die düsteren zwanziger und dreißiger Jahre so anschaulich und wahrheitsgetreu beschrieben wie sonst keiner.

Er porträtierte Arbeitslose und Inflationsopfer ("Kleiner Mann, was nun?"), Schieber und Hochstapler ("Wolf unter Wölfen"), Säufer, Knastbrüder und Einzelgänger ("Der Trinker«, »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt«, »Jeder stirbt für sich allein") derart mediengerecht, daß alle diese Stoffe schon auf bundesdeutsche Bildschirme gekommen sind -- zwei davon als übernahmen aus der DDR.

Jetzt ist es, dank dem auf Literaturverfilmungen spezialisierten NDR-Ressort Fernsehspiel, wieder einmal soweit. Vom Ostermontag bis zum 8. Mai läuft an fünf Abenden, jeweils rund 90 Minuten lang, das politische Kleinstadt-Epos »Bauern, Bonzen und Bomben« im ARD-Programm.

Egon Monk, bewährter Fernsehregisseur und kurzfristig glückloser Schauspielhaus-Intendant in Hamburg, hat den 1931 erschienenen Roman, den Kurt Tucholsky wegen »Echtheit des Jargons« lobte, im ganzen werkgetreu nacherzählt.

Für vier Millionen Mark Produktionskosten, mit 85 Schauspielern sowie 400 Bundeswehr- und Bauernstatisten drehte er 120 Tage lang vor historischen Fassaden in Hamburg, Rendsburg, Lüneburg, in Eckernförde und Neumünster.

In Neumünster hatte Fallada einst zweieinhalb Jahre Knast verbüßt (wegen Unterschlagung), dann als Annoncenwerber und Gelegenheitsreporter beim »General-Anzeiger« seinen Unterhalt verdient und dabei den Stoff zu jenem Buch gesammelt, das laut Monk »einige Ursachen für den Verfall der Weimarer Republik« aufzeigt. Der Schauplatz ist als »Altholm« nur notdürftig kaschiert.

Das Exempel für den Niedergang liefert vor allem die 1928 von schleswig-holsteinischen Bauern gegründete militante »Landvolkbewegung« -- eine grüne Front, die seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gegen ruinöse Zins- und Steuerlasten demonstrierte. Haß gegen die »Judenrepublik« und »das System« brachte die Landwirte zu Tausenden auf die Straße.

Episch breit und mit Genuß am Detail beschreibt Fallada -- und nun, ihm folgend. Monk -- ein Klima dumpfer Staatsverdrossenheit, machtpolitischer Intrigen und Denunziationen, das die Bauern in den blutigen Konflikt mit den Behörden treibt. Viel Schuld daran. suggeriert der Film. tragen bornierte Sozialdemokraten.

Ihr Prototyp ist der Regierungspräsident Temborius. ein autoritärer. dabei erheblich vertrottelter Widerling mit Frack, Stehkragen und Schnarr-Stimme, der nur darauf wartet, die unbotmäßigen Bauern zur Räson zu bringen. Als vor seinem Amtssitz eine Bombe detoniert, läßt er die Altholmer Schupos gegen einen Bauern-Protestmarsch mobil machen und entfesselt so eine Straßenschlacht.

Er bringt damit seiner eigenen Partei eine Schlappe bei: Der Bauernaufstand ist der deutschnationalen »Chronik für Altholm« ein willkommener Anlaß zur Hetze gegen die unliebsamen »Roteif«; die lokalen Partei-Honoratioren zwingen ihren Bürgermeister, einen guten. wenngleich selbstherrlichen Sozi, zum Rücktritt.

So endet Falladas Roman, nicht aber das Fernsehspiel. Monk beschließt sein Langzeit-Werk mit einer Passage, die er selbst erfunden hat: Mit dem Schlachtruf »Nieder mit der Republik« zieht ein Nazi-Trupp durch Altholm.

Der Eingriff bedeutet eine berechtigte Kritik an Falladas sonst »sehr guter Geschichte« (Monk). Bei der Beurteilung der NSDAP, so moniert der Regisseur, sei der Romanautor einer »katastrophalen Fehleinschätzung« erlegen: Im Buch spielen die Nazis kaum eine Rolle. In Wirklichkeit bekamen sie in Schleswig-Holstein schon im Juli 1932 bei den Reichstagswahlen 51 Prozent der Stimmen.

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