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FERNSEHEN Guter Stehplatz

»Fallstudien«. TV-Film von Daniel Christoff (Buch) und Hartmut Griesmayr (Regie). ZDF; Montag, 19. 11., 21.20 Uhr.
Von Peter Stolle
aus DER SPIEGEL 47/1979

Ina, die betuchte grüne Witwe, hat

genug vom luxuriösen Familienmuff. Die Kinder sind ihr eine Last, vom Ehemann und Herrenreiter fühlt sie sich als »Zuchtstute« mißbraucht.

Im Urlaub lernt sie einen flotten Berni lieben. Berni ist zärtlich, aber Zuhälter von Beruf. Ina sieht darin nichts Böses. Zu Hause packt sie erwartungsvoll die Koffer und enteilt in eine bessere Welt, ins Bordell. Dort gurrt sie rasch sehr routiniert ("Magst du gern französisch?") und ist mit ihrem Loddel ziemlich glücklich.

Ina gehört nun zu einer jener »Randgruppen«, die den Fernsehautor Daniel Christoff, 53, schon jahrelang beschäftigen. Er wird in den TV-Anstalten hoch geschätzt, realistische Zeitstücke wie das Trinkerdrama »Rückfälle« haben ihm weithin Respekt verschafft.

Christoff sieht sich als Ideologie-Kritiker, als Anwalt für Minderheiten, der »neuralgische Punkte« der Gesellschaft »sichtbar machen« will. Aufklärung also ist sein Metier, und mit so gutem Vorsatz hat er jetzt dem ZDF ein Fernsehspiel mit dem doppelsinnigen Titel »Fallstudien« geschrieben: Zweieinviertel Stunden widmet sich Mainz der gewerbsmäßigen Unzucht, dem Treiben der Prostituierten Ina, Anita und Monika, Susanne, Lilo und Astrid.

Niemand soll nun einen »Porno- oder Schlüssellochfilm« erwarten. Das ZDF, so versichert die zuständige Redaktion, wolle vor allem »erschüttern«, »menschliches Verständnis wecken« und nachweisen, daß auch Prostituierte »wie normale Menschen empfinden«. Ein begrüßenswertes Programmziel, denn der normale ZDF-Zuschauer meidet die Dirne und lebt folglich in totaler Unkenntnis ihrer Gefühlswelt.

Beabsichtigt ist ferner, Eltern geschlechtsreifer Backfische darüber zu informieren, »wie früh heute die Hinwendung zum Geschlechtlichen vor sich geht«. Diese sexualkundliche Nachricht nämlich hat soeben den menschenfernen Mainzer Lerchenberg erreicht und das erregte Anstaltspersonal zur sofortigen Herstellung der »Fallstudien« angefeuert:

Monika, zum Beispiel, ist erst 15, will aber schon alles über Sex wissen. Das spießig-autoritäre Kleinbürgerheim ist ihr zuwider, sie reißt aus. In einer Kneipe trifft sie den öligen, brutalen Zuhälter Alex, der sie mit lila Reizwäsche ausrüstet, von gewalttätigen Kumpanen »zureiten« läßt und auf den Strich schickt. Alex verschafft ihr einen »guten Stehplatz«? doch neidische Kolleginnen verpetzen die »Kinderritze« bei der Sitte; Monika wird heimgebracht.

Kurz darauf türmt sie erneut. Die Alt-Prostituierte Anita gabelt sie auf. Anita schafft sie fort von den ordinären »Syph-Mösen«? macht sie zum Callgirl und lehrt sie den Umgang mit zahlungskräftigen Freiem: »Jedem sagen, daß er den Größten hat.« Aber der Edelpuff fliegt schnell wieder auf: Das Ekel Alex holt Monika zurück, Anita wird auf einem Güterbahnhof mehrfach vergewaltigt.

Solche Trauerfälle hat das Fernsehen nicht erfunden. Christoff und sein Team haben ausgiebig recherchiert, Dirnen vor Ort befragt, Leidenswege protokolliert. »Wir sind«, sagt ZDF-Redakteur Peter Göbbels, »ziemlich tief in die Materie eingedrungen«; ein »Szenenkenner« hat das Drehbuch gutgeheißen: »Das ist sehr gut und sehr wahr.«

Wirklich? Sie mögen ja alle irgendwo leben: die grausamen Zuhälter, die Feudalnutte Lilo, die als Kind vom Onkel Rudi zum »Hoppe-Hoppe-Reiter«-Spiel verführt wurde und offenbar deshalb auf den Autostrich geht. Und sicher ist auch die Studentin Astrid, die für einen schicken Fummel gern mal » ne Nummer macht«, mitten aus dem Leben gegriffen.

Aber Christoffs Realismus ist, bei aller Detailgenauigkeit, blind gegenüber der Realität, seine Fallstudie nichts als eine oberflächliche, klischeeträchtige Kiez-Revue, in der die Protagonisten knackiges Papierdeutsch reden, einstudierten Puffjargon.

Interesse oder gar Mitgefühl werden diese synthetischen Jammergestalten beim TV-Publikum kaum wecken.

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