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SCHÜLER / SPICKOLOGIE Hält beweglich

aus DER SPIEGEL 48/1967

Zwar sei sein Werk »jugendgefährdend«, gibt Autor Hermann Schiefer zu, aber dennoch sei es »wichtiger als jedes Mathematik-, Englisch-, Französisch-, Latein-, Erdkunde- oder Grammatikbuch«.

Zumindest Schüler werden ihm zustimmen. Das wichtige Werk trägt den Titel »Wer abschreibt« kriegt »ne 5!« und bietet auf 72 Seiten, von dem Karikaturisten Kurt Halbritter illustriert, Theorie und praktische Anleitung »zum Schummeln in der Schule"*.

Autor Schiefer weiß, wovon er spricht: Er ist Lehrer -- wo, will er nicht verraten, und »Schiefer« ist auch nur ein Pseudonym. Nachsichtig-gelangweilt erwähnt er zunächst die »Primitivmethoden« des Schummelns, Pfuschens oder Spickens wie das Beschriften von Heftdeckeln, den Gebrauch von »Schlauch« und »Kegel« (Übersetzungen und Wörterbücher in Miniaturformat) oder die Verwendung simpler, törichterweise etwa in Federmappen versteckter Spickzettel.

Wenn zu befürchten sei, daß der Lehrer vor der Klassenarbeit die

* Hermann Schiefer/Kurt Halbritter: »Wer abschreibt, kriegt 'ne 5!« Verlag Bärmeier & Nikel; 72 Seiten: 8,80 Mark.

Lexika einsammele, so Schiefer, empfehle sich, zwei Wörterbücher mitzubringen -- eins zum Abgeben, eins zum Spicken.

Lobend erinnert Lehrer Schiefer an das Beispiel, das einst der junge Bertolt Brecht gab: In einer schlecht zensierten Französisch-Arbeit strich der Schüler B. B. nachträglich richtige Wörter rot an und beschwerte sich wegen ungerechter Beurteilung. Der Lehrer verbesserte seine Note, und Brechts Versetzung war gesichert.

Schiefer: »Richtiges »faires' Spicken aber ist Sport ... Ein Geheimnis erfolgreichen Spickens Ist der ständige Wechsel der Methoden. Er hält dich beweglich, kräftigt die Phantasie und erschwert dem Lehrer das Aufspüren.«

Genüßlich beschreibt der Pädagoge raffiniertere Methoden, wie das Beschriften von gespaltenen Bleistiften, das Verstecken von Spickzetteln hinter Uhrengläsern oder an der Innenseite von Brillenbügeln. Er erwähnt den Ruckzuckspicker (Pappstück an einem Gummizug unter dem Jackett), Morsen mittels Husten oder Schneuzen, die Apfelmethode, beschriftete Taschentücher, Kurzwellenfunk, die Kurbel, das Skelett an der Decke, die »dreifach wirksame Lederhose« (bespickbar sind Brustschild der Hosenträger, Oberschenkel und Randumschlag) und Geheimtinten.

Als wirksamstes Spick-Mittel empfiehlt Schiefer jedoch »Abwehrspionage": die Vorausberechnung der Lehrer-Reaktionen. Für die Mittelstufe schlägt er Ablenkung der Lehrer-Aufmerksamkeit durch Maikäfer oder Mäuse vor; der Oberstufe rät er, so plump zu spicken, daß der Lehrer das Heft einzieht und die Arbeit nicht wertet, was einer »ehrlich erworbenen Fünf« gewiß vorzuziehen sei.

Höhere Intelligenz erfordern die Ausspähung der Klassenarbeitsthemen aus den letzten Jahren (regelmäßige Thema-Wiederholungen sind wahrscheinlich) und Wortfeldforschungen in den Stunden vor einer Klassenarbeit -- aus den am häufigsten vorkommenden Wörtern ist das künftige Klassenarbeitsthema zu ermitteln.

Für sein »Schmunzel-Buch« vom Schummeln in der Schule hat Schiefer zwei Vorworte verfaßt: eins für Lehrer ("Bitte vor dem Verschenken für Schüler heraustrennen!"), eins für Schüler ("Vorm Verschenken dieses Buches an Lehrer bitte heraustrennen!").

Im Schüler-Vorwort empfiehlt Schiefer: »Erkläre dem Lehrer, daß es in unserer Zeit die Aufgabe von Computern sei, Wissen zu speichern, nicht die von Schülern.«

Im Lehrer-Vorwort behauptet der Spickologe, er habe die gängigen Spick-Methoden nur deshalb dargestellt, um die Kollegen mit Waffen für »den Guerillakampf mit unerlaubten Hilfsmitteln« zu versorgen.

Schiefer: »Ein beliebter Schülereinwand ... ist der Hinweis, zur Speicherung von Wissen seien Computer da, nicht Schülerhirne. Frage zum Mundstopfen: Wer hat schon immer einen Computer bei sich?«

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