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MALEREI / TADEUSZ Händchen fürs Schöne

aus DER SPIEGEL 29/1967

Im Vorsemester hatte der Kunststudent Ärger Beim Aktzeichnen wußte er die gewünschten abstrakten Linear-Strukturen nicht zu entdecken -»Ich konnte nur den Akt sehen.«

Dasselbe Motiv sieht Norbert Tadeusz, 27, Immer noch. Seine jüngste Jahresproduktion, 15 jetzt in der Düsseldorfer Galerie Gunar ausgestellte Gemälde, zeigt ausnahmslos weibliche Figuren -- zuweilen bekleidet oder in exakt verrutschten Dessous, doch meistens nackt.

Die bloßen Frauenbilder malt Tadeusz ("Männliche Figuren interessieren mich überhaupt nicht") in trockener Manier, mit eckigen Konturen, aber in einem leuchtenden Kolorit, das von dem Postimpressionisten Bonnard oder dem Fauvisten van Dongen stammen könnte; oft räkeln sich die Damen auf einer zinnoberroten Liege, wie sie der Künstler zu Hause hat.

Die irisierenden oder kontrastgrellen Leiber placiert der Fauve der Pop-Zeit freilich einzeln in geometrisch verfremdete Räume: Diagonalen suggerieren

eine übertriebene Perspektive, riesige Fensterkreuze werfen verwirrende Schatten.

Die erotisch-konstruktive Malerei wird jetzt in Düsseldorf zu Preisen zwischen 900 und 4300 Mark (für das 195 mal 145 Zentimeter große Bild »Spindel") angeboten -- rund ein Drittel teurer als bei der ersten Tadeusz-Einzelausstellung vor einem Jahr.

Denn seither ist der Künstler zu Renommee gelangt: Er war bei sechs Ausstellungen vertreten, darunter der in der Tschechoslowakei gezeigten »Kunst der Bundesrepublik Deutschland«; Tadeusz-Werke wurden von Privatsammlern gekauft, aber auch von der Städtischen Kunstgalerie Bochum und dem Dortmunder Museum am Ostwall.

So kam der Dortmunder Kürschnersohn, dessen Großvater aus Polen zugewandert war, an einem Platz zu Ehren, den er früher »stinklangweilig« fand -- dem Gymnasiasten widerstrebte der Besuch von Museen ebenso wie der Zeichenunterricht in der Schule. Lediglich ein Kunsterzieher aus dem Erzgebirge vermochte Tadeusz für die Produktion von Räuchermännchen zu interessieren.

Die übrige Bildnerarbeit des Knaben fand unter der Schulbank statt: Aus dicken Knüppeln schnitzte er meist Längliches ("Das paßte so in den Ast")

Schwerter, Schlangen, Krokodile und Giraffen.

Derart abgelenkt, mußte der ehrgeizige Schnitzer ("Natürlich wollte ich auch nach Oberammergau") mit 14 das Gymnasium verlassen. Da er »schon wußte, daß man mit Kunst kein Geld verdient«, absolvierte er zunächst eine Dekorateurlehre, übte freilich abends in der Volkshochschule Aktzeichnen.

Die Abend-Übung machte Tadeusz 1959 dann doch zum Tagewerk: Er besuchte die Dortmunder Werkkunstschule und anschließend (bis 1966) die Kunstakademie in Düsseldorf. Nach Anfangs-Schwierigkeiten fand er in dem Happenisten Joseph Beuys einen toleranten Lehrer.

Beuys ließ den Schüler einen eigenen Stil entwickeln und diskutierte mit ihm »über den Menschen« (Tadeusz) sowie über Bilder -- der Maler lernte den deutschen Barockmeister Georg Flegel, den Schweizer Symbolisten Giovanni Segantini und den Amerikaner Edward Hopper (1882 bis 1967) schätzen. Tadeusz über Hopper: »Ich habe zwar noch nie ein Original gesehen, aber mir gefällt das ganz gut.«

Den kühlen, giftfarbenen Realismus des Amerikaners nutzte Tadeusz ("Ich habe ein Händchen dafür, was schön zu machen"), um allzu Gefälliges zu meiden. Meist malt er vier oder fünf Schichten übereinander, bis das Bild so unfreundlich wirkt wie bei Hopper.

Um dekorativen Manieren auszuweichen, will der Maler sich auch den regelmäßigen Gebrauch roter Farbeffekte abgewöhnen -- die Hindernisse hält er für überwindbar. »Nun habe ich zwar im Atelier die rote Liege«, sagt Tadeusz, »ich will mir aber auch mal eine braune zulegen.«

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