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ZEITGESCHICHTE »Hände wie Zangen«

Obgleich als Fälschung längst entlarvt, geistern »Die Protokolle der Weisen von Zion« weiter durch die Welt. Ein neues Buch verfolgt die Spuren des antisemitischen Machwerks, die bis zum zaristischen Geheimdienst in das 19. Jahrhundert zurückführen. Von Rolf Rietzler
aus DER SPIEGEL 19/1998

Sie nannten sich »die Weisen von Zion« und wollten die ganze Welt beherrschen. Ein Jahrhundert ist es her, daß sie sich heimlich zusammengefunden und sich zu ihrem finsteren Vorhaben verschworen haben sollen. Den Fahrplan zur »jüdischen Weltherrschaft« fixierten sie schriftlich.

In 24 »Protokollen« ist ihr Programm festgehalten. Grundlagen, Strategie, angestrebtes Ziel: Was ist schon erreicht? Was bleibt zu tun? Wie sieht es aus, wenn es vollbracht?

Stolz verkünden die Ränkeschmiede: »Nur noch wenige Schritte trennen uns von unserem Ziel.« Mit der Französischen Revolution sei es bereits gelungen, »alle Grundlagen der nichtjüdischen Staaten zu zerstören«. Der Liberalismus habe die traditionelle Gesellschaft unterminiert. Für »die Weisen« sind die Ideale von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« nichts anderes als Lügenmärchen für den Pöbel.

»Die Presse ist bereits in unseren Händen.« Mit ihrer Hilfe habe man Wirtschaftskrisen entfesselt und die christlichen Staaten dazu verführt, sich mit Anleihen hoch zu verschulden. Jetzt erdrücke diese die Last der Zinsen. Triumph spricht aus den Zeilen: »In unseren Händen befindet sich die größte Macht unserer Tage - das Gold.« Und: »Wir sind heute als eine internationale Macht unbesiegbar.« Denn das Kapital regiere die Welt. »Unsere Losung ist Gewalt und Täuschung.«

Die ahnungslosen Gojim sollten sich in Sicherheit wiegen, doch hinter den Kulissen gelte die Devise: Manipulieren und zersetzen. Das Chaos müsse geschürt werden. »In unseren Diensten stehen Reaktionäre, Monarchisten, Demagogen, Sozialisten, Kommunisten und Träumer aller Art.« Die Arbeiter werden aufgehetzt und die Lebenshaltungskosten nach oben getrieben, »ungeheure Monopole« errichtet, Spekulationsgeschäfte angekurbelt, Kriege entfacht. Ein Diktator wird »seine Hände wie Zangen ausstrecken«.

Alle Laster werden gefördert, speziell Alkoholismus und Prostitution, alle Instrumente der Kujonierung genutzt: Hunger, Not, Zwietracht, Seuchen. »Wir sind die Wölfe, die Gojim eine Schafherde.«

Regte sich Widerstand, so sind die Verschwörer auch darauf vorbereitet: Die nach ihren Plänen erbauten Untergrundbahnen erlaubten es ihnen, notfalls von dieser unterirdischen Basis aus zu operieren und ganze Metropolen mit all ihren Feinden in die Luft zu sprengen.

Am Ziel, so die »Protokolle«, wartet das »messianische Zeitalter«. Dann sei alles gut: auf dem Thron ein Fürst aus dem Geschlecht David, die Juden, wie von Gott versprochen, die Herren der Welt. Ihnen unterworfen all die anderen: streng gehaltene Sklaven, unentwegt bespitzelt. Ohne Rechte, aber auch ohne Sorgen. Denn alle Völker der Erde sind dann glücklich, so gut von einem »obersten Weltherrscher mit beispielloser Untadeligkeit« regiert zu werden.

Dieser Entwurf eines totalitären Utopia, zusammengerührt aus Vorurteilen, dumpfen Ängsten, Beglückungsterror und gängigen Verschwörungstheorien, ist die Bibel der Antisemiten in aller Welt. In dem Horrorszenario sind, so behaupten sie, Wort für Wort die finsteren Machenschaften nachzulesen, mit denen die Juden den Lauf der Welt bestimmten. Was sich hier in seiner ganzen Perfidie enthülle, das sei nicht böswillige Propaganda über die Juden, nein, das stamme ja von den Juden selbst. Und man könne von Glück reden, daß die »Protokolle« publik geworden seien.

»Die jüdische Weltverschwörung« - ein Hirngespinst, das in diesem Jahrhundert für beispielloses Unheil gesorgt hat. Und noch heute sind überall, wo Simplifikateure und Demagogen die Welt gern aus einem Punkt erklären, »die Protokolle« dieser sonderbaren »Weisen von Zion« in aller Regel nicht weit. Mit ihnen wollen ihre Verbreiter Kriege, Revolutionen, Börsenkräche, Flugzeugabstürze, Ausländerkriminalität, Kindsmißbrauch, Mietwucher, Parkplatznot, verschossene Elfmeter und verregnete Urlaubstage erklären.

Den Nazis dienten sie zur Legitimierung ihrer Rassenideologie. Für den Jahrhundertverbrecher Hitler waren sie, wie der Religionshistoriker Norman Cohn schrieb, »eine Art Freibrief für den Völkermord an den europäischen Juden«.

Der Schlüsseltext des NS-Rassenwahns darf in Deutschland seit langem offiziell nicht verbreitet werden. Aber auch hier geistert er immer noch herum, und das nicht nur im Ungefähren vieler Stammtischhirne. Vor allem kursiert das Machwerk in Alt- und Neonazi-Kreisen. Neuerdings taucht es auch im World Wide Web auf, wo Netzadressen wie »Jew-Watchers«, »White Aryan« oder »Winds« Gesinnungsfreunde und Neugierige mit rechtsradikalen Propagandamaterialien füttern. »Radio Islam« bietet die »Protokolle«, mit Hetzparolen garniert, auf Maus-Klick in zehn Sprachen an, inklusive Deutsch.

Wann die Fälschung ihre endgültige Fassung erfuhr, läßt sich heute nicht mehr ganz exakt bestimmen. Die historischen Indizien mit der größten Plausibilität verweisen auf die letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts und den Schauplatz im Paris der Belle Époque.

Es war die Fälscherwerkstatt des zaristischen Geheimdienstes, der gefürchteten Ochrana, in der das explosive Gemisch zusammengebraut wurde - zunächst allem Anschein nach in mehreren Varianten und nur für den internen Dienstgebrauch. Pjotr Ratschkowski, Europa-Chef der Ochrana mit Sitz in Paris, ließ damals seine Agenten in allen Ländern Informationen sammeln, Intrigen anzetteln, Anschläge vorbereiten und Bomben zünden.

Wie eine Spinne im Netz kontrollierte der umtriebige Geheimdienstchef die bunte Szene der russischen Emigranten im Paris vor der Jahrhundertwende, wie geschaffen für Intrigen und Machenschaften. Ratschkowski lancierte ein gefälschtes Dokument nach dem anderen gegen die Juden oder politische Gegner.

Henri Bint, einer seiner Mitarbeiter, gab 20 Jahre später zu Protokoll, sein Kollege Matwej Golowinski habe im Auftrag Ratschkowskis die Rohfassung der »Protokolle der Weisen von Zion« in der Pariser Nationalbibliothek erstellt. Mit eigenen Augen habe er das auf Französisch in unterschiedlichen Handschriften abgefaßte Exemplar gesehen. Besonderes Kennzeichen: ein blauer Tintenklecks auf Seite eins.

Elaborate gegen die Juden waren damals in beiden Ländern bei vielen willkommen. Vorbilder gab es zuhauf, die antisemitischen Ideen hatten in ganz Europa Konjunktur. Die alten Mythen einer jüdischen Verschwörung gegen den Rest der Welt waberten schon lange durch die Salons, in denen gegen Fortschritt, Liberalisierung und soziale Reformen polemisiert wurde. Der Schwindel blühte. Greuelmärchen verwandelten sich in Manifeste einer Verschwörung. In Büchern und Zeitschriften wurden die antisemitischen Wahnideen für das politische Tagesgeschehen zugespitzt.

Sie bereiteten den Weg auch für die Dreyfus-Affäre, die Armee, Klerus und Royalisten in Frankreich zu einer Kampagne gegen die kleine jüdische Minderheit nutzten. Aufgrund gezinkter Dokumente wurde der jüdische

Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 als Landesverräter verurteilt. Als am 5. Januar 1895 dem später rehabilitierten Offizier in einer öffentlichen Schauveranstaltung die Rangabzeichen abgerissen und der Degen zerbrochen wurde, johlte die Menge »Tod den Juden!«

Die »Judenfrage« wurde damals in ganz Europa gestellt, auch von einem Teil der Juden selbst, die das Klischee der Antisemiten übernahmen. Angeführt von dem Journalisten Theodor Herzl, gewann die zionistische Bewegung Anhänger. Ihr Ziel war, »dem jüdischen Volk eine rechtlich gesicherte Heimstatt in Palästina« zu geben. Die große Mehrheit der westeuropäischen Juden allerdings hielt Herzl für einen Spinner, der ihre Assimilation gefährdete. Immerhin kamen zu dem ersten Zionisten-Kongreß, im August 1897 im schweizerischen Basel, 208 Delegierte aus 16 Ländern.

Viele Zionismus-Anhänger stammten aus Rußland, wo die Juden weder Emanzipation noch Assimilation kannten, Pogrome fast zum Alltag gehörten. Hier wurden die »Protokolle« erstmals öffentlich genutzt. Zunächst 1903 als Fortsetzungsserie in einer Zeitung der rechtsextremen Terrororganisation »Schwarze Hundertschaften«. Ab 1905 erschien das antisemitische Pamphlet in dem von revolutionären Unruhen, Hungersnöten, Massakern und Attentaten geschüttelten Land in mehreren Buchausgaben. Eine davon brachte der religiöse Fanatiker Sergej Nilus heraus, um dessen Person und Wirken sich bis heute eine Vielzahl widersprüchlicher Legenden ranken.

Am Zarenhof, wo Okkultisten und Sektierer um Einfluß buhlten, sah man derlei Hetzschriften mit Wohlwollen. Auch Zar Nikolaus II., ein Zauderer, unfähig zu überfälligen Reformen, zeigte sich zunächst begeistert. Nach einer offiziellen Prüfung, die den Echtheitsbeweis schuldig blieb, vermerkte er allerdings in einer Randnotiz: »Protokolle fallenlassen. Man kann nicht mit schmutzigen Methoden einen edlen Zweck verfolgen.«

So richtig populär wurde das Schmutzwerk erst, als mit der Oktoberrevolution eine neue Zeitrechnung begann. Nach dem Massaker an der Zarenfamilie im Sommer 1918 wurde in Rußland kolportiert, die Zarin habe bei ihrem Tod drei Bücher als Vermächtnis zurückgelassen: neben Tolstois »Krieg und Frieden« und der Bibel auch »Die Protokolle der Weisen von Zion« in einer Ausgabe von Sergej Nilus.

Wer wollte, sah darin ein Zeichen: Offenbar waren die Juden für den Untergang des russischen Herrschergeschlechts verantwortlich. Die »Protokolle« gehörten jedenfalls im russischen Bürgerkrieg jener Jahre quasi zur Ausrüstung der Weißen Armee. Abertausende von Juden fielen damals dem antisemitischen Furor zum Opfer.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg erschien das Lügengespinst auch im Westen. Die von der Russen-Revolution freigesetzten Schreckensvisionen gaben abstrusen Erklärungsmodellen ein bereitwilliges Echo.

»Sind sie echt?« fragte die ehrwürdige »Times« besorgt, als sie im Mai 1920 die »Protokolle« in einer Artikelserie abdruckte. »Wenn ja, welche bösartige Versammlung hat diese Pläne ausgeheckt?« Andere Zeitungen brachten den Text ganz ohne irgendwelche Fragezeichen.

Das änderte sich, zumindest in England, als die »Times« ein gutes Jahr später eine Klarstellung brachte: einwandfrei gefälscht, zum Teil ein verfremdetes Plagiat. Zwei Fünftel der »Protokolle« gingen auf eine Streitschrift zurück, die 1864 in Brüssel erschienen war. Damals hatte Maurice Joly eine Polemik gegen Napoleon III. verfaßt. Titel: »Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu«.

Der Verbreitung in Amerika war diese Entdeckung nicht hinderlich. Dafür sorgte vor allem Henry Ford, der Autokönig. Unaufhörlich warnte er in seiner eigenen Zeitung und in Büchern vor der »jüdischen Weltverschwörung«. Erst als die Boykottaufrufe der amerikanischen Juden seine Wagen in einen Absatzstau manövrierten, ließ sich der Judenhasser bremsen. Endgültig zum Halten gezwungen wurde er schließlich von einem Gerichtsurteil im Jahre 1927: Er mußte sich entschuldigen und nahm offiziell seine antisemitischen Publikationen zurück.

In Deutschland hatte Fords Buch mit dem Titel »Der internationale Jude« 1921 große Resonanz gefunden. Unentwegt hetzten hier die Rechten und Rechtsradikalen zu dieser Zeit schon gegen die junge Weimarer Republik - »die Judenrepublik«. Die Großmacht-Träume waren nach der Niederlage im Weltkrieg in Enttäuschung und Frustration umgeschlagen. Dabei sei man doch, wie die Generäle weismachten, »im Felde unbesiegt« geblieben.

Und an allem sollten die Juden schuld sein: an der Novemberrevolution, am Versailler »Schandvertrag«, den parlamentarischen »Schwatzbuden«, der Demokratie. »Der Bolschewismus ist der neueste Trumpf der Juden«, stand auf den Plakaten, die vor der »jüdischen Gewaltherrschaft« warnten.

Von den »Protokollen« erschienen gleich mehrere Ausgaben, die großen Absatz fanden. Mal wurden sie als geheime Aufzeichnungen vom ersten Zionisten-Kongreß in Basel angepriesen, mal waren sie aus der Schatulle eines hohen französischen Freimaurers entwendet, mal wurde behauptet, die Urfassung sei hebräisch, dann soll sie wieder russisch gewesen sein. Jedenfalls,

* An Bord des russischen Schiffes »Imperator Nikolaus II.« bei der Überfahrt von Konstantinopel nach Palästina.

so hieß es, beweise doch die Malaise der Realität ihre Authentizität.

Den Deklassierten erklärten die »Protokolle« ihren Abstieg. Selbst Wirrkopf Wilhelm II., der ins Holländische ausgemusterte letzte deutsche Kaiser, zog sie heran, als er seine veränderte Welt verstehen wollte.

Auch die jungen Männer, die am 24. Juni 1922 den deutschen Außenminister Walther Rathenau in Berlin ermordeten, beriefen sich auf die »Protokolle«. Ihr Anführer Erwin Kern hatte sein Opfer beschuldigt, »als einer der Weisen von Zion die Ziele des internationalen Judentums« zu verfolgen. Alle an dem Attentat Beteiligten standen rechtsradikalen Organisationen nahe, die mit dem Schlachtruf auf die Straße gingen: »Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!«

Damals eiferte und hetzte auch Hitler schon gegen das Judentum. Das Stereotyp vom jüdischen Komplott gegen die Deutschen und die ganze arische Rasse fehlte in keiner seiner Reden, die ihn zum bayerischen Volkstribun machten.

Als er in seiner Landsberger Luxushaft 1924 das Buch »Mein Kampf« schrieb, füllte er nicht nur eine Vielzahl der Seiten mit abstrusen Vorwürfen und maßlosen Attacken gegen die Juden, denen das genaue Studium der »Protokolle« deutlich anzumerken ist. Er ging auch ganz direkt auf sie ein: »Sie sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die ,Frankfurter Zeitung'' in die Welt hinaus, der beste Beweis, daß sie echt sind. Es ist ganz gleich, aus wessen Judenkopf diese Enthüllungen stammen, maßgebend ist, daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken.«

Viel spricht für das, was Hermann Rauschning in seinem Buch »Gespräche mit Hitler« behauptet: Der Diktator habe sich bei einem Teil seiner Methoden von den »Protokollen« inspirieren lassen.

Am 27. Februar 1925 rief Hitler im Münchner Bürgerbräukeller seinen Anhängern zu: »Kampf der Teufelsmacht, die Deutschland in dieses Elend gestürzt! Kampf dem Marxismus sowie dem geistigen Träger dieser Weltpest und Seuche, dem Juden!«

Zeitlebens blieben die »Protokolle« im Zentrum von Hitlers Wahn - die angeblichen Weltherrschaftspläne der Juden dienten ihm immer wieder zur Rechtfertigung seiner Gewaltorgien: Weil die Juden Deutschland den Krieg erklärt hätten, sei er zur Gegenwehr gezwungen.

Noch im Angesicht seines Endes im Berliner Führerbunker diktierte er als seinen Letzten Willen: »Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum.«

Hitlers Reich des Bösen wurde 1945 von den Alliierten besiegt, die Juden haben seit 1948 mit Israel einen eigenen Staat. Aber der Wahn von der »jüdischen Weltverschwörung« behauptete sich weiter. Islamische Staatsmänner glauben bis heute an die Echtheit der »Protokolle« oder tun zumindest so. Junge Terroristen, die als Selbstmord-Attentäter ihr Leben gegen Israel einzusetzen bereit sind, werden mit den gefälschten »Weisheiten« aus den »Protokollen« geimpft.

In der Sowjetunion wie in Polen gehörten sie zur Propaganda gegen die angeblich finsteren Machenschaften der Zionisten in Israel und den USA. Seit 1990 dienen sie den russischen Nationalisten dazu, den Juden die Schuld am Niedergang des Landes anzuhängen. Heute gibt es in Rußland diverse Neuauflagen. Letztes Jahr verkauften Antisemiten das Machwerk in Moskau sogar ganz ungeniert am 9. Mai, dem »Tag des Sieges« über Nazi-Deutschland. Zuvor hatte ein Moskauer Gericht entschieden, gegen eine Veröffentlichung sei nichts einzuwenden: Ob der Plan der Juden, die ganze Welt zu beherrschen, tatsächlich eine Fälschung sei, wer wisse das schon so genau.

Die Geschichte der antisemitischen Propagandalüge will nicht enden: Neuerscheinungen in Großbritannien, Italien, Australien, Argentinien und Kroatien. In Frankreich liegen sie seit den Erfolgen des Front National wieder an den Zeitungskiosken. In den USA sind seit 1990 über 30 Neuauflagen erschienen. Schwarzen-Führer Louis Farrakhan läßt sie von seiner »Nation of Islam« verbreiten.

In Deutschland sind die rechtsradikalen Parteipolitiker vorsichtig geworden. Die »National-Zeitung« schreibt von der »sogenannten westlichen Wertegemeinschaft«, wenn sie geheimnisvolle Kräfte meint, bei denen die Fäden der Weltpolitik zusammenliefen. In der NPD wird vom »internationalen Kapital« oder der »Finanzplutokratie« gefaselt. Dafür berufen sich auflagenstarke Esoterik-Bücher über »Geheimgesellschaften im 20. Jahrhundert« ganz offen auf die »Protokolle der Weisen von Zion«. In einem Sud aus schwarzer Magie und Nazi-Wahn machen sie mit ihrer angeblich »neuen Sicht der Welt« mal wieder die Juden für alle Übel verantwortlich.

Von einem merkwürdigen Respekt, den das Machwerk im Fernen Osten genießt, weiß die Buchautorin Hadassa Ben-Itto zu berichten: Bei einem Besuch einer japanischen Gruppe von Geschäftsleuten und Wissenschaftlern in Israel überreichte der Delegationsleiter eine Luxusausgabe der »Protokolle« als Gastgeschenk. Den peinlich berührten Gastgebern erklärte er, dies sei ein Zeichen der Bewunderung für die Juden, »weil sie den in dem Buch dargelegten anspruchsvollen Plan mit so großem Erfolg in die Tat umsetzten«.

* Hier: französisch, portugiesisch, deutsch.* An Bord des russischen Schiffes »Imperator Nikolaus II.« beider Überfahrt von Konstantinopel nach Palästina.

Rolf Rietzler
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