Zur Ausgabe
Artikel 49 / 68

FILM Hai Noon

Ein Film über einen mörderischen Hai bricht derzeit in den USA die Kassenrekorde des »Paten« und des »Exorzisten«.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Über 15 Millionen Amerikaner ließen sich in den vergangenen vier Wochen von einem Fisch ins Kino locken.

Das Wundertier, ein 7,5 Meter langer und 1,5 Tonnen schwerer Hai, gebaut aus Stahl und Plastik, agiert als Star eines neuen Hollywood-Films, dessen Kassenerfolg beispiellos ist: »Jaws« (Der Rachen).

Das Acht-Millionen-Dollar-Spektakel über den Mordsfisch, der verheerend in eine sommerliche Badestrand-Idylle einbricht, hat in den ersten 22 Tagen seit der Premiere in den US-Kinos 49,5 Millionen Dollar eingespielt -- dagegen verblaßt sogar der Erfolg des »Exorzisten«, der nach einem Jahr auf 66,3 Millionen Dollar gekommen war. »Jaws«, der im Dezember auch in deutschen Kinos starten soll, wird nach den Hochrechnungen seiner Produzenten bis zum Jahresende in den USA etwa 160 Millionen Dollar erbracht und damit auch den bislang führenden Film-Hit, den »Paten«, überrundet haben.

An Grusel-Effekten und an Blutrünstigkeit steht der Raubfisch-Thriller dem Mafia-Reißer und dem Okkult-Schocker nicht nach. »Jaws« beginnt mit einer virtuos aus Unter- und Überwasseraufnahmen montierten Sequenz vom nächtlichen, verzweifelten Kampf einer nackten Schwimmerin gegen den zuschnappenden Riesenhai. Die gräßlichste seiner Horrorszenen beschließt den Film: Der Hai frißt mit Haut und Haar einen Mann, dem in Großaufnahme Blut aus Ohren, Mund und Nase rinnt.

Textvorlage für »Jaws« war der gleichnamige Bestseller-Roman von Peter Benchley, der in den USA eine Auflage von fünfeinhalb Millionen Exemplaren erreichte; die deutsche Ullstein-Ausgabe ("Der weiße Hai") war weniger erfolgreich. Inszeniert wurde der Film von dem amerikanischen Ex-Fernsehregisseur Steven Spielberg, 27. Wie die meisten neueren Hollywood-Filme ist auch »Jaws« ein clever modernisiertes Remake erprobter Kino-Muster. Im technisch perfektionierten, optisch brillanten Trivialfilm-Stil wird eine simple Action- und Greuelstory erzählt -- handfeste Moral wird beiläufig mitgeliefert.

So bezeichnet Spielberg seinen mörderischen Monsterhai, der wie ein U-Boot vor der schönen, friedlichen Küste Neuenglands kreuzt. ironisch als »Volksfeind«. An Watergate. sagt der Regisseur, erinnere ihn der Film-Schauplatz: Der von stupiden Touristen bevölkerte Badeort wird von geldgierigen Geschäftsleuten und einem korrupten Bürgermeister beherrscht, die erst nach etlichen Hai-Toten die Strände sperren und die Badenden warnen lassen.

Einer der schockierendsten Unglücksfälle -- ein kleiner Junge, der auf einer Luftmatratze ins Meer hinaustreibt. wird vor den Augen seiner Mutter vom Hai verschlungen -- ereignet sich ausgerechnet am 4. Juli, dem US-Nationalfeiertag.

Im übrigen führt der Natur, Technik und Kampf verherrlichende Spielberg, der als Einsiedler in den Hügeln von Hollywood lebt und von der Filmindustrie als »Genie« gefeiert wird. seinem »amerikanischen Volk« ein »Lehrstück vom Überleben« vor,

»Amity«, Freundschaft. heißt Spielbergs Film-Ferienort, in dem, umgeben von Lug und Trug und nach viel blutigeren Verstümmelungs- und Zerfleischungs-Terror, sich endlich -- Hai Noon! -- drei Supermänner zum Kampf gegen den tierischen Killer zusammenfinden. Mit einem altertümlichen Fischkutter stechen sie in See, um den Hai, wie weiland Käptn Ahab seinen Moby Dick, mit Harpunen zu erlegen.

Das Kommando führt ein alter Ex-Marineoffizier, der sich schon seit langem dafür rächen will, daß im Zweiten Weltkrieg Haie die Mannschaft seines gesunkenen Kreuzers angegriffen haben. Mit von der Partie sind ein von purer Neugier und Abenteuerlust getriebener Naturwissenschaftler und ein properer Polizeibeamter, der Frau und Sohn zurückläßt und sich dem Untier stellt, um ein Ideal zu verteidigen: Er hat seine Karriere aufgegeben, ist in das Provinznest umgesiedelt, um den »Ängsten, Unsicherheiten, Überfällen, Luft- und Umweltverschmutzungen« New Yorks zu entkommen.

Spielbergs »Jaws« ist der -- möglicherweise nur vorläufige -- Höhepunkt jenes neuen amerikanischen Angst- und Terrorkinos, das mit dem »Exorzisten« begann und dann solche Produkte hervorbrachte wie »Ein Mann sieht rot«, »Erdbeben« und »Flammendes Inferno So raffiniert wie »Jaws hat keiner dieser Filme die Nerven und Emotionen der Zuschauer zu manipulieren vermocht -- in einem Wechselbad von Hypnose und Hysterie.

Spielberg habe, so schrieb die Kritikerin Molly Haskell, eine

»Schreckensmaschine konstruiert«, die »mit Computer-Präzision« arbeitet: »Man fühlt sich wie eine Ratte, die einer Schockbehandlung ausgesetzt ist.« Der Film nehme den Zuschauer mit einer mechanischen Kälte gefangen, urteilte die »New York Times«, die »menschliches Reagieren« fast unmöglich mache: Man sei nur froh, »daß es denen auf der Leinwand passiert und nicht uns«.

Ungewöhnlich forsch ging der Verleih vor, als er »Jaws« in 409 US-Kinos boxte: Viele mußten buchen, ohne den Film zu kennen -- und die Verleihmieten liegen weit über dem Üblichen.

Mit seinem Profit-Hai hat sich der um die Zukunft des »guten, aufrechten, starken Amerika« besorgte Regisseur die Möglichkeit zur Realisierung seines Traumobjekts verdient: Steven Spielberg dreht nun einen Science-fiction-Film über »den Amerikaner auf der Suche nach seinem verlorenen Verstand«.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.