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DRAMATIKER Hai-Society

»Prawda«, eine britische Komödie über einen Presse-Tycoon, hat in Hamburg Premiere. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Zeitungen liest er nicht, die besitzt er. Sowie sich eine Gelegenheit bietet, kauft er sie auf, und sei''s nur, um sie zu schließen und sich so die Konkurrenz vom Halse zu schaffen: von der Regenbogenpostille über die Provinzzeitung bis _(Mit Andreas Krämer, Hermann Lause, ) _(Martin Pawlowsky, Hans-Joachim Millies. )

zum Flaggschiff des Establishments, hier »The Victory« genannt.

Zeitungen sind für ihn ohnehin alle gleich, er beurteilt sie nach einem einzigen Maßstab: »Warum sich bemühen gute Zeitungen zu machen, wenn sich schlechte doch so viel leichter produzieren lassen? Außerdem bringen sie mehr Geld.« Journalisten, die anders denken, feuert er gleich dutzendweise.

Wie ein Geier hat sich Lambert Le Roux, Finanztycoon aus Südafrika mit frühkapitalistischem Geschäftsgebaren und erzreaktionären (Pro-Apartheid) Ansichten, auf Englands Presselandschaft gestürzt. Fleet Street betrachtet er als sein ureigenes Jagdrevier, die Presse wird ihm zum Instrument persönlicher Macht. Widerstände muß er dabei kaum fürchten, und er weiß auch, warum: »In England versteht ihr nicht zu kämpfen, weil ihr nicht wißt, woran ihr glauben sollt.« Le Roux hat damit keine Probleme: Er glaubt fest an die Macht, insbesondere die der harten Währung.

In dem skrupellosen Zeitungszaren aus »Prawda«, einer »Fleet-Street-Komödie« von Howard Brenton und David Hare, die in dieser Woche am Hamburger Schauspielhaus ihre deutsche Erstaufführung erlebt, ließen sich für das Londoner Publikum ohne Mühe Züge des australischen Großverlegers Rupert Murdoch erkennen. Der hatte, durch Übernahme mehrerer Blätter, vor einigen Jahren den amerikanischen und englischen Pressemarkt in Aufruhr versetzt. In Großbritannien besitzt er inzwischen vier Zeitungen, seine spektakulärste Akquisition war die der altehrwürdigen »Times«. Nach dem Umzug in ein hochtechnisiertes, festungsartig bewachtes Gebäude an der Themse entließ er 5700 Druckereiarbeiter - mit Hilfe der von der Thatcher-Regierung verabschiedeten Gewerkschaftsgesetze.

Schon um der Gefahr einer Verleumdungsklage zu entgehen, vermieden die »Prawda«-Autoren den allzu eindeutigen Bezug auf Murdoch. Mehrere Fleetstreet-Barone, hieß es, hätten zu ihrem Portrait eines rücksichtslosen Zeitungsbesitzers beigetragen. Ohnehin gilt ihr komödiantisch verpackter Zorn nicht nur ihm, sondern ebenso den - mit Haut und Haaren gekauften - Journalisten.

Bis auf wenige Ausnahmen sind sie bei Brenton und Hare allesamt opportunistisch, machtgierig, karrieresüchtig und eitel, und also willige Beute für den Hai, der da plötzlich in ihren trüben Gewässern zu räubern beginnt. Sie drucken skrupellos Falschmeldungen, aber weigern sich, sie zu berichtigen. Der Grund, aus ihrer Sicht, ist einleuchtend: »Wenn wir alle Berichtigungen drucken würden, wäre die Zeitung von heute eine einzige Fußnote zur gestrigen Ausgabe.«

In der Tat: Mit der Suche nach der Wahrheit ("Prawda") halten sich diese Journalisten gar nicht erst auf. Sogar als ihnen ein Geheimdokument aus dem Verteidigungsministerium zugespielt

wird, das den Minister als Lügner entlarvt, entschließt sich der Chefredakteur von Le Roux Gnaden erst nach langem Ringen, das Dokument zu drucken. Doch noch bevor es dazu kommt, wirft sich der Verleger dazwischen und seinen Chefredakteur hinaus. Hai-Society.

Viel zu selten finden Brenton und Hare, gingen Journalisten ein Risiko ein: Fleet-Street-Zeitungen handelten, als seien sie alle wie die »Prawda« offizielle Verlautbarungs-Organe und »schnell bereit, mit der Regierung ins Bett zu gehen«.

Korruption war auch das Thema der ersten Zusammenarbeit zwischen den beiden Dramatikern ("Brassneck«, 1973): In England gehören sie neben Stephen Poliakoff und Trevor Griffiths zur zweiten Generation zorniger junger Männer, die sich - wie ihr Vorbild John Osborne - einem politisch-sozialkritischen Theater verschrieben haben. Brenton erregte zuletzt vor sechs Jahren Aufsehen mit seinem Stück »Die Römer in Britannien«, dessen Inszenierung für eine Klage wegen »Anstiftung zu einer grob anstößigen Handlung« Anlaß gab. Hare, der bei der »Prawda«-Uraufführung im Londoner National Theatre Regie führte, ist seit dem Kriminalfilm »Whetherby« und der Verfilmung seines Erfolgsstücks »Plenty« als Filmemacher auch außerhalb Englands bekannt geworden (SPIEGEL 49/1985).

In »Plenty« beschrieb er die Verhältnisse im Nachkriegs-England; in »Map of the World« machte er sich am Beispiel einer Unesco-Konferenz über Albions Kolonialvergangenheit her; in »Whetherby« und nun in »Prawda« geht es ihm um die unmittelbare englische Gegenwart: Life under Thatcher.

Für »Prawda« gab es nach der Uraufführung im Mai vergangenen Jahres verständlicherweise kein einhelliges Presselob - die Murdoch-Zeitungen hielten sich zurück. Das Publikum freilich strömt bis jetzt ins Theater, um das ständig ausverkaufte Stück zu sehen - vor allem wegen des Hauptdarstellers Anthony Hopkins, der den Lambert Le Roux als bedrohliche Karikatur eines Machtmenschen zeigt.

Das Hamburger Schauspielhaus hat sich den britischen Erfolgsreißer früh gesichert, dann aber lange gebraucht, um ihn auf die Bühne zu bringen.

Ursprünglich wollte es Peter Zadek mit Klaus Maria Brandauer inszenieren. Als sich der Plan zerschlug, wurde die ganze Unternehmung verschoben. In diesem Sommer begannen endlich die Proben mit Michael Degen als Le Roux, doch nach den Theaterferien meldete er sich krank und ab. Nun spielt, in der Inszenierung von Matthias Langhoff. Hermann Lause, vom Typ her mehr ein leiser Zyniker als ein bulliger Machtmensch. Vielleicht wird er um so stärker an den gentlemanhaften Axel Springer erinnern als an den berserkerhaften Rupert Murdoch.

Mit Andreas Krämer, Hermann Lause, Martin Pawlowsky, Hans-JoachimMillies.

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