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MAAS Hall im All

aus DER SPIEGEL 46/1965

Die Bilder ähneln planetarischen Panoramen: In nachtblauen Welträumen dehnen sich Strahlenbündel, kreisen Monde, zerbersten Sonnen. Kometen schweifen, Meteore stürzen und Spiralnebel wirbeln. Und planetoide Bläschen wandern neuen Explosionen entgegen.

Diese gemalten Stürze, Zertrümmerungen und Mutationen sind auch zu hören: Ihre Sphärenmusik rauschte, hallte, jaulte, brauste, kreischte, blubberte und schwirrte kürzlich im Kölner Kunsthaus Lempertz vom Tonband.

Neuerdings gellt, dröhnt, orgelt, surrt, pfeift, zirpt und zischt sie aus Plattenrillen: Die Schallplatte gehört zu einer Monographie mit dem Titel »Bilder und Klangbilder«, die der Kölner Kunstkritiker Wolf Schön dem Erfinder der »audiovisuellen« Malerei gewidmet hat - dem Maler und Bildhauer Günter Maas, 42*. Spezialität des Künstlers aus dem Eifelort Jünkerath: die »Umwandlung von abstrakten Gestaltereignissen in elektronische Klangentsprechungen« (Maas).

Die Idee zur tönenden Leinwand kam ihm vor fünf Jahren, nachdem er sich durch Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus und allerlei Abstraktion gemalt und gemeißelt hatte. Denn plötzlich erschien ihm auf seinen Bildern »alles so elektronisch«.

Der Kölner Komponist Karlheinz Stockhausen wußte Rat: Er schickte Maas ins Münchner Studio für elektronische. Musik der Geschwister-Scholl-Stiftung. Dort stand - und steht - eine nach photoelektrischem Prinzip arbeitende Apparatur, »Bildabtaster« genannt, die seither Maasens Bilder zum Klingen bringt.

Maas hat seine Lautmalerei nach Kräften dem Tastgefühl des Münchner Tongenerators angepaßt. In akribischaltmeisterlicher Technik bemalt er seine auf Leinwand geklebten Kartons mit vielerlei Farbschichten, die er dann mit Rasierklingen oder Glasscherben beritzt.

Besonders wichtiges Requisit ist der Photoapparat: Maas überträgt die Motive seiner Bilder auf einige hundert Diapositive.

Das Dia wird dann dem Bildabtaster zugeführt. Der Lichtstrom seiner Elektronenstrahlröhre tastet die optischen Gestalten ab und verwandelt sie in Kreis-, Dreiecks-, Vierecks- und Linienklänge.

Die vom Bildabtaster in Klänge übersetzten Dia-Folgen werden schließlich auf Tonband gespeichert; die Mischung der Tonspuren besorgt der Künstler. Beschreibt Monograph Schön: »Maas löst sich von der einfachen zeitlichen Aneinanderreihung von Klängen und schafft so eine räumliche Klangwelt von großer Intensität.«

Inzwischen hat Maas, der im achten Stockwerk eines Kölner Hochhauses mit Frau und Tochter eine Vier-Zimmer -Wohnung voller alter Möbel behaust und bisweilen in seinem alten Peugeot zum Abtasten nach München eilt, rund 150 »Studien« und »Etüden« (Preis pro Kleinformat: etwa 450 Mark) sowie 17 Groß-»Kompositionen« fertiggestellt (Preis pro Komposition plus Klangbild: 6000 Mark).

Einen Teil seiner Arbeiten hat der Synthetiker von Klangfarben und Farbklängen in Köln und Paris und beim letzten Elektroniker-Colloquium in der Berliner Akademie der Künste zum Hören und Sehen ausgestellt. Eine Ton-Schau im Institut für zeitgenössische Kunst in Washington wird vorbereitet.

Mit den Maas-Methoden lassen sich theoretisch »alle nur denkbaren Bilder in elektronische Klänge umwandeln« (so Maas-Forscher Schön). Die Resultate aber sind wenig ermutigend.

Auf Leonardos Mona Lisa, die Maas seinem Abtaster unterlegte, reagierte der Apparat mit einem Sägezahnton.

* Wolf Schön: »Bilder und Klangbilder,

Günter Maas«. Verlag »Die junge Galerie«, Köln; 66 Seiten; 18 Mark.

Klangmaler Maas

Die Bilder von Welträumen ...

Maas-Bild »Komposition XVII«

... jaulen, brausen und zischen

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