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Ausstellungen Halle des Volkes

Moderne Kunst für ein Massenpublikum bietet die »Szene Rhein-Ruhr« im Essener Gruga-Park.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Wo Geld und Smog am dicksten sind, gedeihen auch die Künste üppig. Nirgends in Deutschland wird reger und ergiebiger gemalt, geformt, gedichtet, komponiert als an Rhein und Ruhr.

»Grob gesprochen«, so überblickt nun der Essener Museumskustos Dieter Honisch dieses fruchtbare Terrain, »leben die Musiker in Köln, die bildenden Künstler in Düsseldorf und die Literaten im Ruhrgebiet.«

Honisch. als deutscher Biennale-Kommissar profiliert, muß es wissen. An der Spitze eines Teams hat er soeben, zum 50jährigen Jubiläum des Folkwang-Museums, eine »regionale Bestandsaufnahme« abgeschlossen: Rund 160 jener Künstler. die in Deutschlands Westen ein Kultur-Klima »aus mangelhaftem Traditionsbewußtsein, Toleranz. Kommunikationsfreude und Aufgeschlossenheit gegenüber Anregungen von draußen« genießen (Honisch). gastieren gegenwärtig auf der »Szene Rhein-Ruhr '72«, einer Ausstellung im Essener Gruga-Park.

So erklingt nun zwei Monate lang im »Lindenrund« der Grünanlage eine ätherische »Open air & water music« -- sie entweicht, durch Orgelpfeifen, kinetischen Objekten, die der in Essen wohnhafte chilenische Komponist Juan Allende-Blin und der Bühnenbildner Hermann Markard gemeinsam in einen Teich gestellt haben. Zu festgesetzten Zeiten führt etwa Mauricio Kagel, der bereits zur Eröffnung konzertierte. seine »Klangerzeuger« vor, und in Lesestunden kommen »noch ein paar Dichter« (Katalogtext) aus der »Literarischen Werkstatt Duisburg« oder dem »Autorenstudio Bottrop« zu Wort.

Hauptsächlich aber ist das Museums-Unternehmen naturgemäß eine Kunstausstellung geworden. Systematischer als in anderen Sparten konnte Honisch bei der Bildkunst die Vormacht des Rhein-Ruhr-Gebiets belegen und wohl die Mehrheit aller überregional beachteten Künstler aus der Bundesrepublik auf seine »Szene« bringen dazu manchen Ausländer in westdeutschem Exil (so den Franzosen Filliou, den Briten Page. den Schweizer Thomkins).

Eine Ballung von Museen. potente Sammler und ein (folglich) florierender Markt locken nämlich mehr und mehr Kunst-Macher in das Revier. in dem sich immerhin schon 1957 die einflußreiche »Zero« -Gruppe zusammenfand und Joseph Beuys seit langem als Produzent und (Düsseldorfer) Professor von sich reden macht.

In Essen tritt die Regional-Liga jetzt überwiegend mit neuen Werken an (Honisch: »80 Prozent Uraufführungen") -- und vor einem neuen Publikum. Um dem Namen seines Museums Folkwang ("Halle des Volkes") endlich einmal gerecht zu werden, hat Honisch seine Auswahl (von wenigen Freiluft-Stücken abgesehen) unprätentiös in große, nüchterne Gruga-Messehallen gestellt und wartet auf Besuchermassen. Ermutigender Anfangsrapport: Am Eröffnungswochenende kamen 10 000 Leute.

Besonders hat es Honisch dabei auf planlose Parkpassanten abgesehen, die -- bei freiem Eintritt -- etwa von Regenschauern ins Trockene, zur Kunst getrieben werden. Zu ihrer Befragung und Belehrung sind Pädagogikstudenten und Museumsangestellte im Einsatz, die außerdem von Zeit zu Zeit bei Malstunden für Kinder assistieren. Doch auch die Künstler selbst regen Beschauer-Aktivitäten an.

So ließ der Düsseldorfer Beuys-Schüler und Verkehrsschutzmann Anatol Herzfeld -- zur Eröffnungsfeier brannte er, nach den Körpermaßen des Kunsthändlers Schmela, ein großes Loch in einen Baumstamm -- Kinder mit Klötzen bauen. Robert Filliou aus Düsseldorf hält Holzstückchen aus einer »Permanent creation toolbox« bereit, die sich zu vielfältigen Girlanden reihen lassen, und eine Kölner Musiker-Gruppe fordert zu Improvisationen im »Feedback Studio« auf.

Zur Lockerung und Belebung ist auch die mit alten Polstermöbeln bestückte »Kontakteria« des Künstlers Y. Fongi gedacht -- ein Ort für Diskussionen, an dem neben dem Verzehr von Kaffee oder »Fongi-Pilz«-Bier gern »eine sogenannte Bewußtseinserweiterung quittiert wird.

Dennoch ist Fongi bei »Rhein-Ruhr« im Grunde deplaciert: Er hält sich zwar »oft hier in der Gegend« auf (Honisch), doch seinen Wohn- und Firmensitz hat er in Oberbayern.

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