Naika Foroutan

Hanau Die Bedrohung ist allgegenwärtig

Naika Foroutan
Ein Gastbeitrag von Naika Foroutan
Ein Gastbeitrag von Naika Foroutan
Ein rassistischer Anschlag war lange eine eher abstrakte Gefahr. Seit Hanau wissen wir: Rassismus kann das Leben unserer eigenen Kinder, Geschwister und Freunde auslöschen.
Forscherin Foroutan: »Hanau hat etwas verändert.«

Forscherin Foroutan: »Hanau hat etwas verändert.«

Foto: Marijan Murat / picture alliance/dpa

Am späten Abend des 19. Februar 2020 habe ich auf einem Newsticker von einer Schießerei in einer Shishabar in Hanau gelesen und unwillkürlich gedacht, zwei verfeindete Clans würden sich in der Innenstadt bekämpfen. So wird es nicht nur mir gegangen sein. Denn seit geraumer Zeit gab es eine starke mediale Aufmerksamkeit für das Thema »Clankriminalität« in Deutschland. In diesem Zusammenhang wurden auch immer wieder Bilder von Shishabars gezeigt. Dieses Framing, also der Rahmen, in dem Bilder präsentiert werden, wirkt unwillkürlich über die Zeit nach und bildet, wie der französische Philosoph Michel Foucault sagt, irgendwann eine »Archäologie des Wissens« und ein Archiv an Informationen, die sich zu einem jederzeit abrufbaren Gedanken verbinden. Dieses geframete, rassistische Wissen, das automatisch Shishabars mit »Clankriminalität« verknüpft, habe ich in meinem Kopf abgespult in dieser Nacht. Unser Wissen muss nicht richtig sein, um eine Wirklichkeit zu konstruieren.

Im Laufe des Morgens stellte sich heraus, dass es sich um einen rassistischen Anschlag handelte, bei dem neun Menschen willkürlich und bestialisch erschossen wurden – von einem Täter, der sie aufgesucht hatte, weil er befand, sie seien »Volksgruppen, Rassen oder Kulturen in unserer Mitte (...) die in jeglicher Hinsicht destruktiv sind« und die »komplett vernichtet werden müssen«. So schrieb er es in seinem Internetpamphlet, das er vorab den Sicherheitsbehörden schickte, die nicht reagierten, wie die bewegenden Berichte der Hanauprotokolle deutlich macht. Auch hier griff ein rassistisches Wissen: Die Behörden verknüpften die Gewaltfantasien eines Weißen, eines 43-jährigen Betriebswirtschaftlers, nicht mit einer realen Bedrohung – so wie sie bereits in den Jahren zuvor die neun rassistischen Morde des NSU nicht mit weißer Täterschaft verbanden, sondern die Angehörigen beschuldigten.

Reale Angst

Die jüngeren Männer, die in Hanau getötet wurden – Ferhat, Hamza, Said, Vili – sehen aus wie mein Sohn und sein Umfeld in der Schule und beim Fußball. Er und seine Freunde oder deren Brüder hätten genauso Opfer des Anschlags sein können. Auch die zutiefst leidenden Eltern, die ich am Morgen danach im Fernsehen sehen konnte, waren mir vertraut. Ihre ermordete Tochter Mercedes Kierpacz sah aus wie eine der jungen Mütter, die ich vom Elternabend kenne, und ihre Söhne Gökhan, Sedat, Kaloyan wie junge Eltern, die mit zu den Fußball-Auswärtsspielen fahren. Wir Eltern wissen um die Gefährdung unserer Kinder – wenn sie so aussehen, als könne das rassistische Wissen automatisiert abgerufen werden. Dass so ein rassistischer Anschlag wie in Hanau jederzeit geschehen kann, ist also auf einem abstrakten Niveau präsent. Aber in einer Nacht unmittelbar zu registrieren, dass Rassismus das Leben der eigenen Kinder, Geschwister, Freunde und Verwandten auslöschen kann, das ist die reale Angst des 19. Februar von Hanau.

Viel wird darüber gelächelt und es wird als kultureller Habitus gedeutet, wenn junge migrantische Männer ihre Körper trainieren, sie regelrecht aufpumpen in Sportstudios. Vielleicht bereiten sie sich in einer Art kollektiver Angst darauf vor, dass sie im Laufe ihres Lebens mit Gewalt konfrontiert sein werden oder mit Ausgrenzungen, auf die sie nicht mit jenen feingeistigen Tools reagieren können, mit denen bürgerliche Mittelschichtskinder ohne Migrationshintergrund aufwachsen? So versuchen sie, das Instrument zu nutzen, das sie haben: ihren Körper. Und so entsteht bei vielen, die sich schon so lange in einem abwertenden, teilweise hasserfüllten Klima ihren Alltag und ihre Normalität erkämpfen müssen, eine Art Körperpanzer. Ein Begriff, der auf Klaus Theweleit zurückgeht. Auch Ta-Nehisi Coates hat darüber geschrieben Oft werden die gepanzerten Körper der migrantischen Jungs belächelt, als Bedrohung angesehen oder als Kompensation mangelnder Intelligenz betrachtet. Aber müssten wir sie nicht als eine Strategie der Angstregulation neu deuten? Hanau hat schmerzhaft gezeigt: Auch gepanzerte Körper schützen nicht vor rassistischen Anschlägen. Am Ende der Nacht waren sie geliebte Söhne und Brüder, die verletzt und zart und tot am Boden lagen, neben der Tochter und Mutter zweier Kinder, Mercedes.

Was Rassismus mit Migration und Integration zu tun hat – und was nicht

Die Bedrohung von rechts bleibt. Sie findet nicht nur punktuell statt – es trifft nicht nur Milieus, die regelmäßig diskursiv abgewertet werden, wie Shishabars oder Moscheen. Die Bedrohung ist allgegenwärtig in Schulen, Bussen, Geschäften, auf Fußballplätzen oder in Klubs. Innenminister Seehofer hat betont, dass Rechtsextremismus derzeit eine der zentralsten Gefahren für Deutschland darstellt. Jeden Tag sei die Möglichkeit zu einer rassistischen Gewalttat gegeben, befürchten die Sicherheitskräfte.

Die Gewalt trifft seit Jahren vor allem Migrant:innen und Menschen, die als solche gelesen werden. Natürlich hat Rassismus nicht zwingend mit Fragen von Migration zu tun. Rassismus gibt es auch in Gesellschaften, in denen es kaum Migration gibt, und er richtet sich historisch gesehen schon viel länger gegen soziale Gruppen, die keine Migrant:innen sind: gegen Sinti und Roma, gegen Jüdinnen und Juden in Nazideutschland, gegen Schwarze in den USA und Schwarze Deutsche, die zum Teil gar nicht in die statistische Kategorie »Migrant« fallen. Trotzdem wird Rassismus hier – anders als in den USA – meist mit den Themen Migration und Integration in Verbindung gebracht. Er richtet sich seit Jahren gegen Menschen, die als Ausländer, Migranten oder Flüchtlinge abgewertet und angegriffen oder sogar getötet werden.

Der Anschlag von Hanau 2020 forderte neun Todesopfer mit türkischen, rumänischen, bulgarischen, bosnischen, kurdischen und Rom-Wurzeln. Beim rassistischen Anschlag vom Münchener Olympia-Einkaufszentrum 2016 starben ebenfalls neun Menschen – alle wurden vom Täter als Migranten gelesen, sieben von ihnen waren Muslime, ein Opfer war Rom, eines Sinto. Und auch der NSU-Mordserie fielen zwischen 2000 und 2006 neun Menschen, die einen Migrationshintergrund hatten, zum Opfer – acht waren Türkeistämmige, einer Grieche.

All diese Anschläge zeigen, dass Menschen mit migrantischem Hintergrund von rassistischer und rechtsextremer Gewalt überproportional betroffen sind. Die Liste lässt sich verlängern: Oury Jalloh aus Sierra Leone, der in einer Gefängniszelle in Dessau 2005 verbrannte; die Familie Genç, die beim Anschlag von Solingen 1993 zwei junge Frauen und drei Mädchen verlor; die beiden Mädchen Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz und ihre Großmutter Bahide Arslan, die in Mölln 1992 in den Flammen starben; die vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen, die 1992 in Rostock-Lichtenhagen im Sonnenblumenhaus verbrennen sollten; die mosambikanischen und vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen, deren Wohnheim in Hoyerswerda 1991 mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen wurde, während Anwohner:innen sich dazugesellten und tatenlos zusahen oder Beifall klatschten; die Opfer des Brandanschlages in Duisburg 1984, bei dem sieben Menschen starben und weitere 23 verletzt wurden – in dem Wohnhaus hatten überwiegend Eingewanderte aus der Türkei gewohnt; der 22-jährige Ngoc Nguyen und der 18-jährige Anh Lan Do, die in Hamburg 1980 an furchtbaren Verbrennungen durch Nazisprengsätze starben. Diese Aufzählung verdeutlicht: Es handelt sich nicht um Einzelfälle.

Migrant:innen sind seit Jahrzehnten Teil Deutschlands. Das ist nicht nur ein Narrativ, sondern eine empirische Befundlage. 26 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, 40 Prozent der Kinder. Rassismus ist für einen Teil dieser Menschen Alltagsrealität. In den vergangenen Jahren führten rassistische Anschläge meistens nur zu »thoughts and prayers« – zu Beileidsbekundungen und nichts weiter. Hanau hat etwas verändert. Das liegt wohl auch daran, dass die rassistische, antisemitische und rechtsextreme Gewalt nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke 2019 und nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle und den Kiezdöner im selben Jahr in dem Anschlag in Hanau kulminierte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach Hanau Rassismus als »Gift« bezeichnet und als Reaktion auf den 19. Februar einen Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus gegründet. Seitdem ist das Thema, das so viele Menschen in diesem Land betrifft, endlich auf höchster politischer Ebene angekommen. Das ist ein wichtiges Signal – auch wenn es für die Angehörigen der Opfer von Hanau zu spät kommt. Es macht deutlich, dass neben der Bedrohung durch Klima, Pandemien und digitaler Desinformation die Themen Rassismus und Migration das kommende Jahrzehnt politisch bestimmen werden.