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Film Hand in Hand

»Before Sunrise«. Spielfilm von Richard Linklater. USA/Österreich 1995.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 14/1995

Schon der alte Laotse gab den guten Rat: Wer nichts tut, braucht nichts ungeschehen zu machen. Weil aber niemand auf ihn gehört hat all die Jahre seither, ist, was ist, wie es ist. Menschen verlieben sich ineinander oder nicht, sie töten einander oder nicht, und ein Rest bleibt unergründlich.

In seinem ersten Kinofilm »Slacker« hat Richard Linklater an einem Tag und einem Ort 99 oder 100 Personen in einer Art Schnappschuß-Stil zum Zug kommen lassen. Sein zweiter Film dann, »Dazed and Confused«, konzentrierte sich, wieder an einem Tag und einem Ort, auf 25 Hauptfiguren. Und in seinem dritten Werk nun erträumt sich Linklaters Held Jesse ein Fernsehprogramm, das jeweils 24 Stunden lang ununterbrochen einen einzigen Menschen im Visier behält: Erst so, meint er, könne man jemanden richtig kennenlernen, und so habe jeder die Chance, auch selber mal an der Reihe zu sein.

Der Film mit Jesse, Linklaters »Before Sunrise«, ist ein Schritt in diese Richtung: Er erzählt - an einem Tag und einem Ort - vom ersten Blickkontakt bis zum letzten Abschiedsnicken die Begegnung zwischen zwei Menschen. Boy meets girl, und sonst rein nichts.

Beide sind Anfang Zwanzig, aber noch von aller kindlichen Bereitschaft beschwingt, neugierig in den Tag hineinzuleben, und beide sind ohne besonderes Ziel unterwegs: So macht es ihnen der Zufall, der sie zusammenwirft, leicht, sich ein bißchen ineinander zu verlieben, von heute bis morgen und nicht gleich für die Ewigkeit.

Jesse, Amerikaner auf Europa-Urlaub, und Celine, Französin mit Oma in Budapest, steigen in Wien aus dem Zug, in dem sie einander gerade kennengelernt haben, und flanieren nun redend und redend und redend den Abend und die Nacht und die Morgendämmerung lang durch die Stadt. Sie trennen sich, als Celines Zug nach Paris geht und Jesses Flug zurück in die USA - und alles Kopfschütteln darüber, daß einer auf die Idee verfallen ist, dies und sonst nichts einen Film lang zu zeigen, hat gute Gründe: So vollkommen nett, arglos, offen und so kein bißchen außergewöhnlich kommt sonst kein Kinopaar daher.

Der Grat, auf dem Linklater und sein Star-Paar Julie Delpy und Ethan Hawke sich den ganzen Film lang bewegen, ist so schmal, daß nur Traumwandler nicht abstürzen: Linklater bleibt beiden treu, ohne sich nur einen Augenblick hochmütig über ihre redselige Albernheit und Gefühlsduselei zu erheben, und irgendwie, wahrlich irgendwie, gewinnt diese kleine Romanze etwas wie Zauber oder Musik.

Das ist nichts für kritische Zeitgeister, nur für nachsichtige Nostalgiker. Es hätte nicht sein müssen, siehe Laotse, ist aber, da es ist, wie es ist, auf seine Weise rührend. Noch besser wäre, selbst noch einmal jung zu sein. Urs Jenny

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