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LONDON/LEWIS Handel mit plots

aus DER SPIEGEL 10/1966

»Lieber Jack London«, schrieb Sinclair Lewis, »ich war sehr erfreut, von Ihnen die Nachricht zu bekommen, daß Sie sich noch einige andere Kurzgeschichten-Entwürfe (short story plots) ansehen wollen. Ich lege ein dickes Bündel bei ... Ich hoffe sehr, daß Sie eine beträchtliche Anzahl davon verwenden können ...«

»Lieber Sinclair Lewis«, antwortete Jack London, »Ihre plots trafen gestern abend ein, und ich habe sofort neun (9) übernommen, für die ich Ihnen hiermit, entsprechend Ihrer Rechnung, per Scheck 52,50 Dollar überweise ...«

Dieses zumindest nach europäischen Auffassungen ungewöhnliche Geschäft zwischen den beiden amerikanischen Schriftstellern wurde im Jahre 1910 getätigt. Lewis, noch unbekannt, war 25; London, schon hochberühmt, 34. Der Briefwechsel, der das Geschäft dokumentiert, ist jetzt - als Anhang eines umfangreichen London-Briefbandes - zum erstenmal veröffentlicht worden*.

Damit wird ein alter Vorwurf gegen den Viel- und Erfolgssehreiber Jack London entkräftet: Schon 1906 war der ehemalige Arbeiter, Tramp, Seefahrer und Goldgräber öffentlich als »plumper Kleptomane« angegriffen worden; Londons Roman »Before Adam«, so der Vorwurf, sei ein Plagiat der »Story of Ab« eines Stanley Waterloo. Londons Entgegnung: Er habe seinen »Adam« als »Antwort« auf Waterloos »Ab« verfaßt, weil »ich letzteren für unwissenschaftlich hielt«.

1931, fünfzehn Jahre nach Londons Selbstmord, behauptete die Zeitschrift »Liberty«, nicht alle London-Romane seien von London geschrieben, für einige habe er einen Ghostwriter eingesetzt - Sinclair Lewis.

Die Affäre blieb ungeklärt. Lewis äußerte sich dazu niemals eindeutig. Er war gerade (1930) als erster Amerikaner mit dem Literatur-Nobelpreis beehrt worden und mochte die Erinnerung an seine Dienstleistungen für den Kollegen London scheuen.

1961 beschrieb der amerikanische Literaturhistoriker Mark Schorer in seiner großen Lewis-Biographie (SPIEGEL 50/1964), was wirklich zwischen Lewis und London verhandelt worden war. Schorers Darstellung wird nun durch die Brief-Publikation belegt.

Danach hat London Lewis nicht als Ghostwriter beschäftigt, sondern lediglich »plots« von ihm gekauft - insgesamt 27. Fünf von ihnen hat er verwertet: Drei verarbeitete er zu Kurzgeschichten ("Winged Blackmail«, »When the World was Young«, »The Prodigal Father"), zwei zu Romanen ("The Abysmal Brute«, »The Assassination Bureau").

Für den bedürftigen Jung-Autor Lewis waren diese Transaktionen lebenswichtig. Er berechnete im allgemeinen fünf Dollar pro plot und hoffte auf größeren Absatz, um seinen Brot-Job aufgeben und endlich »nur schreiben« zu können. Am 15. November 1911 bedankte er sich bei seinem Kunden für überwiesene 15 Dollar: »Die stecken jetzt in einem Wintermantel - sehr nötig bei diesem schönen New Yorker Wind.«

London konnte nicht alle Lewis-plots gebrauchen. »Einige«, so schrieb er seinem Lieferanten, »entsprechen nicht meinem Temperament, andere kommen nicht in Frage, weil ich leider zu faul bin, die dazu noch nötigen Fakten und atmosphärischen Details zu recherchieren.« Wieder andere verwarf er, weil sie »richtige O'Henry-plots sind, für O'Henry wären sie großartig«.

Die beiden Handelspartner ergänzten sich ideal: Jack London hatte immer Mühe, Fabeln für Geschichten zu erfinden, war jedoch stark in der Ausführung; bei Sinclair Lewis war es umgekehrt - ihr Geschäftsabschluß war also »eine sehr vernünftige Vereinbarung« (Lewis-Biograph Schorer).

Und mit der praktischen Vernünftigkeit, die diese kuriose Episode der amerikanischen Literaturgeschichte im ganzen auszeichnet, regelten die Partner auch ein spezielles Problem:

»Um Himmels willen«, schrieb Jack London, »behalten Sie im Sinn, welche von Ihren plots ich genommen habe - damit Sie diese nicht eines Tages selber ausarbeiten.«

»Um absolut sicherzugehen«, antwortete Sinclair Lewis, »mache ich zweierlei: Ich zerstöre meine Notizen für jede story und führe eine Liste über die verkauften plots. Und schaue immer mal wieder drauf.«

* »Letters from Jack London«. Herausgegeben von King Hendricks und Irving Shepard. Verlag The Odyssey Press, New York; 504 Seiten; 10 Dollar.

Geschichten-Verkäufer Lewis

»Ich führe eine Liste«

Geschichten-Verwerter London

»Ich bin leider zu faul«

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