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AUTOREN Handkes Heimleuchtung

Immerzu schimpft der Schriftsteller Peter Handke über die lärmende Raserei der Gegenwartswelt - und wird doch von genau dieser Gegenwartswelt, wie der Rummel um sein neues Buch »Der Bildverlust« eindrucksvoll belegt, als Popstar der Prosa gefeiert. Von Elke Schmitter
aus DER SPIEGEL 5/2002

Eine verbreitete Auffassung besagt, dass früher alles besser war - als man auch noch nicht ständig »früher« sagen musste.

Früher ist man auch noch richtig gestorben, hatte für Krankheiten viel mehr Zeit, die Fortbewegung war allgemein gemächlicher, die Medienwelt noch nicht allmächtig - und auch der Kulturbetrieb war weniger gefräßig, nicht so auf Neuheiten und auf Verschleiß bedacht.

Als Anhänger solcher Auffassungen gilt der Schriftsteller Peter Handke, 1942 in Kärnten geboren. In seinem Werk bevorzugt er seit mehr als 20 Jahren einen besonderen - besonders rätselhaften, besonders poetischen - Ton, der dem Empfänglichen eine gewisse Andacht suggeriert: dem Schriftsteller oder doch immerhin den Dingen gegenüber, die dieser behandelt.

Da ist vom langsamen Gehen die Rede, von den Wundern der Natur, vom erztrüben Wein, doch beiläufig werden schon mal ein paar Mountainbiker erschlagen. Wenn es gut geht, möchte man nach einer ordentlichen Handke-Lektüre nur noch mit dem Bleistift schreiben. Es kann aber auch vorkommen, dass man nie wieder lesen will.

Als politische Person spricht er sich deutlicher aus - und auch wieder nicht. Seine Kommentare zum Balkan-Krieg bedienten unterschiedliche Genres, deren Forderungen er sich dann wieder entzog: Die Reisereportagen wichen den Ereignissen aus, das Theaterstück »Die Fahrt im Einbaum« war dramaturgisch zerfallen, in öffentlichen Auftritten reagierte er auf Nachfragen unwirsch bis pampig, und seine raren Interviews fanden nur noch mit ausgewählten Partnern statt, die, um des Privilegs der Befragung willen, auf unbequeme Fragen gleich verzichteten.

Seine Verteidigung der serbischen Politik, seine Verachtung der Nato und seine hassbebenden Tiraden gegen die Journalisten wurden gelesen, gehört und lange mit der äußersten Aufmerksamkeit bedacht.

Sie zogen Enttäuschung, Erregung und Zorn nach sich - bis hin zu dem einigermaßen skandalösen Ausfall des Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, des Historikers Christian Meier, der die proserbischen Äußerungen des Büchner-Preisträgers Handke zu einer Angelegenheit für den Psychiater erklärte.

Doch insgesamt war und ist die Geduld erstaunlich, mit der nicht nur die Handke-Gemeinde, sondern die gesamte deutschsprachige Kritik sich dem Autor Handke widmet - und sie widerspricht deutlicher als alles andere der Auffassung, der Kulturbetrieb sei schnelllebig und vergesslich.

Denn Handke ist vor allem der Schriftsteller einer Generation: jener, die in den westdeutschen Feuilletons den Ton und das Interesse angibt. Wer heute 40 Jahre oder älter ist, der wuchs mit Handke literarisch auf.

Die Älteren erinnern sich noch an seine Angriffe auf die Gruppe 47 (der er uninspirierte »Beschreibungsprosa« vorwarf), die Jüngeren haben doch immerhin »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« (1970) gelesen und die Erstausgabe von »Der kurze Brief zum langen Abschied« (1972) im Schrank - oder wenigstens Ende der siebziger Jahre die Verfilmung der »Linkshändigen Frau« (1976) mit Edith Clever gesehen.

Viele seiner Buchtitel sind sprichwörtlich geworden ("Begrüßung des Aufsichtsrats«, »Die Stunde der wahren Empfindung«, »Wunschloses Unglück"), und selbst wer nicht liest, hat ein Bild des Autors vor Augen - die zeitgemäße, deutschsprachige Verkörperung des immer beliebten »angry young man«; inzwischen ein jung gebliebener Endfünfziger.

Sein Rang als Popstar der Prosa hat wesentlich mit seinem widersprüchlichen Temperament zu tun, das den Narzissmus des eremitischen Künstlers mit dem des Selbstdarstellers vereint. So entstehen Storys, wie sie bei Kollegen wie Grass oder Walser undenkbar wären, Klatschgeschichten über Liebesbeziehungen und Interviews, in denen der Masochismus der Fragenden der Aggressivität des Befragten aufs Merkwürdigste entspricht: »Wie haben Sie reagiert«, fragt der »Stern« in der aktuellen Ausgabe, »als Sie vergangenen Dezember in einer Titelgeschichte der ''Bunten'' lasen: ''Die blonde Filmdiva Katja Flint könnte jeden Mann haben. Nach zwei Machos liebt sie jetzt den sensiblen Dichter Handke''?«

»Was soll denn das jetzt?«, fragt Handke zurück. »Gehen Sie sich doch ficken!«

Das Interview des »Stern« erscheint pünktlich zum neuen Buch von Peter Handke, »Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos«, laut Verlagsanzeige nicht nur ein weiteres Opus magnum, sondern auch »ein großes Sehnsuchtsbuch, ein Menschenbuch« - unter all dem Quark, der in der Eigenwerbung so reklamiert wird, eine besondere Klebrigkeit**.

Und mit ähnlichem Pünktlichkeitseifer haben sich die Kritiker über den Roman gebeugt oder darüber hergemacht, mit dem für Handke-Werke seit langer Zeit typischen Ergebnis: Überwiegend erregte oder auch erschöpfte Ablehnung; dazwischen vereinzelte Stimmen, die »das große Gegenbuch unserer aktuellen Literatur« ausrufen ("Süddeutsche Zeitung") oder, wie der hier immer verlässliche »Focus« des Handke-Freundes Hubert Burda, von einem »riesigen Wurf« sprechen und einem Werk, das »sich allen üblichen Formen der Literaturkritik entzieht«.

Auch diese Art der Abdankung ist eine typische Reaktion der Kritik auf die Bücher von Peter Handke, seit er spätestens mit der »Lehre der Sainte-Victoire« (1980) seine Kehre vom avantgardistischen, oft aggressiven Autor zum Erfinder einer Poetik vollzog, die, nicht selten griesgrämig, häufig pedantisch, aber - in den Momenten ihres Gelingens - auch höchst suggestiv die persönliche Einbildungskraft zum Zentrum ihrer Anstrengung machte.

Die Treue, mit der ihm seine Kritiker immer wieder in Verstiegenheiten folgten und die sich der Erinnerung an sein Frühwerk verdankt, zeigt sich noch immer in der immensen Beachtung eines jeden neuen Buchs - und wer partout nichts Schlechtes sagen will, sein Lob aber auch nicht begründen kann, der spricht dann eben von der Maßstabslosigkeit auch dieses neuen Werks.

Dabei ist »Der Bildverlust« in vielem der Handke, wie wir ihn schon lange kennen. Das als Roman bezeichnete Buch von 760 Seiten hat eine einfache Fabel: Eine Frau, die als Finanzspezialistin legendär erfolgreich wurde, gibt ein Buch über sich in Auftrag und macht sich auf die Reise zum Autor dieses Buches, der in Spanien lebt.

Die Reise selbst gibt dem Roman den Rhythmus; es wird von ihren Stationen erzählt, den Begegnungen der Frau mit Fremden und alten Bekannten, von der Flora und Fauna, dem Wetter und schließlich dem Gehen selbst: »Sie ging mit allem, was ihr begegnete und unterkam, mit allem, was sie sah, schmeckte, hörte und roch. Und insbesondere ging sie mit den Bildern, den sie aus der Ferne der Zeiten und der Räume in ihrem gleichmäßigen Bergangehen anfliegenden Bildern, welche für noch ganz andere Schutz- und Sicherheitszonen und Zukunftsperspektiven sorgten als die Erinnerungen, Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen.«

Unter Verzicht auf konsumfreundliche Traditionen der Literatur (wie Spannung, Psychologie und Überraschung) folgt Handke auch hier der Poetik seiner letzten Erzählwerke: Der Autor der Geschichte ist eine Figur der Erzählung selbst und thematisiert ihre Entstehung; das Innehalten, die Reflexion und die Vergegenwärtigung sind Motiv und Methode des Romans.

Die Verbindung der Episoden erfolgt durch den häufigen Gebrauch des Wortes »und«, was als gewollte Anspruchslosigkeit wie als Anspielung auf die Tradition des Märchens gelesen werden kann.

Und in der Tat spielen das Märchen- und das Fabelhafte auch in diesem Buch von Handke - in dem sich Anspielungen auf die Reisen des traurigen Ritters Don Quijote finden - eine entscheidende Rolle. Einerseits geschieht es einfach (ein Igel spricht), andererseits wird es beschworen.

So macht die Frau aus ihrer Reise einen Pilgerweg, »schützt« mit ihrer Art zu gehen ihren labilen, ehemals straffälligen Bruder und zeichnet sich überhaupt durch einen besonders innigen Kontakt zu den Elementen und sich selber aus - der es ihr etwa gestattet, sich mit dem Hervorrufen innerer Bilder eine Art von Unberührbarkeit zu verschaffen und das Verhalten anderer Menschen telepathisch zu beeinflussen.

Auf ihrer Reise gerät sie in ein absonderliches Völkchen von Menschen, die

ihrerseits »den Bildern abgeschworen« haben - ein »Bildersturz«, der sie für die normale Welt (bei Handke eine unbestimmte, in Einzelheiten nah scheinende globalisierte Zukunft) untauglich macht.

Das realistische Erzählen hat Handke nie interessiert. Dennoch wurden seine frühen Bücher - wie »Die linkshändige Frau« - umstandslos als gelungene Zeitromane gelesen; nicht nur weil ihr Personal (hier: eine verheiratete Frau auf der Suche nach sich selbst) die allgemeinen Vorstellungen traf, sondern auch, weil seine Sprache von lichter Klarheit war, deren äußere Schlichtheit und Eingängigkeit niemals ins Triviale abglitt und auch die kuriosen Beobachtungen eines Einzelgängers (wie in seinen Journalen) bemerkenswert machte.

Das größte Rätsel, das der Schriftsteller Handke seinen Lesern aufgibt, ist nicht der Wechsel zur Fabel, zum Traktat oder zur Reflexionsprosa (wie in seinen drei »Versuchen"), sondern der fortschreitende Verlust seines Gehörs.

Aus einem Meister der Suggestion, des mal schneidenden, mal auratisch aufgeladenen Tons, aus einem Schriftsteller, der mit allem Gesagten Beachtung fand, weil er es betörend schön zu sagen vermochte, ist nach und nach ein Autor geworden, bei dem grammatischer Murks, offensiver Kitsch und bürokratische Prosa in zunehmender Redseligkeit dahinplätschern.

Dabei sind seine Worterfindungen vielleicht Geschmacksache: Warum nicht eine »Eindringlingin«, ein »Menschenfrosch«, warum nicht »das Grauglitschige aus den Erdritzen lügen«? Manch einer denkt dabei eher an den »Kleinen Maulwurf«, der das kranke Mäuslein heilte, als an Cervantes, doch eine Fabel mag sich auch die Wor-

te erfinden.

Entschieden schwerer erträglich ist der Präraffaeliten-Sound des ganzen Romans: Da »bedünkte es ihm«, regt sich »ein Kindschaftsgefühl«, ist man »eingedenk«, »beim Apfelbrocken«, da wird die »Leibesfrucht« »unter dem Herzen« getragen, hält man »Zwiesprache« beim »Gebirgsnachtmahl« und kann dann, »wo das Dortsein gleichzeitig ein Zuversichtschöpfen war«, »miteinander den Morgen schmecken«.

Natürlich unterläuft Handke das nicht. »Das Mädchen schielt nicht, das soll so gucken«, wie es im Volksmund heißt - und der Dichter will es so. Immer wieder lässt er uns wissen, wie skrupulös er die Worte setzt, indem er sein Zögern mitteilt: »Immer wieder, besonders am Morgen, wie jetzt, im Gebirge, wurde man (man?) gleichsam (gleichsam?) an Haut und Haaren gepackt von einer Zuversicht, die, je grundloser und unsinniger, desto kräftiger war und einen in die Lüfte hob.« Immer wieder teilt er mit dem Publikum die Möglichkeit, auch anderes ganz anders zu erzählen ("das kranke oder alte oder vielleicht eher gar junge Tier"), wie seine Zweifel: »Und es kam zum Bildverlust. (An dieser Stelle der Episode erst wurde dem Autor das Wort zugestanden.) Bildverlust! Vorderhand? Nein, endgültig. Persönlicher Bildverlust? Ihr eigener? Nein, allgemein. Universell. Allgemeiner universeller Bildverlust. Wer sagte das? Wie konnte man derartiges sagen? Die Geschichte sagte es. Sie, die Geschichte, wollte es so. So war es gedacht von der Geschichte.«

Und so geht es dahin mit der Geschichte. Sie »sollte ja in einer Zeit vor sich gehen, da weniger die rein äußerlichen Überraschungen, Erstaunlichkeiten und Unerhörtheiten etwas hergaben - da die bloßen Handlungen als Handlung längst verbraucht schienen - als vielmehr die auf andere Weise erstaunlichen und unerhörten Verschränkungen von Äußerem und Innerem, die Wechselwirkungen und eben Resonanzen, und so der Zeit oder Epoche ihrer Geschichte auch gemäß, oder dieser Zeit sogar ''vorleuchtend'' (wie die Rose im alten Gedicht)? Oder ihr heim- oder um die Ecke leuchtend?« Oder sie ausleuchtend, ihr einleuchtend, oder so?

Ja, »etwas Außerordentliches«, wie die »Berliner Zeitung«, kann man dieses Buch wohl nennen. Selbst seine gelungenen Stellen - wie hie und da Naturbeobachtungen von großer Präzision und Schönheit - fasern an ihren Rändern aus und strapazieren so die Nerven.

Schließlich möchte man dem Autor eine Beobachtung aus seinem Journal »Das Gewicht der Welt« entgegenhalten, die, wiewohl ein Vierteljahrhundert alt, doch immer noch zutreffend ist: »Andrerseits kann man vom Anblick eines im Abendwind glänzenden Strauches auch nicht auf die Dauer sein Seelenleben fristen«.

Doch die Bewunderung des Publikums für einen großen Autor hält lange, lange an. Die Welt ist weniger schlecht, als sie meint: Vor allem ist sie geduldig.

* Mit Sophie Semin und Robert Hunger-Bühler.** Peter Handke: »Der Bildverlust oder Durch die Sierra deGredos«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 760 Seiten; 29,90Euro.* Mit Edith Clever und Rüdiger Vogler.

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