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STAHLBAU Hang zum Brutalen

aus DER SPIEGEL 34/1966

Ich kenne sonst keinen Neubau in unserer Stadt«, schrieb ein Chicagoer Kolumnist, »der nach so kurzer Zeit schon abbruchreif aussieht.« Die Kritik galt dem 189 Meter hohen »Städtischen Verwaltungszentrum« ("Civic Center") in Chicago, das vor einem Jahr fertig wurde. Seine Fassade ist schon jetzt von jener braunen, bröckeligen Schicht überzogen, die seit Jahrhunderten als Zeichen des Verfalls gilt: Rost.

Das Haus war so bestellt worden. Der auf Wunsch seiner Bauherren rostende Wolkenkratzer in Chicago markiert den Anbruch einer neuen Stilrichtung moderner Architektur. Wie inder Millionenstadt am Michigansee, so wurde unlängst auch in Moline (US-Staat Illinois) ein bräunlich verwitterndes Stahlskelett -Haus aufgerichtet, das Verwaltungsgebäude der Landwirtschafts-Maschinenfabrik Deere & Co.; es rostet an einem idyllischen See inmitten eines Eichenwaldes. Und überall in den Vereinigten Staaten experimentieren Architekten mit der neuen, zum Verrosten neigenden Stahlsorte - für Fassadenteile und Balkonvorbauten.

Jahrzehntelang haben Chemiker und Baustoff-Forscher viel Mühe darauf verwendet, Stahl gegen Witterungseinflüsse abzuschirmen. Sie erfanden Spezial-Legierungen und Schutzüberzüge für das Metall und kaschierten die stählernen Skelette mit vorgehängten Fassaden aus teuren rostfreien Materialien, wie Edelstahl, Emaille und Aluminium.

Die neue Rostwelle gilt als Protest gegen die Gleichförmigkeit solch glatter Glanzfassaden. Sie ist Teil der Bewegung des sogenannten Brutalismus, der aus der gleichen Protesthaltung zu Rauhbeton, Grobfasertapeten und Ziegeln zweiter Wahl zurückkehrte.

Die Idee der Rostfassade stammt von dem amerikanischen Architekten John Dinkeloo, 48, Mitarbeiter im Entwurfsbüro des berühmten finnischen Baumeisters Eero Saarinen. 1956, als das Saarinen-Büro den Auftrag für das siebenstöckige Verwaltungsgebäude in Moline erhielt, nahm Dinkeloo Kontakt mit führenden Baustahlfirmen auf. Die Leute, meinte er, seien der glatten Alu-Fassaden überdrüssig, die »sowieso immer wie Konservenbüchsen aussehen«. Rostender Stahl dagegen wirke »ursprünglicher, natürlicher« und sei zudem über Jahrzehnte hinweg wartungsfrei - ähnlich der grünlichen Patina alter Kupfer-Kirchendächer.

Die Stahlsorte, die Dinkeloo auswählte - ursprünglich für Eisenbahnschienen und Güterwaggons entwickelt -, wird mit keinerlei Schutzanstrich oder Verputz überdeckt. Das stählerne Gebälk beginnt rasch zu verwittern. Eine erste Rostschicht blättert innerhalb von ein bis zwei Jahren ab. Darunter aber bildet sich sodann eine zweite, ebenmäßige Korrosionsschicht, die fortan den Stahlteilen dauerhaften Schutz gegen Witterungseinflüsse verleiht.

Der rostfreudige Stahl ist um rund vierzig Prozent teurer als herkömmlicher Baustahl, wie er für innenliegende T-Träger und Baumatten verwendet wird. Dafür ist der Roststahl tragfähiger und mithin sparsamer im Gebrauch. Einziges bisher erkennbares Handikap der Rost-Bauwerke: Regenrinnsale, die während der ersten Rostphase von der Hauswand abtropfen, hinterlassen auf Fenstern und den Steinplatten des Trottoirs häßliche, schwer tilgbare Spuren.

Noch sind nicht alle Bewohner und Betrachter der neuartig-brutalen Bauten von der »Schönheit des Stahls« überzeugt, wie sie die Rost-Anhänger proklamieren. »Ich würde nicht sagen, daß es häßlich ist, aber bis jetzt finde ich es auch nicht wirklich schön«, erklärte der Vizepräsident der American Financial Corporation, die ihr Bürohaus in Centerville (US-Staat Ohio) in Rostbauweise entwerfen ließ. Und der Finanzgewaltige fügte die paradoxe Bemerkung hinzu: »Wir hoffen, daß es attraktiver wird, wenn das Haus nun weiter vergammelt.«

Zahlreiche Bürger in Chicago und Moline protestierten gegen die erdbraunen Stahlbauten. Doch das Amerikanische Institut für Architektur entschied sich für den Rost: Es vergab letztes Jahr seine Goldmedaille an die Erbauer des Rosthauses in Moline.

Rost-Bauwerk »Civic Center« in Chicago

Vergammeln erwünscht

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