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SOWJET-UNION Harakiri im All

aus DER SPIEGEL 43/1964

Hemdsärmelig wollte die »Kosmos -Brigade« durch das Weltall reisen. Es sollte, wie die sowjetische Nachrichten-Agentur »Tass« ankündigte, eine »lang dauernde« Reise werden. Der Kapitän und seine beiden Passagiere trugen, zum erstenmal in der Geschichte der Raumfahrt, »kleinen Dreß": bequeme, körperlange Wollsweater, dazu blaue Klubjacken und »leichten Helm«. Nur zwei Bilder - Marx und Lenin - hingen an den Kabinenwänden, die mit weißem Perlonhimmel ausgespannt waren. Die Kosmonauten aßen roten Kaviar.

Als das sowjetische Drei - Mann - Raumschiff »Woßchod« nach 16 Erdumkreisungen über der Steppe von Kasachstan niederging, blieb westlichen Beobachtern kaum Zweifel: Das Raum -Experiment war vorzeitig abgebrochen worden. Und doch hatte das Kaviar -Team seinen Erkundungsauftrag zu Ende gebracht - wenn auch mit mißlicherem Resultat als erhofft,

Welches die Aufgaben der Expedition gewesen waren, ließ sich an der Zusammensetzung der Crew ablesen:

- Ein Ingenieur, der Raumschiff-Entwerf er Konstantin Petrowitsch Feoktistow, sollte beobachten, wie sich der neue dreisitzige Raumschifftyp im Flug bewährt.

- Ein Arzt, Leutnant Boris Borisowitsch Jegorow, sollte erstmals unmittelbar vor Ort beobachten, wieweit sich Raumfahrer in Mannschaftskapseln den physischen Belastungen des lang dauernden Weltraumflugs anpassen können.

Der Arzt mußte, allem Anschein nach, einen Krankheitsfall melden. Damit scheinen sich die Befürchtungen, die Raumfahrt-Experten in Ost und West während der letzten Monate häufig geäußert hatten, zu bestätigen.

Bereits auf der west-östlichen Raumfahrt-Tagung in Florenz im Mai dieses Jahres hatte der sowjetische Raumfahrt-Experte Anatolij A. Blagonrawow Zweifel geäußert, ob der Mensch auch mehrwöchigen Aufenthalt im All ohne gesundheitliche Schädigung - besonders was Stoffwechsel und Kreislauf anlangt - überstehen könne.

Mittlerweile haben die Sowjets - wie die Amerikaner - in Monate währenden Simulations-Versuchen, bei denen Raumflugbedingungen (mit Ausnahme der Schwerelosigkeit) nahezu perfekt nachgeahmt wurden, die physiologische Gefährdung im All mehr und mehr fürchten gelernt. Bedrohlicher als alle weltraumtypischen Belastungen, wie etwa Strahlung oder Hitze, ist danach für die Kosmonauten, was ihnen vom Erdenleben her am ehesten vertraut ist: ihr eigener Körper.

Die russischen Raumfahrtmediziner mußten feststellen, daß gruppenweise startenden Raumfahrern auf langen Flügen eine Art Weltraum-Harakiri droht: Selbst-Vergiftung durch Kohlenmonoxydgas (wie es sich etwa bei laufendem Motor in einer geschlossenen Garage ansammelt). Die Kosmonauten selbst schieden geringe Mengen dieses Gases ab, das sich sodann - in einem schleichenden Vergiftungsprozeß - an ihre roten Blutkörperchen anlagerte. Folgen: Nachlassen der Leistungs- und Reaktionsfähigkeit sowie verminderte Lichtempfindlichkeit der Augen.

Und noch auf andere Weise wird die Atmosphäre im Innern des Raumschiffes vergiftet. In der engen, vollkommen gegen die Außenwelt abgeschlossenen Raumkapsel häuft sich die Zahl der von der Haut der Kosmonauten abgesonderten Mikro-Organismen. Folge: Das normale biologische Gleichgewicht der Mikroflora auf der Haut und im Körper der Raumfahrer verschiebt sich.

Ähnlich mißliebige Erfahrungen mit dem Problem der Hautabsonderungen machten auch die Amerikaner bei einem lang dauernden Raumkapsel-Versuch. Bei den US-Raumfahrern kam es buchstäblich dazu, daß sie einander nicht mehr riechen konnten: Am fünften Tag des Versuchs begann einer der fünf Teilnehmer, durchdringend süßlich riechenden Schweiß abzusondern. Alle fünf klagten zudem über Kopfschmerzen, heftige Übelkeit, Zahnfleischbluten und Juckreiz in den Augen - das Experiment mußte abgebrochen werden.

Leidend und stark geschwächt erschien auch Woßchod-Ingenieur Feoktistow auf den ersten Photos, die nach der Landung des russischen Raumschiffes geknipst wurden.

Denkbar ist, daß ihm zum Verhängnis wurde, was in den Propaganda-Meldungen als schönste Errungenschaft der Woßchod - Kosmonauten gepriesen wurde: der bequeme Woll-Overall.

Amerikanische Raumfahrtmediziner hatten unlängst darauf hingewiesen, daß sich bei längerem Verharren im Zustand der Schwerelosigkeit Gase und Gastaschen im Darmtrakt bilden könnten, verbunden mit qualvollen Schmerzen für den Raumfahrer. Doch diese Beschwerden können, wie die US-Ärzte hinzufügten, erst dann auftreten, wenn die Astronauten auf ihre herkömmlichen Druckanzüge verzichten und - wie die Woßchod-Brigade - hemdsärmelig auf die Reise gehen.

Kosmonaut Feoktistow Gift in der Kapsel?

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